Amoklauf Debatte über Konsequenzen beginnt

Der Amoklauf in Winnenden hat Bestürzung und Betroffenheit ausgelöst. Die Politik diskutiert darüber, wie solche Taten künftig besser verhindert werden können

Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger und Landesinnenminister Heribert Rech (beide CDU)

Baden-Wüttembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) drückte den betroffenen Eltern und Mitschülern am Mittwoch in Winnenden sein Mitgefühl aus: "Betroffen ist ganz Baden-Württemberg. Die Schule, einen Ort der Zukunft, der Bildung und Erziehung so zu stören und zu zerstören ist besonders gemein."

Bundespräsident Horst Köhler und seine Ehefrau Eva Luise reagierten mit Entsetzen und Trauer. "Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien und Freunden. Wir fühlen uns mit ihnen in diesen schweren Stunden tief verbunden", sagte das Paar in Berlin.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich tief bestürzt. "Es ist ein Tag der Trauer für ganz Deutschland", sagte sie in einer Stellungnahme. "Es ist unfassbar, dass binnen Sekunden Schüler, Lehrer in den Tod gerissen wurden durch ein entsetzliches Verbrechen, Unbeteiligte von einer Sekunde auf die andere ihr Leben verloren haben", fügte sie hinzu. "Es ist schwer in Worte zu fassen, was heute passiert ist."

Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat sich über den Amoklauf von Winnenden erschüttert gezeigt. "Ich fühle tiefe Trauer", sagte er bei einer Kommunalwahl-Veranstaltung in Kiel. "In solch einer Stunde versagt auch die Sprache, haben wir nicht die richtigen Worte für eine solche Situation." FDP-Chef Guido Westerwelle drückte allen Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus. Die Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir wünschten den Verletzten baldige Genesung.

An der Albertville-Realschule in Winnenden bei Stuttgart herrscht nach der Bluttat mit fast zwei Dutzend Toten blankes Entsetzen und Angst. Ein vermutlich ehemaliger Schüler, ein 17-Jähriger, hatte in der Schule offenbar wahllos um sich geschossen und mindestens neun Schüler sowie weitere Menschen getötet. Dutzende medizinische Helfer und Notfallseelsorger sind am Tatort. Die Polizei sicherte die Schule mit einem Großaufgebot und fahndete in der Region nach dem Täter. (Ereignissplitter aus der Region hier)

Gleichzeitig beginnt die Debatte über die Konsequenzen des Amoklaufs. Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) mahnte bessere Vorsorge an, um derartige Taten künftig zu verhüten. Sie sprach sich dafür aus, Schulen verstärkt auf solche kritischen Situationen vorzubereiten und die Auslöser für Amokläufe besser zu untersuchen. Darüber hinaus regte von der Leyen "Erziehungs-Partnerschaften" zwischen Schulen und Eltern an, um gemeinsam "solche schrecklichen Ereignisse im Vorfeld zu erkennen und abzuwenden".

Leser-Kommentare
    • yato
    • 11.03.2009 um 16:25 Uhr

    heute gibt es nur noch wenige konflikte zwischen den staaten, deren "gutes" immer darin lag, dass das klare feindbild immer die andere nation war und man unnütze eigene junge männer gut als kanonenfutter verbraten konnte.
    die heutigen (welt-) kriege könnte man eher "arm gegen reich" bzw hoher status gegen niedrigen status nennen.

    heute ist es für einem, der durch sein schicksal vielleicht böse an
    einen mentalen abgrund gemobbt wird deshalb schwerer einen
    klaren feind (vor allem einen feind von aussen, was nur den debileren
    rechten gelingt) zu erkennen.
    das ist wie beim finanzsystem-crash - wer ist schuld? ackermann? oder
    doch wir alle, also jeder der sein geld einer bank gibt? oder
    niemand?

    ich denke dass letztlich dieses ganze mitleidslose system schuld ist
    an den amokläufern und "stein von brücke auf autobahn werfern" etc.

    dieses system regelt sich mit struktureller gewalt, und diese gewalt
    wird an manchen ecken wie eine schneeverwehung potenziert und wenn so
    eine "schneeverwehung" an eine waffe kommt, dann knallt es.

    wie sagte brecht: "der schoß ist fruchtbar noch"
    der geist, der zu zwei weltkriegen führte ist nach dem krieg nicht
    ins ewige jenseits abgetaucht, der krieg findet heute auf einer
    anderen ebene und oft untereinander und nicht zwischen nationen
    statt, im konkurrenzkampf der firma zum beispiel, sogar auf der
    autobahn, in der u-bahn, in den beziehungen (jede 2. ehe wird
    geschieden) und in der schule. es ist kein "heisser krieg" und wer
    erfolgreich ist, der kan das gut ausblenden. es ist ein kalter krieg
    der nur bei besonderen anlässen hinter dem vorhang vortritt und auf
    die hauptbühne kommt.

