Obdachlosigkeit "Es kann jeden treffen"

Günter Wallraff hat die kältesten Tage dieses Winters unter Obdachlosen auf der Straße verbracht. Ein Gespräch über das Leben "ganz unten"

ZEIT ONLINE: Sie haben die kältesten Nächte im Winter für eine Reportage unter Obdachlosen auf der Straße verbracht. Hat Sie diese Zeit verändert?

Günter Wallraff: Ich hatte früher selbst Vorurteile und habe öfter einen Bogen gemacht um jüngere Leute, die auf der Straße lagerten und mir ihren Becher hinhielten. Ich dachte, die meisten erbetteln das Geld nur, um ihren Alkoholkonsum zu finanzieren. Aber was für ein elendes und mühevolles Leben sie führen und welche Schicksale und Biografien hinter diesen Menschen stehen – das habe ich jetzt erst nachvollziehen können.

ZEIT ONLINE: Welche Geschichten haben Sie erfahren?

Wallraff: Da gibt es den Unternehmer, dem plötzlich sein Hauptkunde abhandenkommt, den Mann, der seine dramatische Scheidung nicht verkraftet. Viele geraten auch durch Hartz IV in diese Situation. Menschen, die jahrzehntelang gearbeitet haben, finden sich in der Rolle von Bittstellern wieder und verlieren dadurch ihre Würde. Ich hatte bei Etlichen den Eindruck, sie sind über den Rand der Gesellschaft gekippt und haben sich dann irgendwann selbst aufgegeben. Es ist ein Teufelskreis: Wer seine Arbeit verloren hat, bekommt keine Wohnung und wer keine Meldeadresse vorweisen kann, ist chancenlos auf dem Arbeitsmarkt.  

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Es gibt auch genug Menschen, denen man ihre Obdachlosigkeit gar nicht ansieht. Sie sehen so aus, als kämen sie gerade aus dem Büro. Man erkennt es nur an kleinen Zeichen: die Haare sind ungekämmt, der Anzug ein bisschen verknittert...

ZEIT ONLINE: Sie haben im Dezember und Januar bei Temperaturen bis zu minus 20 Grad im Freien übernachtet. Wie übersteht man das?

Wallraff:
Ich war total ahnungslos und hatte nur einen ganz normalen Schlafsack dabei. Erst nach der allerschlimmsten durchzitterten Nacht habe ich erfahren, dass manche Obdachlose Bundeswehrschlafsäcke haben, die die schlimmste Kälte abhalten. Danach habe ich aufgehört, "Platte zu machen". Ich hatte wirklich Angst, zu erfrieren. Zum Glück habe ich nur einen schweren Schnupfen davongetragen. Aber die Menschen, die so ein Leben über viele Jahre führen, sind  gesundheitlich schwerst angeschlagen und haben nur eine geringe Lebenserwartung. 50, 60 Jahre ist auf der Straße schon ein stolzes Alter. Es ist für viele ein Selbstmord auf Raten. Ein Alkoholiker, ein ehemaliger Unternehmer, sagte mir: "Es gelingt mir leider nicht, mich totzusaufen, der Körper wehrt sich."

ZEIT ONLINE: Was stimmt von dem Vorurteil, dass die meisten Obdachlosen alkohol- und drogenkrank sind?

Wallraff: Weit mehr als die Hälfte der Menschen, die ich getroffen habe, hatten keine Alkohol- oder Drogenprobleme. Es stimmt allerdings, dass einige in diesem Milieu zu Alkoholikern werden. Gerade in Heimen mit längerfristiger Unterbringung findet man als Neuankömmling nur schwer Kontakt, wenn man nicht "mithalten" kann. 

Leser-Kommentare
  1. Danke Günter Wallraff und Mitarbeiter im Hintergrund für diese Reportage!

