Belletristik Mutti seufzte nur

Die Romane von Wolfgang Welt sind drastisch und manisch – das Gegenteil der deutschen Schreibschul-Literatur. Jetzt ist sein viertes Buch erschienen. Ein Porträt

Wolfgang WeltDoris hilftMit einem Nachwort von Willi Winkler. BelletristikSuhrkamp VerlagFrankfurt a. M.20092478,50

Wolfgang Welt hat mal ein recht bewegtes Leben gehabt, damals in den Achtzigern, als "wichtigster Musikjournalist des Potts", wie er stolz und zu Recht vermerkt. Er schrieb Reportagen und Kritiken für Rock Session, Musikexpress und Sounds, die zum Besten gehören, was das Genre in dieser Dekade zu bieten hat. Fast wäre so eine Art deutscher Lester Bangs aus ihm geworden – ein erzählender Rockschreiber, ein Antipode zur eher theoretisierenden Popkritik, wie sie Diederich Diederichsen und seine Getreuen vertraten.

Dann beginnt sein Irrlauf. Welt hält sich für J.R. und wähnt ein Filmteam auf seinen Fersen, das die letzte Dallas-Folge dreht. Er randaliert und wird schließlich mit einer schizophrenen Psychose in die geschlossene Psychiatrie eingeliefert. Danach arbeitet er hauptberuflich als Nachtwächter und publiziert in großen Abständen Teile seiner Autobiografie.

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Doris hilft, sein mittlerweile vierter Roman, beschreibt die zweite Hälfte der achtziger Jahre, als er sein Studium endgültig hinschmeißt, den Musikjournalismus drangeben muss und sein erstes Buch angeht. Ein quälender Prozess. Er will den Roman unbedingt, redet bei jeder Gelegenheit davon, nur kommt er nie dazu, ihn zu schreiben. Irgendwann tippt er das Manuskript in sechs Wochen herunter.

Diese eruptive Arbeitsweise wird sich bei den folgenden Büchern wiederholen. Was muss passieren, damit er sich hinsetzt und anfängt zu schreiben? "Ich leide weder an Schreibzwang noch an Schreibhemmung", sagt er. "Ich brauche eine Art Anfall, irgendeinen Anlass, zuletzt war es die Begegnung mit Barbara Römer und die Anschaffung eines Computers. Der nächste Anlass wird Geld sein, weil ich so gut wie pleite bin."

Wolfgang Welts Bücher sind das genaue Gegenteil der Schreibschul-Literatur, die sich bei Lektoren immer noch gesteigerter Beliebtheit erfreuen. Seine Bücher sind unprofessionell, alles andere als wohl konstruiert, stecken voller ungelenker, verbogener Sätze, und sie sprechen ein ausgemergeltes, zerdelltes, aber resolutes Ruhrpottidiom:

"Ich ging rüber in die Disco. Ich sah Christiane, die Omo die ‘de Gaulle‘ genannt hatte, wegen ihrer Nase. Mir waren mehr ihre Titten in Erinnerung geblieben, und ich fragte sie, ob sie mitkäm, einen trinken. Sie war gerade am Tanzen. Sie sagte nein, sie sei mit einem Achtzehnjährigen da, der sie unbedingt ficken wolle. Da zog ich den Schwanz ein und fuhr nach Hause, nicht ohne noch beim Norbert im Appel vorbeizugucken. Dann aber holte ich mir auf der Mansarde einen runter und stellte mir Christiane mit ihren hundertzwanzig ausgeatmet vor."

Im Grunde sind es auch gar keine Romane, sondern geradezu willkürliche Erinnerungsstenogramme. Er habe einfach keine Fantasie, sagte er mal. Er könne nur schreiben, was er erlebt habe. Trotzdem steht unter jedem seiner Titel Roman. Er sei eben ein Romantiker, sagt er.

Leser-Kommentare
  1. "Titten", "ficken", "Schwanz", "sich einen runterholen". Ja, der Mann ist ein Romantiker, ganz ohne Zweifel, und wir sollten ihm alle dafür gratulieren, wieder ein bißchen Niveau in die deutsche Literatur gebracht zu haben.

