Claudia sitzt nägelkauend auf dem Sofa im Foyer. Sie hat einen Karton neben sich liegen, eingepackt in buntes Papier, auf dem kleine Bauarbeiter umeinander wimmeln.

Sie zieht ihre kurze Jacke zurecht, wirft einen Blick in die spiegelnde Fensterscheibe, schaut wieder auf ihre Uhr, räuspert sich und kaut an den Nägeln.

Claudia ist verabredet. Sie hat ihn lange nicht gesehen. Sechs endlose Wochen, und nun zählt jede Minute. Sie hat sich diesen Ort für ein Wiedersehen ausgesucht, das Familienzentrum.

Sie räuspert sich.

Da kommt er. Er ist in Begleitung einer Frau. Claudia schluckt, sie kennt die Frau. Sie hat sie einmal getroffen. Die Frau kommt auf sie zu, lächelt und reicht ihr die Hand. Claudia ergreift sie widerwillig, während ihr Blick den seinen sucht. Er schaut zu Boden. Etwas linkisch steht er dort.

Dann fällt er in ihre Arme. "Mama", sagt er.

Claudia wischt sich eine Träne aus den Augen. Dann weint sie hemmungslos.

"Nicht, Mama", sagt Chris, und Claudia fängt sich.

Frau Jablonski schaut hilfesuchend zu mir: "Können Sie uns bitte die Räume aufschließen?", fragt sie.

Frau Jablonski arbeitet beim Jugendamt, sie ist vom "Betreuten Umgang".

Claudia hatte im Herbst das Sorgerecht für ihren Sohn verloren, da sie zum wiederholten Male volltrunken in der Wohnung lag, außerstande, sich um ihn zu kümmern. Am Vorabend seiner Klassenreise, als seine Mutter noch immer im Bett lag, nicht ansprechbar, hat Chris sich telefonisch Hilfe geholt, da er nicht allein seinen Koffer packen konnte.

Der Vater hat ihn gleich mitgenommen. Claudia hat den Sohn beschimpft und den Vater bespuckt. Vor Gericht hat dann Benno, der Vater, das Sorgerecht zugesprochen bekommen. Claudia wurde dringend empfohlen, sich um ihr Alkoholproblem zu kümmern.