Vertriebenenzentrum Steinbachs Rückzug war unausweichlich
Polens Kritik an der Vertriebenen-Präsidentin war überzogen. Trotzdem trägt sie selbst die Verantwortung dafür, dass sie auf den Sitz im Stiftungsrat verzichten musste.
Keine Frage: Das Bild, das man sich in Polen von Erika Steinbach macht, ist längst zur Karikatur verkommen. Dort wird die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen wahlweise in die Nähe von Adolf Hitler gerückt, auf Zeitschriftentiteln in Nazi-Uniform abgebildet oder mit dem Holocaust-Leugner Richard Williamson verglichen. Als Revanchistin wird sie gesehen, die einseitig das Leid der deutschen Vertriebenen in den Vordergrund stellen wolle. Nur wer bedenkt, welche identitätsstiftende Bedeutung die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Polen hat, kann ermessen, wie schwer ein solcher Vorwurf dort wiegt.
Gegen all diese Anwürfe ist Steinbach in den vergangenen Tagen von vielen Seiten in Schutz genommen worden, darunter auch von solchen Persönlichkeiten, die selbst in Polen in keiner Weise unter Revanchismusverdacht stehen. Dem deusch-jüdischen Schriftsteller Ralph Giordano etwa oder dem Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch.
Zwar ist es richtig, dass Steinbach 1991 im Bundestag gegen das Grenzabkommen mit Polen gestimmt hat. Aber sie hat nie die Verantwortung der Deutschen für den Zweiten Weltkrieg und damit auch für die Vertreibung in Frage gestellt. Im Bund der Vertriebenen hat sie sich gegen fundamentalistische Strömungen gewandt und die Ewiggestrigen an den Rand gedrängt. Und mit dem von ihr initiierten Zentrum gegen Vertreibung wollte sie zwar auf der einen Seite natürlich der Sehnsucht der deutschen Vertriebenen nach Anerkennung ihres speziellen Leidenswegs Rechnung tragen. Auf der anderen Seite aber sollte es auch darüber hinausgehen, indem auch an andere Vertreibungsschicksale erinnert werden soll, nicht zuletzt der Polen.
Angesichts dessen war die Massivität, mit der Vertreter der polnischen Regierung versucht haben, auf die Besetzung des Stiftungsrates des Zentrums Einfluss zu nehmen, um Steinbach zu verhindern, sicher unangemessen. Selbst die Reaktionen auf ihren Rückzug machen nochmals deutlich, wie irrational die Debatte dort teilweise geführt wurde. Steinbachs Einlenken sei nur ein taktisches Manöver, urteilte etwa die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Nun werde die Vertriebenenpräsidentin das Zentrum "aus dem Hintergrund lenken". Es ist offenbar schwer, einen guten Feind zu verlieren.
Steinbachs Verzicht auf einen Sitz in dem Stiftungsrat ist dennoch richtig. Die Verantwortung dafür liegt letztlich bei ihr selbst. Am Ende muss Steinbach sich nämlich schon fragen lassen, wieso es ihr in all den Jahren nicht gelungen ist, ihr Image in Polen zu verbessern, selbst wenn dies für jeden Präsidenten des Bundes der Vertriebenen wohl eine Herausforderung wäre. Doch wem es ernst ist mit seiner Botschaft der Versöhnung, der muss eben auch dafür sorgen, dass diese auch verstanden wird. Daran ist Steinbach gescheitert.
- Datum 04.03.2009 - 17:05 Uhr
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ist die Beobachtung, wie deutsche Politiker vor populistischer Demagogie einknicken, und Journalisten diesem verhalten das Wort reden, obwohl sie es, wie Frau Schuler, besser wissen. Ob das der "Versöhnung" dient?
Warum nicht einfach etwas Mut zeigen, und dem Druck widerstehen?
(Zivilcourage hat man das früher genannt)
Sie verteidigen Fr. Steinbach und geben dem Einsatz der Medien die Schuld dafür, dass sie zurückgetreten ist?
Haben Sie mit gleicher Argumentation auch Frau Ypsilanti in Schutz zu nehmen versucht?
Aber es ist in der Tat sehr interessant, die Frage zu beantworten, inwieweit Medien durch explizit parteiliche Berichterstattung oder Kommentare sich am Rückzug oder Niedergang, am einstieg oder Aufstieg von PolitikerInnen und Menschen, die im öffentlichen Leben stehen, maßgeblich beteiligen und inwiefern Medien objektiv versuchen, sich einzusetzen für oder gegen etwas.
