Krisengipfel Absage an einen Soli-Zuschlag für Osteuropa
Solidarität. Die haben die EU-Staats- und Regierungschefs auf ihrem Sondergipfel beschworen. Protektionismus und Sonderwünsche lehnten sie gleichermaßen einig ab
Im Foyer des Europäischen Rates in Brüssel hängt dieser Tage ein Kunstwerk, das an die Teilung Europas bis 1989 erinnern soll. Die Collage zeigt ein bläulich gefärbtes Westeuropa, das durch einen Stacheldrahtzaun von einem rötlich gefärbten Osteuropa getrennt ist.
"Vielleicht sollten wir den Stacheldraht besser durch Geldscheine ersetzen", entfährt es einem der Journalistenkollegen, die am Sonntag den informellen Krisengipfel der 27 europäischen Regierungschefs verfolgen. Treffender lässt sich die Debatte über Solidarität, die Europas Regierungen derzeit mit Leidenschaft führen, kaum beschreiben.
Tschechien hatte als EU-Ratsvorsitzender zu dem eiligen Sonntagstreffen geladen. Eigentlich kommen die 27 Staatschef schon in drei Wochen zu ihrem regelmäßigen Frühjahrsgipfel zusammen. Doch die Tschechen bewegte wohl die Sorge, die 15 Mitglieder der Euro-Raumes könnten angesichts der Wirtschaftskrise einen eigenen Sondergipfel einberufen – und die Länder des Zloty, Forint und der Krone außen vor lassen.
So wäre die realistische Erwartung an den Sonntagsgipfel gewesen, den Blick der EU-Mitglieder erst einmal ganz behutsam in die richtige Richtung zu lenken. Weg vom "Ich" (eine Sicht, die vor allem Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy demonstrierte, der am liebsten Autofabriken heim auf die nationale Scholle holen will), hin zum größtmöglichen "Wir".
Entsprechend überraschend kam der Aperitif, den der ungarische Regierungschef Ferenc Gyurcsány seinen EU-Kollegen noch vor Beginn des gemeinsamen Arbeitsmittagsessens im Rat per Tickermeldung servierte: Er forderte einen Soli-Zuschlag des Westens für Osteuropa. Die Nicht-Euro-Länder, sagte er Journalisten, brauchten einen Sonderfonds in Höhe von knapp 200 Milliarden Euro. Damit solle sowohl die Zahlungsfähigkeit der Staats- und Privatbanken wie auch die Stabilität der Privatwirtschaft gesichert werden.
Dem Mann war der Vergleich mit den Zeiten des roten und blauen Europa nicht zu hoch: "Wir sollten keine neuen Eisernen Vorhang entstehen lassen und Europa nicht in zwei Teile teilen", sagte er noch vor Beginn des Gipfels.
Seiner Forderung erteilten laut westeuropäischen Diplomaten allerdings schon vorher die Nicht-Euro-Staaten eine deutliche Abfuhr. Während des Gipfels selbst, bekräftigte Bundeskanzlerin Angela Merkel, habe "niemand eine konkrete Zahlenforderung aufgestellt, auch nicht die Mittel- und Osteuropäer." Auch einen beschleunigten Aufnahmeprozess für osteuropäische Länder in die Euro-Zone schloss sie aus.
Erwartungen auf Finanzspritzen für Länder, denen der Staatsbankrott droht, hatte allerdings vor dem Gipfel Merkel selbst geweckt. "Wir sind bis jetzt solidarisch miteinander gewesen, wir werden Wege der Solidarität finden", hatte die Kanzlerin am Donnerstag in Berlin gesagt. Gemünzt war diese Bemerkung allerdings auf die 15 Euro-Länder. Merkel nannte als ein Beispiel Irland, das besonders hart von den Banken-Pleiten betroffen sei.
Konkrete Hilfspakete wurden nun in Brüssel nicht gepackt. Heraus kamen die bereits bekannten Beschwörungen konzertierter Zusammenarbeit. Immerhin, so die Kanzlerin auf der abschließenden Pressekonferenz, sei man zu der Schlussfolgerung gelangt, dass "kein Land einem anderen protektionistische Tendenzen unterstellt." Und wenn die Lage in Osteuropa sich tatsächlich dramatisch verschlechtern sollte, gelte "das Prinzip der Solidarität". Soweit, so Punkt.
Einigen Nicht-Euro-Staaten hat die EU-Kommission übrigens schon geholfen. Zusammen mit der Weltbank stellte sie Ungarn und Lettland Stützungskrediten von 20 Milliarden beziehungsweise 7,5 Milliarden Euro zu Verfügung.
Die Kanzlerin scheint nun abwarten zu wollen, wie sich die Lage entwickelt. "Es macht jetzt überhaupt keinen Sinn, allgemeine Spekulationen zu veranstalten", sagte sie.