    Im Ernst: Schade um die Bäume, die für das Papier geopfert werden mußten. Und vergleicht diese Unterschichtautoren bitte nicht mit Georg Büchner, der zwar gleichfalls ein berüchtigtes Ferkel war, aber (1) bei allen seinen Zoten noch geistreich blieb und (2) in allem, was er schrieb, eine wirklich profunde Aussage machte.

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    • Anonym
    • 25.02.2009 um 10:32 Uhr

    habe ich irgendetwas gegen den User Abu Zoff oder seine drastische Ausdrucksweise (ja, ich weiß ... steht alles in Anführungszeichen), aber ... dass Sie seinerzeit meine Benni & Mark Vol. 5 Story "verstümmelten", weil ich in einer Bett-Szene "ein wenig zu deutlich" wurde und andererseits diesen obenstehenden Kommentar #1 ungekürzt lassen ... es läßt sich für mich kaum noch nachvollziehen!

    Gruss
    Knüppel, der manchmal auch die drastische Ausdrucksweise bevorzugt ...

    • geusau
    • 25.02.2009 um 11:06 Uhr

    Wo, bitteschön, ist denn der Vergleich mit Büchner?
    Und was sind Unterschichtautoren? Autoren die aus der Unterschicht kommen und darüber schreiben (da gibt's einige); oder die, die für die Unterschicht schreiben (da gibt's noch mehr)?

    Und braucht es unbedingt immer eine "profunde" Aussage? Das klingt wie: "Was will uns der Dichter damit sagen?"

    Auch wenn die Werke Welts autobiographisch geprägt sein sollten, so müssen sie doch für sich alleine (be-)stehen können.
    Drastische Wortwahl in einem authentischen Kontext ist mir allemal lieber, als geschniegelte Popkultur, die sich an vermeintlich interessanten Oberflächlichkeiten abarbeitet.

    • Anonym
    • 25.02.2009 um 10:32 Uhr

    habe ich irgendetwas gegen den User Abu Zoff oder seine drastische Ausdrucksweise (ja, ich weiß ... steht alles in Anführungszeichen), aber ... dass Sie seinerzeit meine Benni & Mark Vol. 5 Story "verstümmelten", weil ich in einer Bett-Szene "ein wenig zu deutlich" wurde und andererseits diesen obenstehenden Kommentar #1 ungekürzt lassen ... es läßt sich für mich kaum noch nachvollziehen!

    Gruss
    Knüppel, der manchmal auch die drastische Ausdrucksweise bevorzugt ...

    • geusau
    • 25.02.2009 um 11:06 Uhr

    Wo, bitteschön, ist denn der Vergleich mit Büchner?
    Und was sind Unterschichtautoren? Autoren die aus der Unterschicht kommen und darüber schreiben (da gibt's einige); oder die, die für die Unterschicht schreiben (da gibt's noch mehr)?

    Und braucht es unbedingt immer eine "profunde" Aussage? Das klingt wie: "Was will uns der Dichter damit sagen?"

    Auch wenn die Werke Welts autobiographisch geprägt sein sollten, so müssen sie doch für sich alleine (be-)stehen können.
    Drastische Wortwahl in einem authentischen Kontext ist mir allemal lieber, als geschniegelte Popkultur, die sich an vermeintlich interessanten Oberflächlichkeiten abarbeitet.

    • Anonym
    • 25.02.2009 um 10:32 Uhr

    habe ich irgendetwas gegen den User Abu Zoff oder seine drastische Ausdrucksweise (ja, ich weiß ... steht alles in Anführungszeichen), aber ... dass Sie seinerzeit meine Benni & Mark Vol. 5 Story "verstümmelten", weil ich in einer Bett-Szene "ein wenig zu deutlich" wurde und andererseits diesen obenstehenden Kommentar #1 ungekürzt lassen ... es läßt sich für mich kaum noch nachvollziehen!

    Gruss
    Knüppel, der manchmal auch die drastische Ausdrucksweise bevorzugt ...