    übrigens sind die meist verschwiegenen 10 000 selbstmörder jährlich
    in deutschland (doppelt so viele wie verkehrstote und 100 000 beim
    selbst- mordversuch) eine große schande für unser system. (und von
    den 30 000 toten kindern täglich global durch armutsgründe darf man
    ja nicht reden, da ist man gleich der stimmungskiller)

    die killerspiel debatte ist nicht mehr als ein sündenbock und das
    armutszeugnis für die leute die uns führen und noch nicht einmal das
    eigentliche problem in seiner komplexheit erkannt haben

    verhaftet das system ;-)

    • Medley
    • 11.03.2009 um 17:05 Uhr

    Auch dieser Amoklauf war nicht anders als eine Rachetat eines in seinem Narzismus(Ehre) gekränkten adoleszenten! männlichen! Jugendlichen, da alle diese Täter der letzten Zeit sowohl männlich als auch im postpubertären Alter von 17 bis 22 Jahre waren. Männliche Unterschichtsmigranten in dem Alter "stechen" irgendjemanden aus nichtigen Gründen ab. Deutsche Mittelschichtszöglinge schmeissen stattdessen entweder Mollotowcoctails auf Polizisten oder laufen Amok. Allen gleich ist hingegen aber die gekränkte Eitelkeit der Testeronträger.

    Wenn man daher nun ein System verhaften muss, dann ist es das System des maskulinen Hormonüberschusses, sonst nichts.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Intellektuelle Flattulenz - dafür halte ich Ihren Beitrag. (Anmerkung: Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Die Redaktion/jk) Wie passen denn muslimische Selbstmordattentäterinnen oder kindermordende Mütter in Ihr sexistisches Weltbild? Die sind dann wohl wiederum "Opfer patriarchalischer Strukturen" oder was? Kann diese pseudowissenschaftlichen Klischees des 70er-Jahre-Feminismus allmählich nicht mehr ertragen.
    Wenn man sich allerdings auf Ihre "Argumentation" einlässt und von gekränkter "Ehre" als Motiv ausgeht, dann müsste man doch irgendwann dahin kommen zu fragen, was diese Kränkung ausgelöst hat? Möglicherweise hat es dann tatsächlich etwas mit Geschlechterverhältnissen zu tun, und zwar mit der nachweislichen Benachteiligung von Jungen im deutschen Schulsystem - das sich zu einem Gutteil aus Frauen rekrutiert - oder auch der faktischen Diskriminierung von Männern u.a. bei der Zwangsdienstverpflichtung sowie dem Vaterschaftsrecht.
    Alles in allem scheint es mir jedoch nicht zielführend zu sein, die Ursachenforschung auf den Bereich der Geschlechterverhältnisse zu verengen. Für fruchtbarer halte ich die Analyse der Erosion humanistischer Werte in den westlichen Gesellschaften.

    Intellektuelle Flattulenz - dafür halte ich Ihren Beitrag. (Anmerkung: Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Die Redaktion/jk) Wie passen denn muslimische Selbstmordattentäterinnen oder kindermordende Mütter in Ihr sexistisches Weltbild? Die sind dann wohl wiederum "Opfer patriarchalischer Strukturen" oder was? Kann diese pseudowissenschaftlichen Klischees des 70er-Jahre-Feminismus allmählich nicht mehr ertragen.
    Wenn man sich allerdings auf Ihre "Argumentation" einlässt und von gekränkter "Ehre" als Motiv ausgeht, dann müsste man doch irgendwann dahin kommen zu fragen, was diese Kränkung ausgelöst hat? Möglicherweise hat es dann tatsächlich etwas mit Geschlechterverhältnissen zu tun, und zwar mit der nachweislichen Benachteiligung von Jungen im deutschen Schulsystem - das sich zu einem Gutteil aus Frauen rekrutiert - oder auch der faktischen Diskriminierung von Männern u.a. bei der Zwangsdienstverpflichtung sowie dem Vaterschaftsrecht.
    Alles in allem scheint es mir jedoch nicht zielführend zu sein, die Ursachenforschung auf den Bereich der Geschlechterverhältnisse zu verengen. Für fruchtbarer halte ich die Analyse der Erosion humanistischer Werte in den westlichen Gesellschaften.