Tatsächlich verbreitete Merkel eine ebenso wohltuende wie zeitgeistwidrige Unaufgeregtheit in Brüssel. Ja, sie traute sich sogar, von "Konsolidierung" zu reden, wo der Rest der Welt noch den Untergang fürchtet. "Wir müssen zurückkehren zum Stabilitäts- und Wachstumspakt", sagte sie mehrfach. Die Verschuldung der EU-Staaten müsse so bald wie möglich wieder auf die Maastricht-Kriterien zurückgefahren werden. Schön, dass an die überhaupt noch jemand denkt.
"Wir dürfen keine Probleme kreieren, die es in der Realität nicht gibt", sagte die Kanzlerin. Diesen Satz sollten die Europäer vielleicht zum ersten Gesetz der Krise erheben. Nichts wäre jetzt verheerender als eine Paranoia – aus der wird in der Wirtschaftswelt mit schlimmer Regelmäßigkeit eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.
Gut, mit anderen Worten, dass die europäischen Regierungschefs in drei Wochen schon zum nächsten Realistätscheck nach Brüssel kommen. Bis dahin nämlich können sich die Welt und ihre Zahlen schon wieder ein bisschen verändert haben.
- Datum 11.03.2009 - 17:34 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Allein die Sprache, die zum Zusammenhang mit den Konjunkturprogrammen und Hilfspaketen auf europäischer Ebene gebraucht wird, ist verräterisch. Der geforderte Hilfsfonds für Osteuropa ist also ein "Sonderwunsch", die Verpflichtung Frankreichs an die Autoindustrie, keine Arbeitsplätze abzubauen, Protektionismus? Es ist im ureigenen Interesse der gesamten Europäischen Union, dass kein Land über die Klippe geht, dass das Wachstum überall stabil gehalten wird – auch und gerade in Osteuropa. Wer würde denn am meisten unter einem Einbruch Osteuropas leiden bzw. wer leidet schon jetzt darunter: Deutschland!
Wenn Hilfen für Konjunkturprogramme aber als "Sonderwunsch" (vulgo: Extrawurst) begriffen werden, wird es zu ihnen natürlich nicht kommen. Dann können Polen und die baltischen Staaten nicht nur expansive Maßnahmen fahren, sondern müssen gar zu einer deflationären Politik greifen. Deflation ist wie ein Virus: sie verbreitet sich rasend schnell und bringt andere Länder in Zugzwang, es den Ursprungsländern gleichzutun. Dann wird Deutschland in der Mitte Europas schneller abstürzen als viele Nachbarländer. Aber das haben wir von einer Kanzlerin, die zu lange abwartet und von den falschen Beratern umgeben wird.
Wer würde denn am meisten unter einem Einbruch Osteuropas leiden bzw. wer leidet schon jetzt darunter: Deutschland!
Und wer wird am meisten unter diesen gigantischen Summen, die hier im Spiel sind leiden. Genau. Wir(!) werden dann noch mehr arbeiten und werden noch mehr feststellen, dass Arbeit eigentlich nichts bringt, weil das Geld schon vorher ausgegeben wurde.
Hier ist Augenmaß angebracht!!
Der gigantische Aufstieg Osteuropas war zum großen Teil eine Blase. Blasen kann man nur zurückführen oder weiter Geld drucken. Geld drucken heißt aber Schulden und Inflation. Also zukünftige Geldentwertung. Also Arbeit für wenig Gegenwert oder Renten, die gerade einmal fürs Überleben taugen usw...
Die Ost-EU-Länder außerhalb der Eurozone können doch sehr wohl eine inflationäre Politik fahren - über Staatsverschuldung und niedrige Leitzinsen. Sie können daraufhin sogar abwerten, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Allerdings läuft die Verschuldungsrechnung nur in ihrer eigenen Währung - was entsprechend hohe Risikozinsen bedeutet. Und da das teuer ist, rufen sie lieber nach "Solidarität" der West-Länder bzw. Deutschlands.
Wer würde denn am meisten unter einem Einbruch Osteuropas leiden bzw. wer leidet schon jetzt darunter: Deutschland!
Und wer wird am meisten unter diesen gigantischen Summen, die hier im Spiel sind leiden. Genau. Wir(!) werden dann noch mehr arbeiten und werden noch mehr feststellen, dass Arbeit eigentlich nichts bringt, weil das Geld schon vorher ausgegeben wurde.
Hier ist Augenmaß angebracht!!
Der gigantische Aufstieg Osteuropas war zum großen Teil eine Blase. Blasen kann man nur zurückführen oder weiter Geld drucken. Geld drucken heißt aber Schulden und Inflation. Also zukünftige Geldentwertung. Also Arbeit für wenig Gegenwert oder Renten, die gerade einmal fürs Überleben taugen usw...