    Warum denken Sie leben in Deutschland zur Zeit über 500 000 Menschen in der Obdachlosigkeit? Die Dunkelziffer liegt noch mal so hoch! Quelle: BAG-Wohnungslosenhilfe für 2008.
    Sind wirklich alle Betroffenen von Krankheiten gezeichnet, von Schicksalschlägen getroffen, von Scheidungen und Schulden gepeinigt oder könnte es nicht auch ein Problem unseres Gesellschaftssystem sein?
    Kein Mensch lebt gern in Elend und Not. Leben Sie etwa gern in Armut? Selbstverständlich gibt es noch genügend Wohnraum in Deutschland und ab und zu auch für Obdachlose.
    Wohnraum in Sozialen Brennpunkten, oder stark renovierungsbedürftig, von Ungeziefer befallen oder mit befristeten Mietverträgen. Daneben noch Unterkünfte mit sehr niedrigschwelligen Angeboten, oder gar keinen! Oder Wohnheime getreu dem Motto: Nüchtern reichen sie sich die Hände, betrunken geben sie sich die Fäuste. Oder Wohnheime in denen die gebrauchten Spritzen offen daliegen, wo der Alkoholkonsum verboten ist, aber der Drogenkonsum geduldet wird.
    Oder Städte wie Köln die Hilfesuchende Obdachlose, die von aussen kommend, gerne wieder umgehend weiter schickt!
    Ich sage Ihnen Obdachlose Menschen haben eine Würde wie Sie auch, doch all zu oft werden bei uns herumstreunende Hunde mit mehr Würde behandelt als unsere Obdachlosen Mitmenschen.
    Ich sage Ihnen, zeigen Sie Zivilcourage und helfen Sie jedem in Not mit Ihrer Hilfe! Die Notleidenden danken Ihnen mit ihren Herzen...
    MfG ihr Richard Brox.

    Ich bin für mehr Demokratie, vorausgesetzt Sie entnehmen mir bitte vorher mein Gehirn...

  2. Ein goßes Lob an Günter Wallraff für diese Aktion und an "Die Zeit", welche sie mutig veröffentlicht hat.
    Es kann tatsächlich jeden treffen.
    Nur unbelehrbare Ignoranten wiegen sich in der trügerischen Sicherheit ihres warmen Sessels und vegessen, daß das System des Kapitalismus jeden Tag neue Obdachlose produziert.
    Und vergessen wir nicht die vielen Obdachlosen, die von Rechtsradikalen heimtückisch und bestialisch ermodet wurden:

    Mehr als 140 Todesopfer rechtsextremer Gewalt seit 1990:

    http://www.mut-gegen-rech...

    Faschismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit - keine Meinung, sondern ein Verbrechen! - Deshalb: Nazis raus aus dem Internet - kein Fußbreit den Faschisten! - El Pueblo unido, jamás será vencido! - VENCEREMOS!

  3. @GottloserAnt,
    danke für Deine mutige Antwort. Ja, was unserer Gesellschaft dringend braucht ist Zivilcourage und ein Herz für die schwächsten Glieder unserer modernen Gesellschaft. Nicht Hartz IV oder noch höhere Managergehälter! Keine weiteren Steueroasen für Wirtschaftskriminelle oder höhere Diäten für Politiker! Nein, was wir brauchen ist Mut denen zu helfen, die nach Hilfe suchen, rufen oder aussenstehende Hilfe nicht mehr sich alleine helfen können. Mehr Mut für mehr Menschlichkeit und weniger ungezügelter Gier nach Profit auf Kosten der unteren Gesellschaftsschicht. Nicht der Mittelstand ist am bluten, es sind die Ränder unserer modernen Gesellschaft die im Wahn des modernen Zeitgeist von neoliberaler Gehirnwäsche die Soziale Kälte am meisten spüren. Lernen wir wieder zuhelfen, statt nur zu fragen.
    MfG Richard Brox

    Ich bin für mehr Demokratie, vorausgesetzt Sie entnehmen mir bitte vorher mein Gehirn...

  4. Ich finde es gut, was der Herr Wallraff da gemacht hat, dass er sich nicht nur an das Thema getraut hat sondern sich auch aktiv auf Recherche gemacht hat. Ich selber habe einen Film zu diesem Thema gedreht und kann das ein wenig nachvollziehen. Das Thema steht leider am Rande wie auch die Menschen die es betrifft.

    Den Trailer kann man übrigens bei Youtube unter den Schlagwörtern "VAgabund Trailer" sehen.

    Viele Grüße,

    Oliver

  5. @Olivares,
    danke für Ihre ehrlichen Worte.
    Ich denke die Arbeit von Herrn Wallraff wird sich noch auszeichnen! Wenn Sie mehr über das Leben auf der Strasse Wissen wollen, dann sehen Sie doch auch bitte in Deutschlands meistbesuchten Obdachlosenportal: http://ohnewohnung-wasnun...
    MfG Richard Brox und Danke für die Aufmerksamkeit.

    Ich bin für mehr Demokratie, vorausgesetzt Sie entnehmen mir bitte vorher mein Gehirn...

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