Inge Jens hat es argumentativ leichter:  Sie ist sich sicher, dass ihr Mann bereits krank war, als er mit den Vorwürfen konfrontiert wurde und deshalb "unter seinem Niveau" debattierte.  Gespalten sind auch die Meinungen im Publikum. Während einige die Nazigeschichte für aufgeblasen halten, werden andere mit der Enttäuschung bis heute nicht fertig. "Er war doch immer ein Mann von hoher Wahrhaftigkeit", sagt eine Frau, "jetzt habe ich ein Problem - und Sie doch auch, Herr Jens".

Öffentliche Solidaritätsbekundungen - das passiert Tilman Jens zurzeit selten. Doch das Publikum ist jetzt mehrheitlich auf seiner Seite, hält den Sohn für authentisch und glaubwürdig. Eine Zuschauerin erklärt, dass sie den festen Vorsatz hatte, sein Buch niemals zu kaufen. Während der Veranstaltung sei ihre Empörung ins Gegenteil umgeschlagen.  Ein anderer Zuhörer hat Tilman Jens an diesem Abend "höchst angenehm und anrührend" erlebt.  Der Autor sitzt entspannt im Ledersessel und lächelt.  Hier in Tübingen lieben sie seinen Vater und seine Mutter - warum nicht auch ihn? Oder wie es die Tübinger Therapeutin Valeska Dufft formuliert: "Die Familie Jens, das sind einfach unsere Leute."

Das ist Margit Hespeler, der robusten Bäuerin von der Schwäbischen Alb, schon lange klar. "Das war super", sagt sie. Wie ein Fels saß die treue Pflegerin den Abend über neben Inge Jens. Auch der 82-Jährigen ist die Erleichterung anzusehen. "Das war gar keine voyeuristische Veranstaltung, sondern ein schöner Abend", sagt sie. Und eines wisse sie genau: Es habe ihrem Sohn gewiss keinen Spaß gemacht, dieses Buch zu schreiben.