Die Ost-EU-Länder außerhalb der Eurozone können doch sehr wohl eine inflationäre Politik fahren - über Staatsverschuldung und niedrige Leitzinsen. Sie können daraufhin sogar abwerten, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Allerdings läuft die Verschuldungsrechnung nur in ihrer eigenen Währung - was entsprechend hohe Risikozinsen bedeutet. Und da das teuer ist, rufen sie lieber nach "Solidarität" der West-Länder bzw. Deutschlands.
Wer würde denn am meisten unter einem Einbruch Osteuropas leiden bzw. wer leidet schon jetzt darunter: Deutschland!
Und wer wird am meisten unter diesen gigantischen Summen, die hier im Spiel sind leiden. Genau. Wir(!) werden dann noch mehr arbeiten und werden noch mehr feststellen, dass Arbeit eigentlich nichts bringt, weil das Geld schon vorher ausgegeben wurde.
Hier ist Augenmaß angebracht!!
Der gigantische Aufstieg Osteuropas war zum großen Teil eine Blase. Blasen kann man nur zurückführen oder weiter Geld drucken. Geld drucken heißt aber Schulden und Inflation. Also zukünftige Geldentwertung. Also Arbeit für wenig Gegenwert oder Renten, die gerade einmal fürs Überleben taugen usw...
Das Wachstum kann man nicht stabil halten, denn derzeit gibt es keins. Es kann nur darum gehen, andere Länder vor der Pleite zu retten. Es wäre fatal, den Ungarn oder Polen nun extra-Euros in den Rachen zu schieben, in der Hoffnung, sie würden dafür deutsche Produkte kaufen. Das ist ähnlich blödsinnig wie die Abwrackprämie. Wenn wir schon unsere eigenen Produkte von Steuergeldern kaufen, dann doch besser gleich direkt.
Und das Deflationsgespenst, das nun von allen gern herbeigeredet wird, halte ich nach wie vor für ein Gerücht. Die Geldmengen, die jetzt mal eben gedruckt werden, werden sofort nachdem man nach der Krise ein bisschen Morgenluft wittert, eine saftige Inflation ergeben. Derzeit ist alle Inflation und Deflation ohnehin nur ein Spiegel des Ölpreises, nichts weiter. Und was soll der Satz: "Dann können Polen und die baltischen Staaten nicht nur expansive Maßnahmen fahren, sondern müssen gar zu einer deflationären Politik greifen."
Was ist denn eine "deflationäre Politik"? Leitzinsen senken, Neuverschuldung, Staatsprogramme? Da müssen die Polen uns nicht anstecken, das machen wir doch längst.. Und wie fährt man expansive Maßnahmen?
Die massive Abwertung der Landeswährungen spricht weiterhin gegen Deflation. Die müssen ihr Öl schließlich auch für Dollars kaufen, das hält die Preise hoch.
... Tatsächlich verbreitete Merkel eine ebenso wohltuende wie zeitgeistwidrige Unaufgeregtheit in Brüssel. ....
Wird damit zum Ausdruck gebracht, dass sie "das" aussitzt? Aber das ist doch eigentlich die Arbeitsweise von Helmut Kohl gewesen?!
Tut mir leid ... Hier sitz ich nun und kann nicht anders ...
Gruß, Bernd
*** Money helps the body to survive, but friends are needed to make the soul survive ***
demostrieren zwei kleine Worte das komplexe Problem. Was für die Einen ein Zuschlag ist, ist für die Anderen ein Abschlag. Deshalb ist die Absage an die Forderungen nach Zuschlag gleichfalls eine Zusage an die Verweigerer des Abschlages. Aufgabe der Politik ist es hier einen gemeinsamen Nenner zu finden. Der könnte heißen au und bz oder vielleicht az und bu ... wir werden sehen, sprach der Blinde.
Irgendwie werde ich aus dem gelesenen nicht richtig schlau. War das jetzt ein endgültiges "NEIN" oder wird daraus in 3 Wochen ein "JA"? Und die Passage, wo die Kanzlerin angeblich den Iren Solidarität zugesprochen haben soll macht es noch verwirrender.
Ich persönlich bin weder für irgendwelche Hilfen, noch dagegen, denn ich kann mir momentan die Folgen solches Handelns (oder nicht Handelns) schlecht vorstellen.
Die Ost-EU-Länder außerhalb der Eurozone können doch sehr wohl eine inflationäre Politik fahren - über Staatsverschuldung und niedrige Leitzinsen. Sie können daraufhin sogar abwerten, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Allerdings läuft die Verschuldungsrechnung nur in ihrer eigenen Währung - was entsprechend hohe Risikozinsen bedeutet. Und da das teuer ist, rufen sie lieber nach "Solidarität" der West-Länder bzw. Deutschlands.
Alos ich hab nichts dagegen wenn wir die "Ossi-Steuer" den Ländern zur Verfügung stellen die das Geld auch brauchen können. Die Eingliederung des Landes in dem "Bananen-Milch & Honi" fließt ist ja nun doch schon etwas länger her. ;-)
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