AIG Nach der Rettung ist vor der Rettung

Trotz immer neuer Regierungsmilliarden aus Washington: Der Versicherer AIG bleibt ein gewaltiges Risiko für das Finanzsystem - und für Europas Banken

Die Zentrale der American International Group, einstmals größter Versicherer der Welt

Auf den Regierungsfluren in Washington sorgt derzeit ein 21 Seiten starkes Papier für Aufsehen. "AIG – ist das Risiko systemisch?" lautet der Titel der Studie, über die die New York Times berichtet.  Das Geheimpapier beschreibt das wirtschaftliche Chaos, das im Falle eines Zusammenbruchs des Versicherers American International Group (AIG) eintreten könnte. Der Autor: ausgerechnet AIG.

Die Studie fällt in eine Zeit, in der man in Washington darüber diskutiert, den einstmals größten Versicherungskonzern der Welt fallen zu lassen. Vier Mal ist die Regierung dem Unternehmen bereits beigesprungen, 182 Milliarden Dollar hat es den amerikanischen Steuerzahler bislang gekostet, den Konzern am Leben zu erhalten. Das ist mehr als das Bruttoinlandsprodukt der Tschechischen Republik. AIG-Chef Edward Liddy hat bereits eingeräumt, dass er in Kürze weitere Steuerzahlermilliarden brauchen könnte.

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Doch den Konzern mit seinen 74 Millionen Kunden in 130 Ländern einfach Pleite gehen zu lassen, traut sich Finanzminister Tim Geithner nicht. AIG hat in allen Sparten der internationalen Finanzwelt mitgemischt: Von der Lebensversicherung über Zinsswaps bis hin zu Versicherungen gegen Kreditausfallrisiken, sogenannte Credit Default Swaps (CDS) hatten die Vertreter alles im Angebot. Zu groß ist die Angst, dass ein Kollaps von AIG viele andere Finanzinstitute und Versicherer in den USA und in der ganzen Welt mitreißen könnte. Wie der befürchtete Dominoeffekt genau aussehen würde, vermag zwar niemand genau zu sagen. Als sicher gilt jedoch: Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers könnte sich im Vergleich wie ein Muskelkater anfühlen.

Vor allem eine Frage bereitet den Verantwortlichen in Washington Sorge: Was passiert, wenn sich die Millionen von AIG-Kunden panikartig ihre Renten- und Lebensversicherungen auszahlen lassen wollen? Der AIG-Bericht warnt eindringlich, dies könnte einen durchschlagenden Effekt auf die gesamte amerikanische Wirtschaft haben. Insgesamt soll sich der Nennwert dieser Policen auf 19 Billionen Dollar belaufen. Zwar könnten die Versicherer nicht die gesamte Summe zurückfordern. Dennoch reiche derzeit das Geld nicht, um alle Kunden auszuzahlen, heißt es in der AIG-Studie. Deshalb müssten andere Versicherer große Summen Kapital in eine Art Einlagensicherungsfonds nachschießen. Das – so fürchtet man in Washington – könnte weitere Unternehmen zu Fall bringen.

Eine Pleite der AIG würde hingegen nicht nur den amerikanischen Steuerzahler treffen. Sie wäre auch brisant für europäische Banken. Weitere Hunderte Milliarden stünden dabei für die Institute auf dem Spiel. Der Grund hierfür findet sich in einer Fußnote des Jahresberichts 2007 der AIG. Dort heißt es, dass "hauptsächlich europäische Banken" CDS-Kontrakte in Höhe von über 300 Milliarden Dollar eingegangen sind, um "Regulierungserleichterung" zu erreichen.

Dahinter verbirgt sich eine Praxis, die erst durch die neuen Eigenkapitalregeln von Basel II möglich wurde. Eigentlich muss ein Kreditinstitut acht Prozent der verliehenen Kreditsumme zurücklegen, um für Ausfälle gewappnet zu sein. Kann die Bank jedoch eine Garantie – etwa einen CDS-Vertrag mit AIG vorweisen –, dann fällt die Risikovorsorge geringer aus. Das Institut muss dann beispielsweise nur 1,6 Prozent der Kreditsumme auf die hohe Kante legen. Das bedeutet bares Geld für die Bank. Denn sie kann die Differenz, die sie eigentlich zurücklegen hätte müssen, an anderer Stelle gewinnbringend einsetzen.

