ZEIT ONLINE: Herr Parulskis, Sie waren Besetzter und Besatzer gleichzeitig. In welcher Rolle haben Sie sich weniger unwohl gefühlt?

Sigitas Parulskis: Ich habe mich nie als Besatzer gefühlt. Ich wurde gezwungen, in einer Besatzungsarmee zu dienen. Vielleicht sahen die Deutschen in mir einen Besatzer, aber ich sah sie durch einen Zaun. Wir lebten in Cottbus nämlich hinter einem Zaun, und ohne Genehmigung war es verboten hinauszugehen.

ZEIT ONLINE: Ist ein Schicksal wie das Ihre Voraussetzung, zu einer Generation zu gehören, die, wie Sie schreiben, nichts sieht, wenn sie aufs Meer schaut?

Parulskis: Die Generation wird im Roman erschaffen, sie ist wohl eher eine literarische, künstlerische Vorstellung und kein Ergebnis einer soziologischen Untersuchung. Sie ist ein bequemer literarischer Trick, ein für viele Menschen anziehender Köder. Die meisten wollen sich mit irgendetwas identifizieren – mit einer Generation, mit einem Glauben, mit Stars in der Musik. Sie wollen sich an etwas anschmiegen, weil sie sich vor der Einsamkeit und dem Tod fürchten.

ZEIT ONLINE: Ihr Roman berichtet nicht nur von den brutalen Zuständen in der Sowjetarmee. Er ist auch die Geschichte einer unglücklichen Liebe. Welches Trauma wiegt schwerer?

Parulskis: Ich bin Schriftsteller, deshalb sind für mich alle Traumata interessant. Am wichtigsten ist es für mich, nicht über sie zu berichten, sondern sie zu benutzen, um etwas zu erschaffen, um eigene Komplexe in kulturelle Fakten zu verwandeln. Die Liebesgeschichte, die der Roman erzählt, ist auch eine konstruierte, eine literarische Geschichte. Sie ist, wie der Erfahrungsbericht aus der Armee, nur teilweise autobiografisch. Deshalb muss der Leser Ihre Frage entscheiden, nicht ich.

ZEIT ONLINE: Sie scheinen nicht nur den Glauben an die Sehnsuchtsorte der menschlichen Seele verloren zu haben, wie zum Beispiel an das Meer. Vor allem mit dem kulturellen Erbe, insbesondere aber mit der griechischen Mythologie, geht Ihr Erzähler sehr respektlos um.

Parulskis: Ich persönlich mag das Meer und die Berge und auch die Oper sehr. Verwechseln Sie mich nicht mit meinen Protagonisten. Auch die griechische Mythologie gefällt mir gut, ich halte sie für einen großartigen, bedeutsamen Schatz des europäischen Erbes. Es ist, verdammt noch mal, Literatur und bloß ein ganz einfaches Kontrastprinzip: ein Vergleich von antiken Helden mit Menschen der Gegenwart, hier – mit sowjetischen Soldaten.