Stadtarchiv-Einsturz Eine Stadt verliert den Boden unter sich
Rhein und Römer haben im Kölner Untergrund ihre Spuren hinterlassen, in den jetzt das wertvolle Stadtarchiv rutschte

© Vladimir Rys/Getty Images
Der Boden unter Köln ist ein besonderer. Unglücklicherweise war er neben dem Stadtarchiv nicht mehr tragfähig
"Fast unverantwortlich" sei der Bau einer U-Bahn in einer solchen Umgebung, sagte Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma heute. Schramma spricht damit etwas aus, das viele Kölner derzeit denken: Viele finden Risse in ihren Kellern entlang der neuen Bahn. Vor Jahren schon neigte sich der Turm der St. Johann Baptist-Kirche an der Severinstraße bedrohlich über die Straße. Und nun versinkt das Historische Stadtarchiv mitsamt seinen Schätzen und wahrscheinlich zwei Anwohnern in einem riesigen Krater. Die Kölner und ihr Oberbürgermeister trauen dem Boden unter ihren Füßen nicht mehr.
Der Boden, in den die neue Röhre gegraben wurde, entstand nach der letzten Eiszeit, maßgeblich durch den Rhein. Der Strom verlagerte sich mehrfach und hinterließ im alten Flussbett Kies und Sand. Nebenarme flossen langsamer und ließen dadurch zu, dass sich feinere Partikel wie Ton auf den groben Kies setzten. Nach dem Austrocknen der Nebenflüsse wurde die feine Tonschicht zu Torf und bildete fruchtbaren Lößboden.
In Köln ist diese Erdschicht etwa zwei Meter dick. Darunter beginnt die rund 30 Meter dicke Masse aus Kies und Sand. Durch diesen Kies führt der Tunnel, der an seiner tiefsten Stelle 30 Meter unter der Erdoberfläche verläuft. "Ein Problem ist dieser lockere Boden eigentlich nicht", befindet Professor Josef Klostermann, Chef des Geologischen Dienstes Nordrhein-Westfahlen. Auch der nahe gelegene Rhein, urteilt Klostermann, gibt keinen erhöhten Anlass zur Sorge.
Probleme hingegen bereiten den Bauarbeitern immer wieder archäologische Funde. "Unter der Severinstraße befindet sich in einer Tiefe von bis zu fünf Metern die rund 2000 Jahre alte Römerstraße, die von Köln nach Rom führte", sagt Professor Hansgerd Hellenkemper, Leiter des Römisch-Germanischen Museums in Köln. Die Tunnelröhre verläuft in der Innenstadt allerdings deutlich unter der römischen Bebauung. Nur in den Baugruben, in denen Haltestellen und Versorgungsschächte entstehen, finden sich antike Überreste. Auch in der Grube an der Severinstraße wurde Antikes geborgen. Mit dem Einsturz habe das aber nichts zu tun, urteilt Hellenkemper: "Diese archäologischen Schichten sind sehr stabil."
Was ist nun also passiert? In der Baugrube an der Severinstraße ist aus nicht geklärten Gründen Kies eingedrungen. "Kies verhält sich thixotrop", sagt Klostermann. Er fließt also wie eine zähe Flüssigkeit. Wenn nun der Kies in die Baugrube "fließt", rutscht Masse von oben nach. So wird der Krater zustande gekommen sein, in den das Kölner Stadtarchiv stürzte. Warum es aber möglich war, dass Kies in die Baugrube floss, ist unklar. Von der leitenden Baufirma Bilfinger Berger gab es dazu keinen Kommentar.
Diskutiert wird nun, ob man die Gefahr hätte sehen müssen. Schließlich hatte schon der schiefe Turm der nahegelegenen Kirche spektakulär auf das Thema aufmerksam gemacht. Der Grund für das Kippen des Turmes ist weiterhin nicht gänzlich geklärt. Und wie in vielen anderen Häusern entlang der Strecke waren auch im Keller des Stadtarchivs Risse entdeckt worden. Diese sollen nach Angaben der Stadt vom Sacken des Untergrundes stammen. Das hält auch Klostermann für wahrscheinlich: "Wenn für eine Baustelle das Grundwasser abgesenkt wird, kann sich die Sand- und Kiesschicht um einige Zentimeter setzen." Ein Gutachten der Stadt hatte ergeben, dass die Risse auf keine Gefahr hindeuten. Das sieht auch Klostermann so: "Für einen solchen Einsturz muss mehr passieren", sagt er. Die Frage: "Was?" kann noch niemand beantworten.
- Datum 05.03.2009 - 16:48 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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