Jetzt können diese Transaktionen böse zurückschlagen. Sollte AIG die Mittel für die Auflösung der CDS nicht aufbringen, könnte das neue Löcher in die Bilanzen der hiesigen Banken reißen. "Das kann potenziell eine weitere Runde Verluste für die europäischen Kreditinstitute bedeuten", prognostiziert Chris Whalen, ein Bankenanalyst bei Institutional Risk Analytics in New York. Die amerikanische Regierung unterstützt bereits Anstrengungen, die Verträge aufzulösen. Bislang geht das allerdings nur schleppend voran. "Das ist eine eklige Angelegenheit, aber genau das muss man jetzt tun", sagt Joseph Mason, Finanzprofessor an der Drexel-Universität in Philadelphia. Man könne diese unstabilen und undurchsichtigen Beziehungen mit den Geschäftspartnern nicht länger laufen lassen.

Darüber hinaus haben europäische und amerikanische Institute die Kreditderivate zur Absicherung weiterer Kredite und Anleihen genutzt. Der Markt hatte Ende 2008 ein Volumen von rund 30 Billionen Dollar. Von den Staatsmilliarden für AIG haben die Institute, die selbst unter Druck stehen, bislang profitiert: Denn die CDS-Kontrakte geben ihnen die Möglichkeit, Sicherheiten von AIG nachzufordern, falls diese von den Ratingagenturen als weniger liquide eingestuft werden.

Seit AIG im September mit Staatsgeldern aufgefangen wurde, seien bis Anfang November allein Sicherheiten von über 35 Milliarden Dollar an AIGs Vertragspartner durchgereicht worden, berichtet das Wall Street Journal. Dazu sollen auch Großbanken wie Goldman Sachs, Merrill Lynch, UBS und die Deutsche Bank gehören. Eine erneute Herabstufung durch die Ratingagenturen könnte nach Expertenschätzungen mindestens acht Milliarden Dollar kosten – die Verstaatlichung ändert daran erst einmal nichts.

Neben den Banken sind auch viele deutsche Kommunen mit AIG verbandelt. Der Versicherer taucht häufig im Zusammenhang mit sogenannten Cross-Border-Leasingverträgen auf. Im Rahmen dieser Steuersparmodelle hatten Ende der neunziger Jahre Gemeinden Teile ihrer Infrastruktur – Kanalnetze, Schulen, Krankenhäuser – an amerikanische Investoren verkauft und dann sofort wieder zurück geleast. AIG garantiert in vielen Fällen die Leasingzahlungen an den Investor. Was viele Kommunen nicht wussten: In den komplexen Verträgen ist vorgesehen, dass sie im Falle einer Herabstufung der Bonität des Versicherers zusätzliche Sicherheitszahlungen leisten müssen. Dieser Fall ist nun eingetreten – Kommunen und Versorger müssen nun Gelder in Millionenhöhe nachschießen.

Die Stadt Bochum zum Beispiel verkaufte ihr Kanalnetz an US-Investoren und bekam dafür eine Prämie von rund 20 Millionen Euro. Nachdem AIG von den Ratingagenturen heruntergestuft wurde, verlangt der Investor nun, dass die Stadt amerikanische Staatsanleihen im Wert von rund 90 Millionen Euro als zusätzliche Sicherheiten hinterlegt. Wegen der ungewissen Zukunft von AIG will die Ruhrgebietsstadt nun ganz aus dem Vertrag aussteigen. 

AIG-Chef Liddy arbeitet unterdessen weiter daran, den Versicherungsriesen zu verschlanken. Ursprünglich sollte er über den Verkauf von Unternehmensteilen die Kredite der Regierung zurückzahlen. Doch es lassen sich kaum Käufer für die Sparten eines Konzerns finden, den viele als undurchschaubare „Black Box“ betrachten. Teile von AIG könnten in einigen Monaten abgespalten und an die Börse gebracht werden – unter neuen Namen und mit neuen Gesichtern im Vorstand.

