Die Welt ist ein für Frauen und Männer sehr unterschiedlicher Ort ist. Frauen leisten weltweit zwei Drittel aller Arbeit, erhalten dafür aber nur ein Zehntel des Einkommens und besitzen nur ein Prozent des Eigentums. 70 Prozent der extrem Armen sind Frauen und Mädchen. "Die Gleichstellung der Geschlechter ist der Schlüssel zur Überwindung von Armut", sagte Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul deshalb folgerichtig bei der Präsentation des Weltbevölkerungsberichtes 2008 vergangenes Jahr. Aber spiegelt sich diese Einsicht in der Entwicklungspolitik wider?

Im Jahr 2000 haben sich 189 Staaten in der Millenniumserklärung verpflichtet, mit der Umsetzung von acht Millenium Development Goals (MDGs) zur weltweiten Armutsbekämpfung beizutragen. Die demonstrative Einigkeit der Akteure auf der Bühne der internationalen Entwicklungspolitik, ihren gut gemeinten Absichtserklärungen bis 2015 nun auch gut gemachte Taten folgen zu lassen, mag eine positive Überraschung gewesen sein und hat zu großer internationaler Aufmerksamkeit geführt. Aber die aus der Millenniumserklärung abgeleiteten Ziele sind nicht übertrieben innovativ. Vor allem im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit können die MDGs sogar als Rückschritt betrachtet werden. So war etwa die Aktionsplattform der Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 schon sehr viel breiter angelegt, konkreter formuliert und in ihren Forderungen erheblich konsequenter.

Also darf – nicht nur anlässlich des Internationalen Frauentages am kommenden Sonntag und weil die Halbzeitmarke für die Erreichung der Millenniumsziele gerade überschritten ist – die Frage gestellt werden, wie bedeutsam die MDGs im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit überhaupt sind. Positiv ist, dass im dritten Millenniumsziel die Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und die Selbstbestimmung von Frauen ausdrücklich thematisiert wird. Aber die hier formulierte Vorgabe, das Geschlechtergefälle in der Grund- und Sekundarschulbildung zu beseitigen, steht bemerkenswert isoliert und blendet andere wesentliche Faktoren zur Durchsetzung von Gleichberechtigung aus. Und die geforderte Selbstbestimmung von Frauen wird in der Gesamtschau der Ziele zu einem Nebenelement.

In den MDGs drückt sich nur die Erkenntnis aus, dass Frauen von Armut häufiger und stärker betroffen sind als Männer. Diese Erkenntnis ist nicht neu und zweifellos auch wahr. Aber ihre Rolle als wesentliche Akteurinnen in Entwicklungsprozessen bleibt unberücksichtigt und bestehende Machtverhältnisse bleiben unangetastet. Dabei ist doch eigentlich unbestritten, was Kofi Annan richtig auf den Punkt brachte: "Die Zukunft der Welt ist abhängig von den Frauen."

Andere Stellen im Zielkatalog beziehen sich auf Frauen vor allem im Zusammenhang mit ihrer traditionellen Geschlechterrolle als Schwangere und Mütter. Immerhin wird in der ersten Zielvorgabe "Beseitigung der extremen Armut und des Hungers" auf die "produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle, einschließlich Frauen und junger Menschen" eingegangen. Und die in der zweiten Zielvorgabe geforderte Verwirklichung der allgemeinen Grundschulbildung soll gleichermaßen für Jungen wie Mädchen gelten. Aber damit ist die genderpolitische Schmalspuragenda der MDGs leider auch schon vollständig dargestellt.