ZEIT ONLINE: Herr Fegeler, Deutschland wird derzeit von den Masern heimgesucht. Allein in Hamburg melden die Behörden mehr als 100 Erkrankungen, so viele wie in den vergangenen acht Jahren zusammen nicht aufgetreten sind. Auch in Nordrhein-Westfalen häufen sich die Fälle. Herr Fegeler, wie gefährlich sind die Masern überhaupt?

Ulrich Fegeler: Masern bedeuten nicht nur ein bisschen Fieber und ein paar Pünktchen, wie viele glauben. Die Viruserkrankung ist extrem gefährlich. Bei Masern kommt es zu Fieberschüben bis zu 40 Grad Celsius und das auch über längere Zeit hinweg. Die Erkrankung wird sehr häufig begleitet von Komplikationen, vor allem von Mittelohrentzündungen, einer schweren Bronchitis oder Lungenentzündungen. Die unangenehmste Variante ist aber die Hirnentzündung. Sie tritt bei Kindern etwa in einem von 500 bis 1000 Fällen auf. Problematisch sind die Masern im Verlauf des ersten Lebensjahres. Wenn also Eltern nicht geimpft sind und sich ein Säugling ansteckt, kann das furchtbare Folgen haben. Die Erkrankung heilt nicht aus, der Körper ist nicht in der Lage, eine ausreichende Immunität zu entwickeln – und so können die Masernviren in den Hirnzellen überdauern und immer wieder gefährlich werden. Diese schleichende Infektion des Gehirns führt nach acht oder neun Jahren unweigerlich zum Tod. Diese Erkrankung bezeichnen wir als SSPE, was für "subakute sklerosierende Panenzephalitis" steht.

ZEIT ONLINE: Masern sind aber nicht nur für Kinder gefährlich.

Fegeler: Das stimmt. Der Verlauf der Erkrankung ist bei Erwachsenen schwerer. Unsere körpereigene Abwehr wird mit dem Alter nicht besser. Bei Erwachsenen kommt es deswegen auch viel häufiger zu Komplikationen und auch zu Hirnentzündungen. Selbst  kleinere Epidemien, wie sie einmal im Jahr in Deutschland auftreten, hinterlassen im Schnitt bei zwei Erkrankten bleibende Schäden. Je nachdem, welche Hirnareale sich entzünden, kann das zu Lähmungen führen oder auch geistige Fähigkeiten dauerhaft beeinträchtigen. In meiner Praxis haben wir bereits Kinder behandelt, die vor der Masern-Infektion vollkommen normal entwickelt waren. Danach waren sie in Folge der Hirnentzündung geistig hochgradig behindert. Das ist eine schreckliche Erkrankung und es ist mir vollkommen unverständlich, dass es so viele Gegner gibt, die eine Impfung praktisch boykottieren.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Fegeler: Es sind meist weltanschauliche Gründe. Mit einer wissenschaftlichen Argumentation hat das nichts zu tun. Was ich selbst in der Praxis erlebe, ist zum Teil auch Unwissen über die Gefahren, die von den Masern ausgehen. Ich bekomme die unterschiedlichsten Antworten von Menschen, die gegen eine Impfung sind. Einer sagte mir etwa, das Durchmachen der Masern sei eine karmische Erfahrung. Die Erkrankung würde zu einem Bewusstseinsschub führen und sei eine Notwendigkeit für die kindliche Entwicklung. Dies ist vielleicht etwas exponiert formuliert, aber das schwingt in vielen Köpfen mit. Im Ausland schüttelt man den Kopf über uns. Besonders häufig sind Impfgegner merkwürdigerweise in gebildeteren Schichten. Die Ablehnung richtet sich vornehmlich gegen die Masern. Bei Diphterie, Tetanus und Polio machen dagegen die meisten mit.

ZEIT ONLINE: Kann die Impfung denn schaden?

Fegeler: Nein. Komplikationen nach der Impfung sind gerade bei den Masern sehr selten. Geimpft wird mit attenuierten Viren. Diese sind in ihrer Wirkung genetisch abgeschwächt. Wenn überhaupt, beobachten wir nach zehn bis zwölf Tagen einen leichten Anstieg der Körpertemperatur. Dieser verschwindet aber innerhalb kürzester Zeit, ebenso wie kleinere Ausschläge. Das sind völlig harmlose Erscheinungen und stehen in keinem Verhältnis zur Masern-Erkrankung. Die Impfung ist sehr verträglich. In extrem seltenen Fällen kann das Guillain-Barré-Syndrom auftreten, eine Entzündung des Rückenmarks. Aber höchstens einer von einer Million Geimpften erkrankt daran.

ZEIT ONLINE: Wie sieht die Impfung aus, und wann sollte sie erfolgen?

Fegeler: Heute impfen wir gegen Masern, Mumps und Röteln. Der Impfstoff wird zweimal gespritzt, das erste Mal ab dem zehnten oder elften Lebensmonat im Rahmen der frühkindlichen Vorsorgeuntersuchungen. Die zweite Impfung wird frühestens vier Wochen nach der ersten Spritze oder im Verlauf des zweiten Lebensjahres gegeben. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten.

ZEIT ONLINE: 2006 erkrankten in Nordrhein-Westfalen innerhalb kurzer Zeit rund 2300 Menschen, zwei Kinder starben. Wie kommt es immer wieder zu solchen Epidemien?