    • bbirke
    • 11.03.2009 um 18:15 Uhr

    Wie immer werden jetzt die ganzen Hardliner und Anti-Medien-Experten auftreten und nach mehr Zensur, Verboten und Überwachung schreien: Internet, "Killerspiele", Filme und was weiß ich noch... Das hat nichts mit sinnvollen oder notwendigen Konsequenzen aus der Tat zu tun, das ist ein Missbrauch der Tat und ihrer Opfer, um sich mit Repression und Schikanen zu profilieren und einen autoritären Unterdrückungsstaat zu installieren.

    Man soll die Leute doch erst mal trauern lassen, die Tat untersuchen und dann auf sinnvolle Konsequenzen zu sprechen kommen!

    Ich poste schon mal einen Link, um dieser heran rauschenden Flutwelle wenigstens einen Sandsack in den Weg zu werfen:

    Warum mit den "Killerspielen" auch Werte verteidigt werden:

  1. warum, fuer was, fuer wen ? Diese Tat macht fassungs- und sprachlos, meine herzliche Anteilnahme allen Beteiligten und mein Respekt vor der Polizei.
    Es wird aber allerhoechste Zeit das sogenannte "Jugendalter" fuer Straftaeter auf 14 JAHRE herabzusetzen.
    Als dieses Gesetz gemacht wurde war man bis 16 wirklich "noch Kind" dies
    hat sich aber grundlegend geaendert , 10 Jahre als Hoechstrafe ist absolut unverstaendlich und hier sollte schleunigst gehandelt werden, aber bitte nicht wieder "nach den Wahlen". Der Taeter ist tot und das ist auch gut so,
    sowohl fuer IHN als auch fuer Uns.

    • Yadgar
    • 11.03.2009 um 19:35 Uhr

    @arno wahl:
    Da verwechseln Sie offensichtlich etwas mit der Heranwachsenden-Regelung für 18-21jährige - die grundsätzliche Strafmündigkeit beginnt in Deutschland seit vielen Jahrzehnten schon mit 14 Jahren, ebenso das gesetzlich definierte (Jugendschutzgesetz) Jugendlichen-Alter!

    Abgesehen davon wird sich ein Amokläufer kaum durch höhere Jugendstrafen für Mord abschrecken lassen, da er im Allgemeinen sowieso davon ausgeht, im Laufe seiner Tat selbst erschossen zu werden bzw. andernfalls selbst "nachhilft"! Der Amokläufer (im weitesten Sinne, "Amok" bezeichnet ja ursprünglich einen spontanen Gewaltausbruch) will überhaupt nicht überleben, solche Taten sind ihrem Wesen nach ein "erweiterter Selbstmord", der Täter handelt nach der Devise "wenn es für mich schon keinen Platz auf diesen Welt gibt, sollen soviele Andere wie möglich mit dran glauben müssen".

  2. Genau wie der Kommentator von Beitrag Nr. 1 sehr ich als tiefste Ursache für diese schrecklichen Bluttaten die strukturelle und tatsächliche Brutalität dieses kapitalistischen Systems, das auch die Gesellschaft in Deutschland beherrscht, unter dem es viele frustrierte Verlierer und wenige (skrupellose) Gewinner gibt. Manche, die sich auf der Verliererbahn sehen, können dies psychisch nicht verkraften und sind gefährdet, den Verlockungen der sich ihnen bietenden Möglichkeiten, wenigstens einmal Rache für ihre inneren Verletzungen zu nehmen, zu unterliegen - mit den unter Umständen schrecklichen Folgen für die Gesellschaft...

    Das jetzt dazu und sofort anhebende Betroffenheits- und Mitleidsgelabere der großkopferten Politiker ist einfach widerwärtig! Diese Leute hätten in der Vergangenheit sehr wohl viele Gelegenheiten gehabt, solche Ereignisse schon im Keim zu bekämpfen. Warum haben sie denn nicht wirklich etwas in der Richtung getan? Vielleicht aus Verbundenheit mit der Waffenloby (USA-Verhältnisse lassen grüßen!)?

