Sie sei mit Bauchschmerzen zu der Lesung gegangen, bekennt eine Tübingerin. Das sei so, als habe sie die Bild-Zeitung gekauft. Intime Details aus dem Leben des demenzkranken Walter Jens möchte die Frau nicht hören. Sie ist gekommen, um sich ein zu Urteil bilden. Hat der Sohn mit dem Buch tatsächlich öffentlich Vatermord begangen, ihn lebendig begraben? Der alte Mann, der gewindelt wird und Kaninchen füttert, ist jedenfalls nicht der Walter Jens, den die meisten Zuhörer von früher kennen.  Wie haben sie ihren Rhetorikprofessor damals bewundert!  Und jetzt demoliert ausgerechnet der eigene Sohn das Denkmal und zieht den großen Geist in den Dreck? Die Tübinger Seele ist verletzt.

Tilman Jens geht langsam durch den Saal. Den Kopf hat er zur Seite geneigt, als drohe ein Unwetter. In die hinterste Ecke hockt er sich und vertieft sich in sein kleines Buch. Seine Mutter und die Pflegerin Margit Hespeler haben in der ersten Reihe Platz genommen.  "Es ist mir nicht schwer gefallen, zu der Veranstaltung zu gehen", sagt Inge Jens später. Schließlich habe das Motto ihres Mannes immer gelautet: Sage, was Du denkst und stehe dafür ein. Sie sei auf alles vorbereitet gewesen, selbst auf einen Skandal.

Wie aufgeheizt die Stimmung in der Stadt ist,  zeigen die Boykottaufrufe vor der Lesung und böse E-Mails an den Veranstalter, die Osiander-Buchhandlung. Und kein Redakteur des Schwäbischen Tagblatts, sondern Nils Köhler aus dem fernen Konstanz  moderiert die Veranstaltung. Auch er hat sich kritisch mit dem Buch auseinandergesetzt, aber längst nicht so erregt wie sein Tübinger Kollege.

Tilman Jens wird mit Applaus begrüßt.  Verhalten zwar, aber immerhin. Er liest die ersten 15 Seiten des Buches vor, dann eine Passage über die NSDAP-Mitgliedschaft seines Vaters und das neue Glück auf Margits Bauernhof in Mähringen. Viele Details sind aus den Medien bekannt. Umso genauer beobachtet das Publikum den Menschen Tilman Jens, die Blickwechsel mit der Mutter, seine Intonation und Gestik. Erinnert das nicht an den Vater, so wie er vor seiner Krankheit auftrat?

Ob er mit diesen heftigen Reaktionen gerechnet hätte,  will der Moderator wissen. "Nein, wenn eines absurd ist, dann der Vorwurf des Vatermordes", ruft Jens. "Ich habe und hatte ein gutes Verhältnis zu ihm."  Als Student habe er ein Praktikum beim Hessischen Rundfunk absolviert und sei gefragt worden, ob er einen Kollegen bei einer documenta-Sendung vertreten könne. Noch am gleichen Abend sei er nach Tübingen gefahren, um seinem Vater zu gestehen: "Wenn ich das annehme, ist dieses Semester im Eimer."  Walter Jens, völlig entnervt von einer Sitzung, habe nur geantwortet: "Uni ist die letzte Scheiße! Geh ins Leben!"  Er sei wahrlich nicht unter einem Über-Vater zusammengebrochen, beteuert Tilman Jens. "Vatermord - warum?"

Deutlich versöhnlicher als im Buch urteilt der 54-Jährige auf der Bühne über das Schweigen seines Vaters zur NSDAP-Mitgliedschaft. "Es macht mich unerträglich traurig, dass er nicht darüber reden konnte."  Demenz als Flucht vor der Verantwortung? So will der älteste Sohn sein Buch nicht verstanden wissen. Vielmehr sei es medizinisch erwiesen, dass großer Stress, schwere Depressionen und Psychopharmaka die Krankheit beschleunigen könnten.