Cebit 2009 Denkprozesse veranschaulichen
Forscher zeigen das 2-D-Spiel Gorge, das Kindern und Jugendlichen ermöglicht, Künstliche Intelligenz zu durchschauen

© jg_79/Photocase
Was denken diese Spielfiguren? Am Computer lassen sich Charaktere mit Künstlicher Intelligenz erschaffen. Ihr Verhalten richtet sich danach, wie sie programmiert sind - und nach dem Zufall
Macht ein Computer- oder Videospiel erst dann Spaß, wenn einer der Gegner aggressiv ist? Wie viel Gewalt ist überhaupt notwendig, damit es Spaß macht? Oder wäre es nicht besser, ganz darauf zu verzichten? Die individuelle Antwort eines Spielers auf solche Fragen hängt von den unterschiedlichsten Faktoren an: Frauen mögen andere Spiele als Männer, Jugendliche finden nicht dasselbe spannend wie Erwachsene – und die Lust auf ein bestimmtes Spiel kann sogar je nach Laune variieren.
Wie man Computerspiele mit künstlichen Wesen programmieren muss, damit echte Menschen daran Spaß haben, erforscht Klaus Peter Jantke vom Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie : Auf der Fachmesse Cebit in Hannover präsentierte der Leiter der Abteilung Kindermedien ein 2-D-Spiel namens Gorge.
Wer das Gewusel auf dem Bildschirm des Forschers verfolgt, dem erscheint sofort "Mensch ärgere Dich nicht" vor dem inneren Auge. Blaue, gelbe, grüne und rote Männchen wandern je nach Augenzahl eines virtuellen Würfels von Punkt A nach Punkt B, können sich auf ihrem Weg gegenseitig behindern und überholen. An sich nichts Besonderes, würden Jantke, sein Mitarbeiter Christian Wölfert und deren Kollegen nicht das Ziel verfolgen, jungen Spielern zu veranschaulichen, wie Künstliche Intelligenz in digitalen Systemen funktioniert, sprich: Wie Computer menschliche Denkprozesse berechnen und simulieren.
"Um die Wirkung der Künstlichen Intelligenz zu demonstrieren, haben wir Gorge entsprechend einfach gehalten", sagt Jantke. "Kinder und Jugendliche werden in die Lage versetzt, eigene Einstellungen an der Künstlichen Intelligenz vorzunehmen, sodass sie rasch sehen, welche Konsequenzen das auf den Verlauf hat". Hierzu lassen sich anfangs sowie während einer Spielpause vier Parameter beliebig einstellen: Sollen die Figuren des eigenen Teams die Gegner etwa attackieren, friedfertig und hilfsbereit oder wagemutig sein, oder anderen aus der Patsche helfen beziehungsweise sie links liegen lassen? Hierzu tippt der Anwender Zahlenwerte von minus fünf bis plus fünf ein.
Anfangs wirkt Gorge willkürlich. Erst nach dem vierten, fünften Durchlauf kristallisiert sich heraus, was hinter der Idee steckt: Bei den roten und den blauen Männchen gibt Jantke einen hohen Aggressionswert ein, die anderen beiden Teams konfiguriert er als friedfertig und hilfsbereit. Nun könnte man meinen, dass entweder Rot oder Blau gewinnt. Von wegen! Beide Mannschaften verschenken so viel Energie, sich gegenseitig zu bekämpfen, dass Gelb und Grün davonziehen – und schließlich Grün gewinnt. "Hätte ich hingegen angegeben, dass drei Teams aggressiv sind, wäre das Team, das nicht aggressiv ist, sehr wahrscheinlich schnell aus dem Rennen", erklärt Jantke.
Je stärker der Spieler variiert, desto besser durchschaut er das Konzept der Künstlichen Intelligenz. Dabei sei es ganz wichtig, dass Gorge auch eine zufällige Komponente habe: "Im Leben ist es ja auch nicht so, dass die Guten immer gewinnen oder immer verlieren. Kinder und Jugendliche sollen erkennen, dass der Spielablauf ebenfalls nicht gottgegeben ist, sondern von verschiedenen Bedingungen abhängt", erklärt Jantke. Das wiederum ließe sich gut auf komplizierte Spiele übertragen, und das ist für den Wissenschaftler von großer Bedeutung: "Meiner Meinung nach wird über komplexe Spiele zu viel Unsinn geredet und geschrieben. Sobald ein Titel ins Kreuzfeuer der Kritik gerät, wird darüber hergezogen. Selbst Wissenschaftler, die sich dazu äußern, haben oftmals nicht ausreichend Kenntnisse."
Die Forscher am Fraunhofer-Institut in Ilmenau bei Erfurt wollen die Dinge erst verstehen und dann darüber reden. Reden könnten Kinder über Gorge zum Beispiel im Rahmen des Schulunterrichts. Denn die Fragen, die das Spiel aufwirft, sind nicht nur mannigfaltig. Sie haben auch einen Bezug zur Realität: Die kleinste Veränderung in den Parametern kann zu einem völlig anderen Ergebnis führen, so wie die kleinsten Entscheidungen im Leben von großer Bedeutung für die Zukunft sein können. Genauso wichtig ist, zu sehen, dass die gewürfelten Augenzahlen signifikanten Einfluss auf das Geschehen auf dem Bildschirm haben; so wie wir manche Sachen im Leben nicht bestimmen geschweige denn vorhersehen können.
Bislang befindet sich Gorge noch in der Konzeptphase, ist also nicht im Handel erhältlich. Zudem soll das Spiel in puncto Grafik überarbeitet werden. Auf der Messe Kinderkult , die Ende April in Erfurt stattfindet, wird es erstmals die 3-D-Variante zu sehen geben. Sehr wahrscheinlich wird Jantkes Team auf der Veranstaltung Exemplare der 2-D-Version verteilen, womöglich wird Gorge auch noch diesen Frühling online über die Homepage des Instituts verfügbar sein.
Schließlich wäre es schade, wenn ein derart anschauliches wie pädagogisch sinnvolles Computerspiel in der Versenkung verschwinden würde. So künstlich ist sie nämlich gar nicht, die Künstliche Intelligenz.
- Datum 10.06.2009 - 15:36 Uhr
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- Serie Technologie
- Quelle 4.3.2009 - 17:54 Uhr
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