    Zum Beispiel wäre es doch gesetzgeberisch relativ schnell möglich, das Waffengesetz der BRD dahingenehend zu ergänzen, dass Bürgern, denen das Aufbewahren von Schusswaffen im privaten Bereich erlaubt ist, mit der Genehmigung auferlegt wird, dieses den Schulen zu melden, in die ihre Kinder unterrichtet werden. Diese Meldepflicht wäre durch die betreffenden Behörden, Vereine etc. zu kontrollieren. Dadurch wüssten die Schulen, in welchen Elternhäusern ihrer Schüler Waffen vorhanden sind, und könnten z. B. auch von den zuständigen Stellen fordern (dieses Recht müsste auch verankert werden), dass die betreffenden Waffenbesitzer auf Einhaltung eines sicheren Waffenverschlusses kontrolliert werden. Die Ergebnisse dieser Kontrollen wären auf Verlangen den Schulleitungen mitzuteilen.

    Ich möchte mit meinen Ausführungen nur darauf hinweisen, dass es bei einem entsprechenden politischen Willen durchaus Möglichkeiten gäbe, die Gesellschaft besser vor Waffenmissbrauch zu schützen.

    Dr. Klisch

  3. Nach dem Entsetzen, der Trauer und der Wut kommt die Frage nach Ursachen und Auslösern solcher Taten. Zahlreiche Publikationen haben sich weltweit damit auseinandergesetzt. Es gibt manche Gemeinsamkeit zwischen den Täterprofilen und doch ist jede Tat letztendlich unvorhersehbar, vor allem von den immer ahnungslosen Opfern. Denen ist immer gemeinsam, dass sie in der Sekunde der Konfrontation absolut wehrlos sind. Obwohl ich Gewalt absolut als Prolemlösung ablehne, frage ich mich aber, wieviel Tote es bei solchen Amokläufen wohl weniger geben würde, wenn ein paar entsprechend geschulte Lehrer kurzfristig mit einer Waffe eingreifen könnten - und gesetzlich legitimiert das auch tun dürften. Umso wehrloser die Opfer sind, umso leichter haben es Täter, besonders solche mit Killerabsicht, das ist eine Binsenweisheit. Vor kurzer Zeit hat an einer israelischen Schule ein Jugendlicher ebenfalls einen Amoklauf versucht. Der einzige Tote, den es bei dem Versuch gab, war meiner Erinnerung nach der Möchtegernamokläufer selbst. Ein couragierter (legal) bewaffneter Lehrer hat ihn kurz nach dem Ziehen der Waffe niedergeschossen.
    Natürlich muss sich die Diskussion hauptsächlich darum drehen, wie man solche tickenden Zeitbomben schon entschärfen kann, bevor sie überhaupt Unheil anrichten - schießend, bombend, Gift verteilend oder was auch immer. Aber vielleicht sollte man auch darüber nachdenken, welche Möglichkeiten es geben könnte, gegen die "tickend Zeitbombe" vorzugehen, wenn sie ihren Blutrausch schon beginnen konnte, weil man sie vorher nicht entschärft hat. Vergessen wir nicht: Colleges und Schulen sind weltweit die bevorzugten Orte, wo solche Wahnsinnstaten ablaufen. Es sind Plätze, wo die Killer darauf bauen können, dass ihnen ihre Opfer wie die Kaninchen der Kobra gegenüberstehen - nämlich wehrlos.
    Vielleicht sollte man in der Aufarbeitung dieser Tagödie auch einmal darüber reden, was jeder Einzelne tun kann, wenn er in eine solche Konfrontation kommen sollte. Es kann doch nicht sein, dass ein Verrückter gezielt ein Dutzend Menschen nacheinader mit Kopfschuss töten kann. Das kann eigentlich nur klappen, wenn die Opfer dem Täter erstarrt gegenüber stehen und ein bewegunsloses Ziel abgeben.
    Natürlich wird es in solchen Fällen wohl fast immer Opfer geben. Aber ich denke, es könnten oftmals deutlich weniger sein, wenn der Täter - abstrakt gesprochen - mental besser vorbereiteten potenziellen Opfern gegenübersteht.
    Wobei ich weiß, dass einer der einen Supergau plant, natürlich noch auf viel wirksamere Mittel zurückgreifen kann, als es eine Pistole ist. Ich erinnere hier nur an die Wahnsinnstat von Oklahoma City in den 1990er-Jahren, als jemand mittels eines Kleinlasters gefüllt mit Kunstdünger ein Bürohochhaus wegblies und über 200 Menschen tötete. Es wird immer Wahnsinnige geben, die ihre schrecklichen Taten zu Ende führen können. Doch wie oben erwähnt, bei Messer- oder Schusswaffentätern sollte die erwähnte "mentale Vorbereitung" und vielleicht sogar eine entsprechende Ausrüstung polizeilich geschulter Lehrkräfte die Opferzahl im Fall der Fälle niedriger halten können.

