Ein ungeschriebenes Gesetz des Musikjournalismus lautet: "Nichts ist interessanter als ein neues Album von U2."

Da haben Antony, Afrobeat und das allerneuste Phänomen – Easyjetlifestyle in der Techno-Szene – keine Chance.  Wer über Musik schreibt, schreibt von U2. Der Rolling Stone kürte das neue Album zur Platte der Ausgabe, Birgit Fuss schreibt: "Der dräuende Beat verschluckt fast Bonos Gesang, der sich aber spätestens beim Chorus und dann mit sehr vielen Ooooh-ooooh’s durchsetzt. Wenn erstmal die typische Edge-Gitarre einsetzt, ist alles gut." Na dann ist ja gut, dass alles gut wird. Was ist denn eigentlich gut? "No Line On The Horizon liegt mit seinen heftigen Beats und überbordenden Arrangements, seinen starken Melodien und zwingenden Rhythmen irgendwo zwischen dem klassischen Band-Sound und dem ständigen Willen zur Innovation." Wie schön.

Ganz anders sieht dies die Neue Zürcher Zeitung, deren Autor zu einer sogenannten Listening-Session eingeladen war. Arm an Innovation sei es. Schuld daran ist jedoch nicht die Band, die mit früheren Vorstößen in die Elektronik floppte. Es sind die Fans: "U2 haben in ihrem 33. Jahr eine große reflexartige Käuferschaft, die an die eigene Jugend erinnert werden will, basta."

Und wie läuft das ab? Ganz einfach: Da ist die "flackernd melodierende Gitarre von The Edge, Adam Claytons raunender Bass, das leise treibende Trommeln von Larry Mullen – und Bono, der heiser-hysterische Schreihals. Alles ein einziges Déjà-entendu. Kein Song ohne Oh, oh, ah, ah-Chörli, wahlweise Uh, uh – man hört schon die West- und Südkurven mitgrölen."

Spekuliert oder memoriert – "56-mal singt Bono das Wort Love, drischt Phrasen, pflegt den Erweckungsjargon der Freikirchen: Go, shout it out, rise up, oh, oh! Einen wie DJ Bobo würde man auslachen, vor Bono erstarrt man in Ehrfurcht. Ergötzt sich das Publikum bei Verwandlungskünstlerin Madonna stets an Neuem, so labt es sich bei U2 immer wieder am Alten. Und ist das gute Alte mal nicht so gut – sei's drum."