Schlechte Nachrichten für Europas politische Klasse: Das Gespenst des Populismus, das manche im Gefolge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise schon für erledigt hielten, ist offenkundig wohlauf und geht weiter um in Europa. Und die Volksparteien geraten immer mehr in die Defensive. Die aktuellen Fakten: In den zwei österreichischen Landtagswahlen am vergangenen Sonntag, in Kärnten und Salzburg, haben die politischen Erben des vor viereinhalb Monaten tödlich verunglückten Rechtspopulisten Jörg Haider, nämlich der von ihm selbst 2005 neu gegründete Bund Zukunft Österreich (BZÖ) und die von ihm einst groß gemachte, dann aber im Groll verlassene Freiheitliche Partei (FPÖ), verblüffende Wahlerfolge erzielt.

Der Rechtspopulismus ist jetzt in Österreich eine etablierte politische Größe, sehr zur Überraschung der Meinungsforscher. Die hatten allerlei prophezeit, nur das nicht. Verblüffend ist vor allem der BZÖ-Sieg in Kärnten, weil die Partei dort mit einem Kandidaten als Haider-Nachfolger ins Rennen gegangen war, dem man alles zutrauen würde, nur kein Regierungsamt. Er liebt Neger-Witze. Eine "Witzfigur" nennt ihn der Wiener Standard . Felix Carinthia.

In Holland wiederum, wo die Rechtspopulisten 2002 wenige Wochen nach der Ermordung ihres Gründers Pim Fortuyn, ebenfalls einen sensationellen Wahlerfolg hatten – auf nationaler Ebene sind sie bald darauf implodiert –, meldeten zwei Umfrageninstitute, dass die rechtspopulistische "Partei der Freiheit" des Anti-Islam-Agitators Geert Wilders heute im Parlament die stärkste Fraktion stellen würden. Die Mitte-links-Koalition aus drei Parteien hat die Mehrheit in den Umfragen längst verloren. Nimmt man dazu noch die jüngste Entwicklung in Italien, wo die Rechtskoalition unter Berlusconi nach der Selbsterledigung der demokratischen Linken nahezu ohne Opposition schaltet und waltet, und als etwas kuriose Draufgabe noch den One-Man-Show -Populismus des französischen Präsidenten, dann ist das postdemokratische Horrorszenario beinahe komplett.

Man muss kein Linker und auch nicht hysterisch sein, um in dem Aufstieg dieser Führer-Bewegungen und Stammtisch-Parteien ein ernstes Warnsignal zu sehen. Eine Problemanzeige. Irgendetwas ist schief gelaufen. Und wenn die etablierten Parteien glauben, sie könnten den Schaden mit besserer Wahlwerbung eindämmen oder gar beheben, werden sie vermutlich eines Schlechteren belehrt werden. Viel spricht nämlich dafür, dass die kleinen und größeren Wahlerfolge der Rechtspopulisten in den alten Demokratien mehr sind als nur eine kleine Irritation in schwierigen Zeiten. Die Vermutung ist legitim, dass es sich hier um die von der politischen Wissenschaft, namentlich von dem Briten Colin Crouch skizzierten Übergänge zur postdemokratischen Veränderung der politischen Kultur Europas handelt.

Die Grenzen sind fließend. In ihrem Buch über verschiedene Aspekte des Populismus (2007, Campus) schreibt die Münsteraner Soziologin Karin Priester in vornehmer Zurückhaltung, die Frage "nach dem ’Umschlagen’ ... des Populismus zum Bonapartismus oder Semifaschismus" sei in der Forschung noch nicht ausreichend beantwortet. Beruhigend ist der Hinweis von Karin Priester offenkundig nicht gemeint, gerade aufgrund jüngerer Erfahrungen. Immerhin liege die unübersehbare Nähe beider Phänomene – Faschismus und Populismus – auf sozialpsychologischer Ebene: "in Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, in der Suche nach Sündenböcken und dem Hang zu Verschwörungstheorien."

Dieses toxische Emotionsgebräu ist ein zentrales Geheimnis des rechtspopulistischen Erfolgs. Es ist versetzt mit spießiger Stammtisch- und postmoderner Disco-Leutseligkeit und eingebettet in ein schlaues Marketingkonzept aus politischen Events und gezielten Provokationen. Aber das ist noch nicht die ganze Geschichte. Deshalb haben die Kritiker der Populismus-Kritik nicht unrecht, wenn sie daran erinnern, dass Populismus, entsprechend der lateinischen Wortwurzel, mit dem Volk ( populus ) zu tun habe und nichts mit Demagogie und Verführung. Es bedeute vielmehr, dem Volk verpflichtet zu sein, ein offenes Ohr für die Bürger zu haben und deren Sorgen und Wünschen eine Stimme – eine laute Stimme! – zu verleihen.