Die Sache mit dem Unrecht ist eine komplexe Sache. Es muss ja nicht immer nur eine Seite Recht haben. Vielleicht haben ja auch beide Seiten Unrecht oder Recht?
Sie verteidigen Fr. Steinbach und geben dem Einsatz der Medien die Schuld dafür, dass sie zurückgetreten ist?
Haben Sie mit gleicher Argumentation auch Frau Ypsilanti in Schutz zu nehmen versucht?
Aber es ist in der Tat sehr interessant, die Frage zu beantworten, inwieweit Medien durch explizit parteiliche Berichterstattung oder Kommentare sich am Rückzug oder Niedergang, am einstieg oder Aufstieg von PolitikerInnen und Menschen, die im öffentlichen Leben stehen, maßgeblich beteiligen und inwiefern Medien objektiv versuchen, sich einzusetzen für oder gegen etwas.
Die Sache mit dem Unrecht ist eine komplexe Sache. Es muss ja nicht immer nur eine Seite Recht haben. Vielleicht haben ja auch beide Seiten Unrecht oder Recht?
damit beweisen Sie doch noch, Verantwortung für das Gemeinwohl zu besitzen. Denn Versöhnung der einen kann nicht passieren durch Spaltung der anderen.
kann vor allem anderen nicht nur auf einer Seite begangen und auf der anderen fröhlich ignoriert werden.
Salus Publica Suprema Lex
Oh, wie einfach machen Sie es sich! Einknicken vor der aggressiven populistischen Meinungsmache dieser "Nachbarn" ist keine Lösung. Leider kann man sich die Nachbarn nicht aussuchen.
Aber - auch die Vertriebenen haben Rechte, nicht nur Polen und etwa Tschechen.
mfg hert
kann vor allem anderen nicht nur auf einer Seite begangen und auf der anderen fröhlich ignoriert werden.
Salus Publica Suprema Lex
Oh, wie einfach machen Sie es sich! Einknicken vor der aggressiven populistischen Meinungsmache dieser "Nachbarn" ist keine Lösung. Leider kann man sich die Nachbarn nicht aussuchen.
Aber - auch die Vertriebenen haben Rechte, nicht nur Polen und etwa Tschechen.
mfg hert
Frau Steinbachs Aufgabe war nicht von den Polen geliebt zu werden. Sie ist die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen. Ich denke sie wurde vor allem in dieser Funktion von den polnischen Demagogen und Medien zum Feindbild aufgebaut.
Bei der Debatte um den Nizza-Vertrag wurde von Seiten der polnischen Regierung ja damit argumentiert, dass es ohne die Nazi-Tyrannei heute viel mehr Polen geben würde.
Zwischen polnischen Bürgern und polnischen Politikern gibt es eine grosse Distanz. Aber die Kampagne gegen Frau Steinbach fiel immer noch auf fruchtbaren Boden. Dabei geht es weniger um Deutschenhass, sondern viel mehr um die lieb gewonnene Opferrolle, die heute als zentraler Punkt polnischer Geschichte vermittelt wird. In Europa hat Polen in dieser Opferrolle keine Zukunft.
Auch wenn die Zeiten nicht so sind: Nach dem Rückzug von Frau Steinbach wäre jetzt der ideale Zeitpunkt für die polnische Regierung, sich im Namen der Polen für begangenes Unrecht in der Zeit der Vertreibung zu entschuldigen. Eine Entschädigung muss nicht an die Opfer fliessen. Sie kann auch in Städtepartnerschafts-Projekte und die Renovierung von Zeugnissen schlesischer Kultur gesteckt werden.
Eine mutige Regierung würde eine solche symbolische Geste mit einer Definition der Rolle Polens in Europa und einer Zukunftsvision verknüpfen.
Leider scheint die polnsche Gesellschaft noch nicht bereit zu sein auch die Grautöne in Ihrer Geschichte zu akzeptieren. Und so sterben die Opfer mit diesem Dorn der Bitterkeit.
kann vor allem anderen nicht nur auf einer Seite begangen und auf der anderen fröhlich ignoriert werden.
Salus Publica Suprema Lex
Sie verteidigen Fr. Steinbach und geben dem Einsatz der Medien die Schuld dafür, dass sie zurückgetreten ist?
Haben Sie mit gleicher Argumentation auch Frau Ypsilanti in Schutz zu nehmen versucht?
Aber es ist in der Tat sehr interessant, die Frage zu beantworten, inwieweit Medien durch explizit parteiliche Berichterstattung oder Kommentare sich am Rückzug oder Niedergang, am einstieg oder Aufstieg von PolitikerInnen und Menschen, die im öffentlichen Leben stehen, maßgeblich beteiligen und inwiefern Medien objektiv versuchen, sich einzusetzen für oder gegen etwas.