  4. Natürlich werden die vom Machbarkeitswahn erfüllten Politiker wieder Konsequenzen fordern -: schon der Wahn, mittels nachträglicher Sicherungsverwahrung ein Vollkasko-Sicherheitsgefühl erzeugen zu können, war kontraproduktiv. Denn der BGH hat diese schlicht verfassungswidrige Gesetzgebung im vorauseilenden Gehorsam derartig verfassungskonform eng ausgelegt, daß meines Wissens erst zwei oder drei entsprechende Entscheidungen in ganz Deutschland höchstrichterlich bestätigt wurden, so daß wir jetzt "Lücken" haben, die es zuvor nicht gab, denn da gab es diese Regelung überhaupt noch nicht. Ein Absurdistan, das Hexenjagden auslöt und jegliche Resozialisierung verhindert. Die Sicherungsverwahrung ist eine NS-Erfindung und im europäischen Raum nahezu singulär, und daß ein Gericht sie nun "vorbehalten" kann, wenn man noch nicht so recht weiß, ob sie ein Verurteilter verdient, und sie nachträglich verhängen darf, wenn sich nach Urteilsfindung neue Erkenntnisse über eine Gefährlichkeit des Täters ergeben, ist eines Rechtsstaates unwürdig. Wissenschaftlich valide Prognosen über das zukünftige Verhalten eines Menschen gibt es nicht: es gibt Risikoeinschätzungen, und die Angst von Gutachtern, danebenzuliegen, was aber nur bei positiven Prognosen evident wird. Also gibt es eher negative Prognosen.

    Diese Tat von heute (wie auch der Fall "Michelle" in Leipzig) belegt, daß es die Vorhersehbarkeit & Voraussagbarkeit menschlichen Handelns nicht gibt - andererseits hätte jede dieser Tragödien verhindert werden können. Nicht durch noch schärfere Waffengesetze - gegen die man ja verstoßen kann, wie es der Vater des Täters tat, der Beretta und Munition nicht einschloß -, auch nicht durch Internetkontrolle und Videospiel-Verbote. Die sind nur das Zündholz. Das Feuer wird woanders gelegt, nämlich in der eigenen Familie und im schulischen Umfeld, in dem der klassische spätere Täter als still, unauffällig, erfolglos beim anderen Geschlecht und verachtet von der peergroup, als ›Opfer‹,gelitten hat.

    Er sieht nicht gut aus, liefert keine Show, hat nichts von dem, was die Leistungsgesellschaft fordert. Die Tragödie beginnt allerdings in der Familie, die den männlichen Pubertierenden in dieser Phase der höchsten Unsicherheit, dem Widerspruch zwischen kindlichem Ich und hormonellem Mannsein, der größten Suizidalität und des größten Pathos, fallen läßt. Weil er so merkwürdig ist, schweigsam, rebellierend in dieser heiklen Zwischenphase; weil die schulischen Leistungen nicht mehr stimmen; weil er dem Wunschbild der Eltern nicht mehr entspricht. Findet ein vom Elternhaus wie von den Mitschülern ausgegrenzter Junge/Mann keine Freundin, die ihm die allseits entzogene Liebe ersetzt, und das sind sehr viele, können Selbstauslöschungs- und Rachephantasien überhand nehmen. Man wünschte all diesen Unglücklichen die Flucht in die Literatur, wo sie ihr Schicksal, über die Jahrhunderte hinweg, emphatisch & daher tröstlich geschildert fänden -: leider lesen sie nicht mehr. Und daß die Schule die Lust an der Literatur generell verleidet und nur versehentlich erzeugt, wissen wir ja alle.

