Tarek al-Wazir gilt als eines der größten politischen Talenten unter den jüngeren Grünen. Insbesondere der neue Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir hatte ihn deshalb zu überreden versucht, aus der hessischen Provinz in die Bundespoilitik zu gehen. Nach der Landtagswahl im Januar hatte al-Wazir auch selbst mit seinem Wechsel nach Berlin geliebäugelt. Mit seinem Heimatland schien er nach einem Jahr politischem Chaos und Wahlerfolg von Roland Koch durch zu sein.

Man konnte es ihm kaum verdenken: Um ein Haar wäre al-Wazir im Herbst hessischer Umweltminister geworden. Das scheiterte an vier störrischen SPD-Abgeordneten und an deren Parteichefin Andrea Ypsilanti, die unfähig war, ihre Kritiker einzubinden. Bei der Neuwahl im Januar erzielte al-Wazirs Partei zwar ein Rekordergebnis. Das nützte aber nichts, weil die FDP ebenfalls stark zulegte und es für Schwarz-Gelb reichte.

Noch einmal also fünf Jahre lang den heimlichen Oppositionschef in Wiesbaden geben? Das schien ihn nicht zu reizen. Immerhin ist der 38-jährige al-Wazir schon seit 14 Jahren Mitglied des Hessischen Landtags. Über die Parteigrenzen hinweg gilt der gebürtige Offenbacher mit jemenitischem Vater und deutscher Mutter als einer der besten Rhetoriker des Landes.

Dass er im Herbst nach Berlin wechseln würde, schien also durchaus wahrscheinlich. Die Parteispitze, allen voran Özdemir, hatte al-Wazir öffentlich dazu ermuntert. Die Partei brauche eine Blutauffrischung, einen Generationswechsel. Auch die beiden Spitzenkandidaten der Grünen, Jürgen Trittin und Renate Künast, ließen sich zuletzt auffallend gern mit dem jungen hessischen Star sehen. Lange schon wurde nicht mehr jemand so offensiv dazu eingeladen, die Karriereleiter nach oben zu springen.

Heute kam dann die überraschende Absage, sieben Wochen nach der Landtagswahl: Al-Wazir ließ mitteilen, dass er "nach reiflicher Überlegung" entschieden habe, sich doch nicht um ein Bundestagsmandat zu bewerben. "Sein Bauchgefühl" habe ihm zu verstehen gegeben, dass er in Hessen wichtiger sei. Zwar wolle er weiterhin bundespolitischen Einfluss nehmen, jedoch seien auch starke Landesverbände für die Bundespartei wichtig. Eine Kandidatur für den Bundestag zu einem späteren Zeitpunkt schloss er allerdings nicht aus.

Die politische Konkurrenz in Hessen reagiert spöttisch auf den Rückzieher. Florian Rentsch, Fraktionschef der FDP im Landtag, sagt ZEIT ONLINE, dass al-Wazir in Hessen bleibe, könne eigentlich nur bedeuten, dass er selbst "nicht an ein gutes Abschneiden der Grünen bei der Bundestagswahl im September" glaube.