Die Sache mit dem Unrecht ist eine komplexe Sache. Es muss ja nicht immer nur eine Seite Recht haben. Vielleicht haben ja auch beide Seiten Unrecht oder Recht?
zu Frau Ypsilanti:
auch diese Medien-Hetzkampagne habe ich beanstanded. Anscheinend nimmt die Presse Frauen, welche nicht die Meinung des Mainstream vertreten, besonders gern aufs Korn. Allerdings meine ich, dass Frau Ypsilanti und die ganze hessische SPD sich sehr unprofessionell verhalten haben (man denke nur an die Katastrophe der Bürgermeisterwahl in Wiesbaden) - aber _das_ wurde ja in den Medien fast gar nicht diskutiert.
Mir geht es nämlich nicht so sehr um die politische Position, sondern um eine gewisse Art des Umgangs miteinander.
Da ich ganz gut polnisch kann und das Land seit 40 Jahren kenne, bin ich überzeugt, dass durchschnittliche Polen mehr Solidarität, Charakterstärke und Widerstand gegenüber fremdem Druck gezeigt hätten, als die meisten unserer Politiker.
zu Frau Ypsilanti:
auch diese Medien-Hetzkampagne habe ich beanstanded. Anscheinend nimmt die Presse Frauen, welche nicht die Meinung des Mainstream vertreten, besonders gern aufs Korn. Allerdings meine ich, dass Frau Ypsilanti und die ganze hessische SPD sich sehr unprofessionell verhalten haben (man denke nur an die Katastrophe der Bürgermeisterwahl in Wiesbaden) - aber _das_ wurde ja in den Medien fast gar nicht diskutiert.
Mir geht es nämlich nicht so sehr um die politische Position, sondern um eine gewisse Art des Umgangs miteinander.
Da ich ganz gut polnisch kann und das Land seit 40 Jahren kenne, bin ich überzeugt, dass durchschnittliche Polen mehr Solidarität, Charakterstärke und Widerstand gegenüber fremdem Druck gezeigt hätten, als die meisten unserer Politiker.
Bezeichnend, dass die Zeit erst jetzt bereit ist, mehr als nur ein Schwarz-Weiss-Bild von Frau Steinbach zu zeichnen, wo das Kampagnen-Ziel nun erreicht ist. Aber eine Zeitung, die ihre Leser ernst nimmt, berichtet auch schon im Vorfeld objektiv und versucht nicht stattdessen, die Meinung des Lesers zu manipulieren - etwa durch extrem einseitige Berichterstattung.
@Am Ende muss Steinbach sich nämlich schon fragen lassen, wieso es ihr in all den Jahren nicht gelungen ist, ihr Image in Polen zu verbessern, selbst wenn dies für jeden Präsidenten des Bundes der Vertriebenen wohl eine Herausforderung wäre.
Tja, liebe Zeit, warum wohl? Wird die Antwort darauf nicht schon im ersten Teil des Artikels gegeben, nämlich in der demagogischen und skrupellosen Propaganda von polnischer Seite und dem rückratlosen Verhalten der Bundeskanzlerin, die es versäumt hat, Steinbach gegen diese haltlosen Vorwürfe in Schutz zu nehmen? Ich finde diese Argumentation reichlich schizophren, jetzt Steinbach genau diese unangemessenen Reaktionen vorzuwerfen, die es ihr in all der Zeit unmöglich machten, ihren Ruf und ihr Image zu verbessern. So wird der Bock zum Gärtner gemacht.
@Am Ende muss Steinbach sich nämlich schon fragen lassen, wieso es ihr in all den Jahren nicht gelungen ist, ihr Image in Polen zu verbessern, selbst wenn dies für jeden Präsidenten des Bundes der Vertriebenen wohl eine Herausforderung wäre.
Tja, liebe Zeit, warum wohl? Wird die Antwort darauf nicht schon im ersten Teil des Artikels gegeben, nämlich in der demagogischen und skrupellosen Propaganda von polnischer Seite und dem rückratlosen Verhalten der Bundeskanzlerin, die es versäumt hat, Steinbach gegen diese haltlosen Vorwürfe in Schutz zu nehmen? Ich finde diese Argumentation reichlich schizophren, jetzt Steinbach genau diese unangemessenen Reaktionen vorzuwerfen, die es ihr in all der Zeit unmöglich machten, ihren Ruf und ihr Image zu verbessern. So wird der Bock zum Gärtner gemacht.
etwa ihre Soldaten vor einer Anklage im Ausland zu immunisieren.