    Betrachtet man nur das Foto dieses kindlich-zurückgebliebenen, schüchternen, bebrillten, unattraktiven 18-Jährigen aus Leipzig, gegen den BILD am liebsten die Todesstrafe fordern würde, so ahnt man, was da wirklich geschehen ist. Sein von allen Seiten ungestilltes und von gleichaltrigen Mädchen frustriertes Bedürfnis nach Nähe, Zärtlichkeit, Liebe, das sich auf das ihm bekannte Mädchen wahnhaft konzentriert hatte, wurde naturgemäß ebenfalls zurückgewiesen. Die Katastrophe nahm ihren Lauf.

    Der Täter hier gehört demselben Typus an - sein Vater wird als ›Patriarch‹ bezeichnet, kurz: eine zu Gesten der Zärtlichkeit unfähige Person, die Respekt einfordert und Angst verbreitet. Der wenig erfolgreiche Sohn wird von diesem Vater niemals Respekt erfahren haben, und auch woanders nicht. Ob er wenigstens von der Mutter Liebe erfahren hat? Man will es ihm wünschen. Ganz sicher hatte er keine Freundin - diese Konstellation trifft für alle pubertierenden Amokläufer zu -, und daß er in seiner alten Schule nahezu ausschließlich Frauen tötete, ist ein Indiz dafür, daß die Mädchen, schon weil er optisch in die Loser-Kategorie gehört, und auf Attraktivität kommt es ja heutzutage entscheidend an, ihn allesamt abgelehnt haben.
    Mich erschüttern solche Tragödien nicht weniger als die holzhammerartigen Reflexe von Politikern.

    Ich bin sicher, daß ein Liebeswort, ein einziges, der Biographie solcher Täter eine ganz andere Richtung gegeben hätte. Und beklage sinnlosen Tod und unerträgliches Leid, das durch solche Taten erzeugt wird.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    @ Berroland + Andere,

    ich sehe es im großen und ganzen ebenso wie Sie, nur fürchte ich, daß im gleichen Maße wie jedweder formale Versuch der Prävention durch neue Gesetze und Verbote - Waffengesetz, Verbot bestimmter Computerspiele usw. -, an den immer verbleibenden nicht erfaßbaren, aber möglichen Szenarien und Lücken scheitern wird, es auch unmöglich sein dürfte, jedem potentiellen Amokläufer rechtzeitig die nötige psychosoziale Hilfestellung und Förderung zukommen zu lassen. Und wenn man tausenden vom Typus den Sie beschreiben helfen könnte, - einer nur, den man nicht errreicht, kann dennoch das nächste Desaster anrichten.

    Es ist, wie man so sagt, ein "gesellschaftliches Problem". Woraus schon sprachlich folgt, daß es im Grunde nötig wäre, eben die gesellschaftlichen Ausgangsbedingungen zu ändern. Nur wie? Ein weites und viel diskutiertes Feld. Und mehr als Diskussionen wird wohl auch nicht stattfinden.

    Es hat immer Modedelikte gegeben, zum Beispiel das berühmte "Werther-Phänomen" bei Suiciden erotisch enttäuschter Jugendlicher; zur Zeit sind, wie es scheint, die Schul-Amokläufe etwas ähnliches. Präventiv wird man bis auf weiteres dagegen wenig tun können, außer zu hoffen, daß sie irgendwann sozusagen von selbst wieder aus der Mode kommen. Man wird sich damit abfinden müssen.

    Speziell die Forderung nach weiteren Restriktionen beim Waffenerwerb und Besitz sind völlig illusionär: solche Amokläufe sind stets von langer Hand geplant, wie Fachleute mitteilen, oft sogar über Jahre. Zeit genug, sich eine Waffe zu besorgen, für denjenigen, der wirklich entschlossen ist, nötigenfalls im Ausland.

    Ich bin daher auch dagegen, im aktuellen Fall nun den Vater des Täters als gewissermaßen Mitschuldigen anzugreifen, weil er eine seiner Pistolen nicht verschlossen hatte. Der Mann ist gewiß gestraft genug. Andererseits, gut, leichtfertig war das schon. Ich z.B. besitze von früher (legal) eine Pistole, aber sie liegt vorschriftsmäßig (und seit vielen Jahren unbenutzt) im Stahlschrank verschlossen und bei der Geburt unseres Sohnes habe ich die Munition dafür sicherheitshalber sofort abgegeben.

