Bundesliga-Presseschau Kassierermentalität und Ignoranz
Werder-Chef Jürgen Born soll sich bereichert haben. Die Branche tut Doping nach wie vor ab. Bayern München darf nach dem 5:1 gegen Hannover Luft holen. Eine Presseschau

© Friedemann Vogel/Bongarts/Getty
Galt als sehr seriös, nun lässt er nach einem Bereicherungsvorwurf sein Amt ruhen: Werder-Vorstand Jürgen Born
Die Hoffenheimer Dopingkontrollsünder Ibertsberger und Janker sollen dem DFB zufolge ohne Strafe davonkommen, stattdessen wird der Mannschaftsarzt für das Säumnis verantwortlich gemacht. Die Branche redet nach wie vor den Fall und das Thema klein, doch Tobias Schall (Stuttgarter Zeitung) lässt sich nicht abspeisen: "Alles ist wieder gut, um eine ernsthafte Debatte ist man herumgekommen. Warum auch? Doping im Fußball? Quatsch, hat doch keinen Sinn. Nicht im Fußball. Nur weil im Fußball heute doppelt so viel gelaufen wird wie früher, nur weil es fast nur noch englische Wochen gibt, und nur weil es um Milliarden Euro geht? Hat doch keinen Sinn, und macht bestimmt auch keiner. Dass Fußballer Schmerzmittel futtern wie andere Smarties? Schmeckt halt gut. Und Hoffenheim? Ach, die Proben waren ja negativ. Frag nach bei Karl-Heinz Rummenigge: ‚Ob die Spieler um 17.48 oder um 17.38 Uhr in der Dopingkabine antreten, ist egal. Wichtig allein ist das Ergebnis: Und das war negativ.’ Leider falsch geraten. Über so viel Ignoranz – in den vergangenen Tagen allerorten im Brustton der Überzeugung vorgebracht – könnte man lächeln. Wenn nicht alles so traurig wäre."
In Bremen ist Vorstand Jürgen Born in den Verdacht geraten, sich vor knapp zehn Jahren an einem Spielertransfer bereichert zu haben. Ein Kontoauszug soll aufgetaucht sein, der nachweise, dass ein Berater ihm 50.000 Euro überwiesen habe. Born bestreitet dies mit der Erklärung, es handle sich um eine Rückzahlung von Privatschulden. Jörg Marwedel (SZ) hat sich umgehört und reiht den Fall in eine lange Liste ein: "Diese Erklärung gilt Kennern des Fußball-Business als wenig glaubwürdig. Der Fall sei womöglich eher ein Beispiel für die Kassierermentalität im weltweit populärsten Sport. In England gibt es Urteile über Trainer, die an Spielertransfers mitverdient haben. In Deutschland muss Reiner Calmund mit Vorwürfen leben, viel Geld auf illegale Weise hin- und hergeschoben zu haben. Etliche Trainer, von Otto Rehhagel bis zu Frank Pagelsdorf oder Vorstandsmitglieder wie der frühere Boss des 1.FC Kaiserslautern, Jürgen Friedrich, haben am liebsten mit einem gut vertrauten Berater zusammengearbeitet. Die Gerüchte sind nie verstummt, dass das auch finanziell nicht von Nachteil für sie war." Born lässt seine Ämter nun ruhen.
Randale in Karlsruhe am vergangenen Sonntag, Ausschreitungen in Hamburg am Freitag – gibt es einen neuen Trend der Gewalt unter Fans? Markus Lotter (Berliner Zeitung) kann nicht ausschließen, dass es sich um die Folge der Finanzkrise handelt, und fordert Maßnahmen: "Die Weltwirtschaftskrise beeinflusst den Fußball nicht nur bei Generierung finanzieller Mittel negativ. Zudem bringt sie noch mehr Menschen hervor, die dabei nicht nur nach Zerstreuung, sondern nach Zerstörung suchen. Die den Feiertag Fußball als Feiertag für die Gewalt verstehen. Und die Organisatoren dieser Gewalt freuen sich über die zahlreichen Überläufer von gewaltbereit hin zu gewalttätig. Krisen waren eben seit jeher Nährboden für Dummheit und Chance für das Böse. (…) So hat sich hierzulande die Polizei mit dem Problem zu beschäftigen. Sollte die vielleicht schon bald keine Lösung mehr parat haben, gibt es nur eins: Fußballspiele mit erhöhtem Konfliktpotenzial müssen an neutralem Ort und unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen werden."