Dennoch beneide ich US-Angehörige, um den bedingungslosen Rückhalt, den sie bei ihren staatlichen Stellen für ihr Außenverhältnis genießen.
Die Engländer dürfen sagen "Right or wrong - my country."
Auch die Japaner haben m.W. die Kurilen-Inseln z.B. nicht aufgegeben. Vielleicht hat man dort die falschen Grundsätze, aber es sind verlässliche Grundsätze, "identitätsstiftende" Grundsätze.
Was nun Frau Steinbach anbetrifft, finde ich es seltsam, dass über eine halbe Seite hin festgestellt wird, wie "irrational" die Debatte in Polin geführt wird, um dann zu fragen, wieso es ihr in all den Jahren nicht gelungen ist, ihr Image in Polen zu verbessern, selbst wenn dies für jeden Präsidenten des Bundes der Vertriebenen wohl eine Herausforderung wäre
Sollten wir uns nicht fragen, ob es für die staatlichen Stellen nicht auch "eine Herausforderung hätte sein können", hier flankierende Überzeugungsarbeit zu leisten?
"Frage dich, was du für dein Land tun kannst." Schön, aber dann sollte dein Land dir doch nicht noch in den Rücken fallen.
Herzlichst Crest
zu Frau Ypsilanti:
auch diese Medien-Hetzkampagne habe ich beanstanded. Anscheinend nimmt die Presse Frauen, welche nicht die Meinung des Mainstream vertreten, besonders gern aufs Korn. Allerdings meine ich, dass Frau Ypsilanti und die ganze hessische SPD sich sehr unprofessionell verhalten haben (man denke nur an die Katastrophe der Bürgermeisterwahl in Wiesbaden) - aber _das_ wurde ja in den Medien fast gar nicht diskutiert.
Mir geht es nämlich nicht so sehr um die politische Position, sondern um eine gewisse Art des Umgangs miteinander.
Da ich ganz gut polnisch kann und das Land seit 40 Jahren kenne, bin ich überzeugt, dass durchschnittliche Polen mehr Solidarität, Charakterstärke und Widerstand gegenüber fremdem Druck gezeigt hätten, als die meisten unserer Politiker.
dass die Völker mehr Verständnis und auch Respekt füreinander haben, als es so manch ein/e Politiker/in zum Ausdruck bringt.
Das Schwierige in allen Konflikten ist immer die Frage: wo steht ein Berichterstatter, welchen Blickwinkel nimmt er ein? Es ist genauso unerträglich, wenn ein polnisches Medium Frau Steinbach als Nazi beschreibt oder gar eine Frau Merkel in die braune Ecke wirft, wie es unerträglich ist, wenn Politikerinnen von heute die durch Verträge zustande gekommenen Grenzen nicht anerkennen wollen (z.B. Oder-Neise-Grenze).
Aus diesem Grunde hätte man sich in der Steinbach-Problematik gewünscht, dass sich Frau Merkel als Kanzlerin mehr eingemischt hätte, um "Versöhnung" zu definieren. Aber offensichtlich ist das sehr schwierig.
Und da sind wir beisammen, th, es geht wirklich um den Umgangston. Aber wer muss da nicht immer wieder Neues dazu lernen? Wenngleich Oder-Neise-Grenze anzuerkennen oder nicht, mit Umgangston weniger zu tun hat.
dass die Völker mehr Verständnis und auch Respekt füreinander haben, als es so manch ein/e Politiker/in zum Ausdruck bringt.
Das Schwierige in allen Konflikten ist immer die Frage: wo steht ein Berichterstatter, welchen Blickwinkel nimmt er ein? Es ist genauso unerträglich, wenn ein polnisches Medium Frau Steinbach als Nazi beschreibt oder gar eine Frau Merkel in die braune Ecke wirft, wie es unerträglich ist, wenn Politikerinnen von heute die durch Verträge zustande gekommenen Grenzen nicht anerkennen wollen (z.B. Oder-Neise-Grenze).
Aus diesem Grunde hätte man sich in der Steinbach-Problematik gewünscht, dass sich Frau Merkel als Kanzlerin mehr eingemischt hätte, um "Versöhnung" zu definieren. Aber offensichtlich ist das sehr schwierig.
Und da sind wir beisammen, th, es geht wirklich um den Umgangston. Aber wer muss da nicht immer wieder Neues dazu lernen? Wenngleich Oder-Neise-Grenze anzuerkennen oder nicht, mit Umgangston weniger zu tun hat.
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