Pop & Gesellschaft "Wie auf Koks"

Die Krise, die Medien, der Pop – in allem spiegeln sich die Achtziger: Das deutsche Duo DAF, das damals Musikgeschichte schrieb, spricht über das Gestern im Heute

ZEIT ONLINE: Anfang der Achtziger haben Sie mit ihrer Musik gesellschaftliche Tabus gebrochen – man erinnere sich an Tanz den Mussolini. Ist es jungen Bands heute überhaupt noch möglich, zu provozieren, ohne gleich als Marke vereinnahmt zu werden?

Gabi Delgado: Ich glaube, das ist absolut möglich, da jede Zeit ihre eigenen Tabus hat. Die Gesellschaft tut zwar gerne so, als sei sie liberaler geworden – aber im Prinzip trifft das nur auf die Bereiche zu, in denen man ein Geschäft machen kann. Sexshops: Du kannst dir jetzt nachmittags einen Dildo kaufen, wenn du willst. Aber die persönliche Freiheit der Menschen bleibt von dieser gesellschaftlichen Freiheit unberührt. So kann es jederzeit Tabubrüche geben.

Robert Görl: Das glaube ich auch. Heute immer noch. Denn viele Formate auf dem Markt sind extrem banal und kommerziell. Das kann man ohne Weiteres sprengen, im Underground. 

ZEIT ONLINE: Wo müsste man denn ansetzen als Künstler und Musiker?

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Görl: Es ist gut, als Musiker oder Künstler auch Politik in die Songs zu bringen, dass man die Politik ankratzt und anstößt – sie überhaupt thematisiert.

Delgado: Es ist wichtig, die Welt zu zeigen, wie sie ist. Nicht, wie sie in den RTL-Nachrichten dargestellt wird. Kunst kann das leisten.

Görl: Die Medien sind natürlich auch sehr clever. Wenn eine Band kommt und so etwas macht, wird das sofort umspielt und in eine andere Richtung gedreht.

ZEIT ONLINE: Wie kommt man aus diesem Dilemma raus?

Delgado: Der Kapitalismus ist wie die Borg. Die können alles assimilieren. Die Revolution gegen den Kapitalismus kann morgen schon auf einem T-Shirt verkauft werden. Trotzdem folgt auf eine angepasste Jugend immer eine unangepasste. Erst kam Rock'n'Roll, dann gab's die Hippies, die Beatniks, die Rocker dann City Rollers und Punk. Es gibt immer eine Jugendbewegung die aggressiv und eine die eskapistisch ist. Auf Punk folgte Techno. Eine eskapistische Wochenendveranstaltung. Und weil jetzt gerade eine so angepasste Musikwelt existiert, wird die nächste Musikwelt sicher nicht so brav sein.

ZEIT ONLINE: Sie haben den Eindruck, dass die aktuelle Jugendbewegung im Gegensatz zu jener der frühen achtziger Jahre angepasst wirkt?

Görl: Ja, auf eine gewisse Weise. Die Jugend konsumiert einfach alles. Und sie bekennt wenig Farbe. Das ist mir zu banal. 

ZEIT ONLINE: Viele junge Bands beziehen sich auf die Avantgarde der achtziger Jahre.

Delgado: Die Zukunft liegt nie im Gestern.

Leser-Kommentare
  1. 1. Danke

    Wie schön, mal wieder von der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft zu hören.

    Da höre ich mir das gleich mal an "Und jetzt den Mussolini und tanz den Adolf Hitler und geht in die Knie und tanz den Jesus Christus."

    Kerls, nicht so rumhängen, macht mal wieder was, am besten wieder so was Gutes!!!

    AJ

  2. für das Interview mit den zwei Liedern zum Reinhören. Habe gestern Abend begeistert mit Headset vor dem Rechner gesessen und an die Schallplatten im Keller gedacht, die nun seit vielen Jahren dort (trocken und sicher!) stehen.

    Einen Satz habe ich mit einem Lächeln gelesen: "Delgado: Die Zukunft liegt nie im Gestern." So viel Aufbruch mehr als ein Viertel Jahrhundert nachdem ich diese Musik auch live hörte, war selten. :-)

  3. Ach ja, alte Zeiten,

    DaF, die Avantgarde von EBM und Techno!
    Wie man in dem Interview erkennen kann, sind sie (auch) erwachsener geworden, aber weiterhin schwingt dieses anarchische Element mit:

    "Wir wollten unsere eigene Szene sein."

    Ich lebe in Spanien und mache so gut wie nichts.

    Und der angelsaechsische Casino-Kapitalismus ist mit dem Broetchen-Beispiel herrlich auf den Punkt gebracht.

    Aber was weiterhin am meisten rockt, ist deren Musik!
    Stay tuned!

    ********************************
    Ich gehe, damit ich wiederkommen kann.

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