Zum Sportlichen: Nach dem 3:1 in Cottbus distanziert Hertha BSC Berlin den Rest des Feldes auf vier Punkte. Das Team bleibt wegen seiner unspektakulären Spielweise dennoch Außenseiter. Roland Zorn (FAZ) hält die zurückhaltende Art der Berliner für einen Vorzug: "Seine eigenen Ziele nach innen wie nach außen autonom und nicht reflexhaft zu definieren und so unbemerkt wie möglich Schritt für Schritt voranzukommen, ist ein Weg zum Titel, den zuletzt der VfB Stuttgart im Jahr 2007 einschlug. Im Moment beflügelt die selbsttragende Kraft des Erfolges die Hertha. Vielleicht sind die Berliner dann eines Tages Meister, ohne vorher ein Wörtchen darüber verloren zu haben. Sie wären nicht die Ersten, die auf leisen Sohlen ans Ziel kämen."
Der 5:1-Sieg gegen Hannover garantiert den Bayern und Trainer Jürgen Klinsmann ein wenig Ruhe. Doch die FR gibt zu bedenken: "Die Lage bleibt undurchsichtig. Niemand vermag, neuerliche Rückfälle auszuschließen. Auch das Klinsmann-Thema wird weiter schwelen. Anders als vor ein paar Wochen noch hört man aus der Führungsetage momentan nicht mehr den Satz, Klinsmann werde, komme, was wolle, bis zum 34. Spieltag und darüber hinaus Bayerntrainer sein. Bedingungsloser Zuspruch sieht anders aus. Die Wende ist noch lange nicht erreicht."
Laufen Hoffenheim die Fans davon? Stefan Osterhaus (Financial Times Deutschland) befasst sich mit dem Sympathieentzug: "Mit Rückrundenauftakt hat sich irgendwas an der Rezeption geändert. Das Privileg der Jugend zählt anscheinend nicht mehr, zunehmend werden die Hoffenheimer Kicker an sehr harten Maßstäben gemessen. War es nicht schon immer eine Strebertruppe? Konzipiert am Reißbrett, eine Revolution aus dem Labor? Der große Flirt des Fußballlandes aus der Hinrunde ist jedenfalls vorbei. Die Halbsaisonsympathisanten verabschieden sich. Bei der Berliner Hertha hießen solche Leute früher Erfolgsstricher. Opportunist tut's auch."
- Datum 09.03.2009 - 14:57 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Da hat sich der Herr Lotter aber wirklich ein paar sagenhafte Zeilen aus dem Rückenmark gestemmt. Wirklich ein toller Exkurs über die Finanzkrise, das Böse und Proleten-Zerstreuung. Leider reichlich pseudo-sozialphilosophischer Nonsens!
Wer derlei Blödsinn zu Kausalketten zusammenstrickt, scheint sagen zu wollen: "Ich habe verdammt nochmal keine Ahnung wovon ich rede!" Lotters persönlicher Standort muss unfassbar weit abseits des Geschehens liegen. Da spricht jemand der noch nie dabei war, als es "geknallt" hat. Jemand der sich vermutlich noch nie die Mühe gemacht hat, sich mit Menschen zu unterhalten, die adrenalinübersättigt mit Quarzsandhandschuhen in Waldstücken auf "Gegner" warten und dort das gefährliche "Alles oder Nichts" um das kleine bisschen Fußball- Anarchie spielen.
Warum meinen immer ausgerechnet diejenigen etwas zum Thema Fußballgewalt sagen zu müssen, die so himmelschreiend ahnungslos sind? Wie egal müssen dem Autor die wahren Hintergründe der Gewaltfaszination sein, wenn ihm nicht mehr dazu einfällt, als der absurde Gedanke, die jüngsten Anzeichen für eine neue Gewaltspirale in der Fußballsubkultur, seien eine direkte Folge der Finanzkrise? Wie ökonomiefixiert kann man eigentlich sein?
"Markus Lotter kann nicht ausschließen"...soso...Markus Lotter kann ganz offensichtlich auch eitlen Mitteilungsdrang nicht ganz ausschließen. Was treibt einen Menschen sonst dazu, so einen Käse zu schreiben? Muss man immer gleich fordern, wenn man noch nicht einmal ausschließen kann, dass man gerade Quatsch verbreitet? Hoffentlich wartet der Mann jetzt nicht ernsthaft auf Applaus für das vermeintliche Abstraktionsvermögen und den genialen Blick für das große Ganze. Seine Ausführungen sind nämlich bestenfalls grober Unfug.
Das ist Markus Lotter:
http://www.transfermarkt....
Man wünschte sich, dass mancher Journalist erst dann seinen Bleistift zückt, wenn er gut recherchiert hat - dies ist jedoch in 90% der Fällen nicht so.
Wie schnell Jürgen Born auf die Liste der Manager mit "Kassierermentalität" gesetzt wird, ohne dass auch nur im Ansatz erwähnt wird, dass er seit mehr als 10 Jahren sein Amt ehrenamtlich -sprich: ohne Bezahlung- betreibt, ist unglaublich. Wer hier von "Kassierermentalität" spricht hat einfach keine Ahnung - oder will sie einfach gar nicht haben, denn mit der Aufdeckung aller Tatsachen wäre ja keine Schlagzeile mehr draus geworden!!!
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