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    Sehr geehrter Knüppel,
    es handelt sich bei diesen Worten leider um Zitate aus dem Text.
    Mit freundlichen Grüßen,

    Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE

    Wie bereits von der Redaktion angemerkt, handelt es sich bei diesem primitiven Sprachduktus um den O-Ton des Autors, dessen Text Gegenstand des Artikels war und genau so auch im Redaktionsbeitrag zu lesen stand. Haben Sie nicht einmal den ursprünglichen Artikel gelesen, bevor Sie zum Angriff übergingen?

    Sehr geehrter Knüppel,
    es handelt sich bei diesen Worten leider um Zitate aus dem Text.
    Mit freundlichen Grüßen,

    Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE

    Wie bereits von der Redaktion angemerkt, handelt es sich bei diesem primitiven Sprachduktus um den O-Ton des Autors, dessen Text Gegenstand des Artikels war und genau so auch im Redaktionsbeitrag zu lesen stand. Haben Sie nicht einmal den ursprünglichen Artikel gelesen, bevor Sie zum Angriff übergingen?

  2. 3. Zitat

    Sehr geehrter Knüppel,
    es handelt sich bei diesen Worten leider um Zitate aus dem Text.
    Mit freundlichen Grüßen,

    Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE

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    • Anonym
    • 25.02.2009 um 13:02 Uhr

    ein "Wink mit dem Zaunpfahl" und ich kann hier künftig "Ungeheuerlichkeiten" ins Forum stellen, wenn ich sie nur mit "..." als Zitat kenntlich mache?
    Ich glaube, ich sollte langsam mal eine deutlich verschärfte Vol. 6 meiner schwulen Emanzipationsgeschichte "Benni & Mark" in Angriff nehmen ...

    Herzlichen Gruss
    Knüppel ... eigentlich ganz nett

    • Anonym
    • 25.02.2009 um 13:02 Uhr

    ein "Wink mit dem Zaunpfahl" und ich kann hier künftig "Ungeheuerlichkeiten" ins Forum stellen, wenn ich sie nur mit "..." als Zitat kenntlich mache?
    Ich glaube, ich sollte langsam mal eine deutlich verschärfte Vol. 6 meiner schwulen Emanzipationsgeschichte "Benni & Mark" in Angriff nehmen ...

    Herzlichen Gruss
    Knüppel ... eigentlich ganz nett

    • geusau
    • 25.02.2009 um 11:06 Uhr

    Wo, bitteschön, ist denn der Vergleich mit Büchner?
    Und was sind Unterschichtautoren? Autoren die aus der Unterschicht kommen und darüber schreiben (da gibt's einige); oder die, die für die Unterschicht schreiben (da gibt's noch mehr)?

    Und braucht es unbedingt immer eine "profunde" Aussage? Das klingt wie: "Was will uns der Dichter damit sagen?"

    Auch wenn die Werke Welts autobiographisch geprägt sein sollten, so müssen sie doch für sich alleine (be-)stehen können.
    Drastische Wortwahl in einem authentischen Kontext ist mir allemal lieber, als geschniegelte Popkultur, die sich an vermeintlich interessanten Oberflächlichkeiten abarbeitet.

    • geusau
    • 25.02.2009 um 11:21 Uhr

    Ich meinte natürlich "Popliteratur" und nicht "Popkultur"!

    • Anonym
    • 25.02.2009 um 13:02 Uhr

    ein "Wink mit dem Zaunpfahl" und ich kann hier künftig "Ungeheuerlichkeiten" ins Forum stellen, wenn ich sie nur mit "..." als Zitat kenntlich mache?
    Ich glaube, ich sollte langsam mal eine deutlich verschärfte Vol. 6 meiner schwulen Emanzipationsgeschichte "Benni & Mark" in Angriff nehmen ...

    Herzlichen Gruss
    Knüppel ... eigentlich ganz nett

    Antwort auf "Zitat"
  3. Wie bereits von der Redaktion angemerkt, handelt es sich bei diesem primitiven Sprachduktus um den O-Ton des Autors, dessen Text Gegenstand des Artikels war und genau so auch im Redaktionsbeitrag zu lesen stand. Haben Sie nicht einmal den ursprünglichen Artikel gelesen, bevor Sie zum Angriff übergingen?

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