    Aber was, wäre ich Jäger oder Sportschütze? Wie schnell kann es geschehen, daß man eine Waffe doch einmal nicht wegschließt, z.B. wenn man müde von der Jagd kommt, oder den Schlüssel zum Waffenschrank nicht gut genug versteckt hat?

    Ich bin mehr für pragmatische und konkrete Teillösungen. Dem gelegentlich zu vernehmenden Vorschlag, Lehrer zu bewaffnen, stehe ich allerdings skeptisch gegenüber, - wer im Umgang mit einer Schußwaffe, und zwar speziell auch mit deren potentiellem Einsatz gegen Menschen (was etwas ganz anderes ist, als Sportschießen!), nicht wirklich - und regelmäßig - geübt ist, der stellt seinerseits ein erhebliches Risiko dar. Er dürfte außerdem im Ernstfall mit hoher Wahrscheinlichkeit schon bei der bloßen Handhabung versagen, nichts erreichen und sich nur selber und andere noch zusätzlich gefährden.

    Man kann ja auch schlecht sämtliche Lehrer des Landes zur zweimal wöchentlichen Schießübung unter realistischen Bedingungen bei Polizei oder Militär heranziehen, weil möglicherweise an ihrer jeweiligen Schule irgendwann einmal ein Amoklauf stattfinden könnte. Was glücklicherweise immer noch äußerst unwahrscheinlich ist.

    Worüber man nachdenken könnte, da nun einmal Schul-Amokläufe als "Modetaten" auch weiterhin zu erwarten sein werden, wäre vielleicht gut ausgebildetes Sicherheitspersonal in Schulen, so wie in Banken, Flugzeugen usw.. Möglichst in zivil, schon damit ein eventueller Täter sie nicht erkennt, und womöglich als erste überraschend niederstreckt.

    Doch wie aus meinem vorherigen Beitrag ersichtlich, halte ich es für die sinnvollste Maßnahme, in jeder Stadt und Kreisstadt kleine mobile Spezialkräfte bereit zu halten, meinetwegen organisatorisch bei der Polizei angesiedelt, jedoch in jedem Fall nach rein militärischen - und keineswegs nach den üblichen polizeilichen - Vorgaben ausgebildet, auch mental, wie gesagt. Am allerbesten überhaupt keine Polizisten, sondern Berufssoldaten, die regelmäßig durch andere aus dem normalen Truppendienst ausgetauscht werden.

    Bei fast allem, was seit vielen Jahren an dramatischen Gewalttaten mitzuverfolgen war, nicht nur bei Amokläufen, und wo als einzig wirklich sinnvolles Vorgehen die konsequente Ausschaltung des oder der Täter, sprich der Todeschuß, zur Rettung der Opfer nötig gewesen wäre, haben Polizeikräfte trotz in der Regel exorbitantem Aufwand meist wenig bis garnichts erreicht. Was viele Menschen vermutlich unnötigerweise das Leben gekostet hat; und darum geht es, nicht um eine "Kurzen Prozeß"-Ideologie, falls das jemand denken sollte.

    _____________________________________________
    Willst du Gott amüsieren, erzähle ihm von deinen Plänen

    @ Berroland + Andere,

    ich sehe es im großen und ganzen ebenso wie Sie, nur fürchte ich, daß im gleichen Maße wie jedweder formale Versuch der Prävention durch neue Gesetze und Verbote - Waffengesetz, Verbot bestimmter Computerspiele usw. -, an den immer verbleibenden nicht erfaßbaren, aber möglichen Szenarien und Lücken scheitern wird, es auch unmöglich sein dürfte, jedem potentiellen Amokläufer rechtzeitig die nötige psychosoziale Hilfestellung und Förderung zukommen zu lassen. Und wenn man tausenden vom Typus den Sie beschreiben helfen könnte, - einer nur, den man nicht errreicht, kann dennoch das nächste Desaster anrichten.

    Es ist, wie man so sagt, ein "gesellschaftliches Problem". Woraus schon sprachlich folgt, daß es im Grunde nötig wäre, eben die gesellschaftlichen Ausgangsbedingungen zu ändern. Nur wie? Ein weites und viel diskutiertes Feld. Und mehr als Diskussionen wird wohl auch nicht stattfinden.