Ob ihm das am Ende gelingen kann, wird von Marktbeobachtern stark bezweifelt. Professor Mason bemüht ein altes Wall-Street-Sprichwort: "Bei einem gescheiterten Geschäftsmodell ist der einzige verbleibende Wert der Toner des Kopierers."

 
Leser-Kommentare
  1. Ich würde sagen, die doch auf wenige Parameter beschränkte Neoliberale Ideologie und deren verbissene Umsetzung war, ist und bleibt ein gewaltiges Risiko für die Gesellschaft exkl. der Investoren die ja immer noch ihre Steueroasen als Rückzugsort haben... Das Finanzsystem stelle ich für den Moment mal hintenan da ich ja, wie die meisten von uns nicht' viel mehr habe als ein Sparkonto.. und das war vor der Umsetzung der Neoliberalen Ideologie nicht gefährdet und ist es bei nicht betroffenen Banken bis heute...

    ;-)

    “When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara

  2. Interessant die 35 Mrd. $ Steuergelder die an die Vertragspartner Goldman Sachs Merryll Linch, etc. weitergereicht wurden. Da hat der eine oder andere Investor schnell noch seine Schäfchen ins Trockene gebracht. So wie der ehemalige Finanzminister Paulson ( unter Bush ) der von Goldman Sachs kam, und sicher hohe Pensionsabfindungen einkassierte. Oder der ehemalige Fed-Chef Alan Greenspan der bei Deutsche Bank nicht umsonst teure Beraterhonorare kassierte, mitunter auch dafür das wertlose subprime Zertifikate aus dem Bestand der Deutschen Bank an die gutgläubige IKB veräußert wurden. Aber was versteht schon der einfache Steuerzahler davon, er ist gut um zu bezahlen

    • HBogon
    • 05.03.2009 um 22:51 Uhr

    Wenn AIG nicht mehr zu retten sein sollte, was ich für wahrscheinlich halte, wird innerhalb kurzer Zeit das gesamte wacklige Kartenhaus aus Finanzidioten, hörigen Regierungen und krimineller Steuerstütze in Billionenhöhe zusammenbrechen.

    Wahrscheinlich stellt sich doch eher die Frage, wieviele Milliarden noch in dieses Fass ohne Boden gepumpt werden, bis dieser Tag gekommen sein wird.

    • Chali
    • 06.03.2009 um 6:53 Uhr

    Nach diesem Artikel verstehe ich einiges besser.

    Die allermeisten dieser Papiere haben das gemeinsame Merkmal, dass Gewinn und Einkommen des jeweiligen Urhebers von Anfang an gesichert sind, während das sorgfältig verborgene Risiko der Wertminderung eines Derivats oder gar eines Absturzes allein beim Käufer des Papiers liegt – eine gut getarnte Form von Raubtierkapitalismus.
    http://images.zeit.de/tex...

    Bitte, bleiben Sie am Ball! Zerren Sie das sorgfältig verborgene Risiko an Licht!

    Ach, und übrigens:
    Es wäre schön, wenn sich Ihre Redaktions-Kollegen ebenfalls um Aufklärung bemühen würden!

  3. BE_FRANK

    Das Problem der deutschen Kommunen hat nichts mit Neo-Liberalismus zu tun. Unser Wahlsystem, bei dem Stimmen über angeblich soziale Wohltaten gekauft werden war auch auf kommunaler Ebene so MEGA-PLEITE, dass die klammen Kommunen ihre Infrastruktur an amerikanische Investoren verkauften um diese dann wiederum zu leasen.

    Das diese Verträge jetzt plötzlich und so völlig überraschend irrwitzige Risiken und Nachforderungen verlangen, zeigt dass die wirtschafliche Urteilsfähigkeit der Politker auch nicht viel besser ist als die der linken Masse die sie wählt.

  4. 6. AIG

    AIG muß sterben. Alle bisherigen Unterstützungen, flossen nur in die Taschen des Managements. Nicht einen Dollar bekam die Firma zu sehen.

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