    Es hat immer Modedelikte gegeben, zum Beispiel das berühmte "Werther-Phänomen" bei Suiciden erotisch enttäuschter Jugendlicher; zur Zeit sind, wie es scheint, die Schul-Amokläufe etwas ähnliches. Präventiv wird man bis auf weiteres dagegen wenig tun können, außer zu hoffen, daß sie irgendwann sozusagen von selbst wieder aus der Mode kommen. Man wird sich damit abfinden müssen.

    Speziell die Forderung nach weiteren Restriktionen beim Waffenerwerb und Besitz sind völlig illusionär: solche Amokläufe sind stets von langer Hand geplant, wie Fachleute mitteilen, oft sogar über Jahre. Zeit genug, sich eine Waffe zu besorgen, für denjenigen, der wirklich entschlossen ist, nötigenfalls im Ausland.

    Ich bin daher auch dagegen, im aktuellen Fall nun den Vater des Täters als gewissermaßen Mitschuldigen anzugreifen, weil er eine seiner Pistolen nicht verschlossen hatte. Der Mann ist gewiß gestraft genug. Andererseits, gut, leichtfertig war das schon. Ich z.B. besitze von früher (legal) eine Pistole, aber sie liegt vorschriftsmäßig (und seit vielen Jahren unbenutzt) im Stahlschrank verschlossen und bei der Geburt unseres Sohnes habe ich die Munition dafür sicherheitshalber sofort abgegeben.

    Aber was, wäre ich Jäger oder Sportschütze? Wie schnell kann es geschehen, daß man eine Waffe doch einmal nicht wegschließt, z.B. wenn man müde von der Jagd kommt, oder den Schlüssel zum Waffenschrank nicht gut genug versteckt hat?

    Ich bin mehr für pragmatische und konkrete Teillösungen. Dem gelegentlich zu vernehmenden Vorschlag, Lehrer zu bewaffnen, stehe ich allerdings skeptisch gegenüber, - wer im Umgang mit einer Schußwaffe, und zwar speziell auch mit deren potentiellem Einsatz gegen Menschen (was etwas ganz anderes ist, als Sportschießen!), nicht wirklich - und regelmäßig - geübt ist, der stellt seinerseits ein erhebliches Risiko dar. Er dürfte außerdem im Ernstfall mit hoher Wahrscheinlichkeit schon bei der bloßen Handhabung versagen, nichts erreichen und sich nur selber und andere noch zusätzlich gefährden.

    Man kann ja auch schlecht sämtliche Lehrer des Landes zur zweimal wöchentlichen Schießübung unter realistischen Bedingungen bei Polizei oder Militär heranziehen, weil möglicherweise an ihrer jeweiligen Schule irgendwann einmal ein Amoklauf stattfinden könnte. Was glücklicherweise immer noch äußerst unwahrscheinlich ist.

    Worüber man nachdenken könnte, da nun einmal Schul-Amokläufe als "Modetaten" auch weiterhin zu erwarten sein werden, wäre vielleicht gut ausgebildetes Sicherheitspersonal in Schulen, so wie in Banken, Flugzeugen usw.. Möglichst in zivil, schon damit ein eventueller Täter sie nicht erkennt, und womöglich als erste überraschend niederstreckt.

    Doch wie aus meinem vorherigen Beitrag ersichtlich, halte ich es für die sinnvollste Maßnahme, in jeder Stadt und Kreisstadt kleine mobile Spezialkräfte bereit zu halten, meinetwegen organisatorisch bei der Polizei angesiedelt, jedoch in jedem Fall nach rein militärischen - und keineswegs nach den üblichen polizeilichen - Vorgaben ausgebildet, auch mental, wie gesagt. Am allerbesten überhaupt keine Polizisten, sondern Berufssoldaten, die regelmäßig durch andere aus dem normalen Truppendienst ausgetauscht werden.

    Bei fast allem, was seit vielen Jahren an dramatischen Gewalttaten mitzuverfolgen war, nicht nur bei Amokläufen, und wo als einzig wirklich sinnvolles Vorgehen die konsequente Ausschaltung des oder der Täter, sprich der Todeschuß, zur Rettung der Opfer nötig gewesen wäre, haben Polizeikräfte trotz in der Regel exorbitantem Aufwand meist wenig bis garnichts erreicht. Was viele Menschen vermutlich unnötigerweise das Leben gekostet hat; und darum geht es, nicht um eine "Kurzen Prozeß"-Ideologie, falls das jemand denken sollte.

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