Gewalt von Frauen : Emanzipation mit dem Regenschirm

Männer sind Täter, Frauen Opfer. Dieses Klischee stimmt nicht mehr. Auch Frauen üben Gewalt aus. Die Bereitschaft, darüber zu reden, ist allerdings immer noch gering

Popstar Rihanna soll von ihrem Freund Chris Brown verprügelt worden sein. Keine schöne Nachricht, aber keine ungewöhnliche. Seit einigen Jahren tauchen allerdings vermehrt Meldungen wie diese auf: Auf einem Spielplatz in Rostock sollen zwei weibliche Teenager im Alter von 14 und 18 Jahren eine Zwölfjährige krankenhausreif geschlagen haben.   

Es wäre falsch verstandene Emanzipation, nun zu jubeln. In der Tat lässt sich aber die Zunahme weiblicher Gewalt mit der Veränderung von Rollenbildern erklären.

Barbara Kavemann, Professorin an der Universität Osnabrück, hat an der bislang einzigen Studie in Deutschland mitgearbeitet, die sich dem Phänomen Gewalt an Männern annimmt. Sie sagt: "Man muss alle Formen und Stufen von Gewalt sehen, nicht nur körperliche Gewalt." Psychische Gewalt, Einschüchterungsversuche und Mobbing zählen dazu. Trotzdem beschränken sich Frauen nicht auf seelischen Zwang: "Frauen schlagen tatsächlich weniger häufig zu, sehr wohl aber üben sie physische Gewalt aus." Insgesamt gleicht sich die Gewaltausübung von Frauen und Männern in Beziehungen an.

In der Pilotstudie "Gewalt an Männern" des Bundesfamilienministeriums aus dem 2004 heißt es: "Jedem vierten der befragten Männer widerfuhr einmal oder mehrmals mindestens ein Akt körperlicher Gewalt durch die aktuelle oder letzte Partnerin." Die Männer gaben zum Beispiel an, geschlagen worden zu sein. Deutlich häufiger allerdings wurde von leichteren Gewaltformen wie Kratzen oder Schubsen berichtet.

Interessanterweise steigt die Bereitschaft von Frauen, Gewalt anzuwenden, in der Trennungsphase, erklärt Barbara Kavemann: "Im Streit mit dem Partner wenden Frauen viel häufiger körperliche Gewalt an als in anderen Konflikten." Um den Nachteil gegenüber den meist kräftigeren Männern auszugleichen, greifen Frauen dabei auch oft zu Hilfsmitteln, berichtet Kavemann: "Es klingt jetzt witzig, aber Frauen nehmen alles, was herumsteht. Von der Blumenvase über den Regenschirm bis zur Bratpfanne. Die Verletzungen, die dabei entstehen, sind dann oft nicht so stark, dass sie zur Anzeige gebracht werden."

Wesentlich häufiger allerdings sind Männer in Beziehungen von psychischer Gewalt betroffen. Demütigungen, Herabsetzungen und Beleidigungen kommen vor, belegt die Studie. Eine andere Form von Gewalt, über die  Männer sich beklagen, ist, dass Frauen ihre sozialen Aktivitäten kontrollieren. Jeder fünfte Mann gibt an, dass seine Partnerin eifersüchtig ist und den Kontakt zu anderen unterbindet. Jeder sechste Mann sagt: "Meine Partnerin kontrolliert genau, wohin ich mit wem gehe, was ich mache und wann ich zurückkomme."

Der aktuelle Gender Datenreport des Bundesfamilienministeriums kommt zu einem überraschenden Ergebnis: "Von körperlicher Gewalt in heterosexuellen Paarbeziehungen scheinen zunächst Männer - rein quantitativ - in annähernd gleichem Ausmaß wie Frauen betroffen zu sein." Dass davon niemand weiß, liegt an einem männlichen Dilemma: In anonymen Studien outen sie sich durchaus als Opfer von Gewalt seitens ihrer Partnerin. Ihren Freunden oder Kollegen aber erzählen sie nicht davon, eine Anzeige bei der Polizei ist undenkbar. Die Scham ist einfach zu groß.

Der überwiegende Teil aller anderen Körperverletzungen wird jedoch von Männern begangen. Die Polizeiliche Kriminalstatistik kann nur ein Richtwert sein, schließlich erfasst sie nur angezeigte Straftaten. Die Richtung allerdings ist eindeutig: fast 90 Prozent aller Körperverletzungen werden von Männern begangen.

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Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 4
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Nun wage ich mal zu behaupten,

das es diese Tendenzen schon weit länger als ein Jahrzehnt gibt.

Allerdings war in einer geradezu ausufernden Empathiewelle für den neuen, modernen Feminismus, dem Kampf ums letzte "Tröpfchen Gleichberechtigkeit" kein Platz für solche simplen Wahrheiten.

Man schaue sich mal in den Schulen um, wo vor allem ältere Mädchen (die keine körperliche Unterlegenheit kennen) sich an unterlegenen Jungs/Mädchen der Unterstufen abreagieren.

Erschreckend auch die Zunahme von Mädchen in Kampfsportarten, welche diese Fähigkeiten nicht immer nur erwerben, um diese nur im "Verteidigungsfall" anzuwenden.

Vermutungen, Unterstellungen?
Sicher nicht nur,sondern allzuoft traurige Wahrheiten.

Dabei reden wir noch nicht einmal darüber, wie viele Mädchen/Frauen sich körperlich überlegener Jungen/Männer bedienen, um über diese an Anderen ihre Ziele mit Gewalt durchzusetzen, also anstiften.

Gemäß dem altbekannten Motto:

„Sie spitzt die Pfeile, er verschießt Sie“.

Letztlich kann man dem Fazit des Artikels:

"Dabei sollte es doch vor allem um eines gehen: Gewalt in jeder Form zu verhindern!"

nur zustimmen.

Allerdings bezweifle ich auch Im Anzeigefall, ob hier immer ausreichend Gerechtigkeit geschieht, denn wie oft wird im Falle körperlicher Gewalt immer noch zu Gunsten von Mädchen/Frau entschieden werden, weil dies einfach nicht der klassischen Geschlechterrolle entspricht??

Gänzlich traurig aber die gesamte Entwicklung in dieser Gesellschaft, das sich hier wirklich immer mehr „Kampfemanzen“ im wahrsten Sinne des Wortes etablieren.

Eine Lanze für den Kampfsport... :)

Hallo,

es bringt nichts, die körperliche Gewalt als etwas "äußeres", etwas nicht zu mir gehörendes zu betrachten. Sie ist nichts fremdes, angsteinflößendes, vor dem wir uns verstecken müßten. Der Hang zu körperlicher Gewalt ist ein Teil unserer menschlichen Natur - wohl ein Teil unseres animalischen Erbes.

Körperlicher Gewalt können wir uns nicht einfach entledigen - sie ist in uns!

Wir können nur lernen, mit kämpferischen Situationen umzugehen - und dafür bietet eine Unterweisung in den Kampfkünsten die wohl effektivste Möglichkeit!?

Ich persönlich durfte in meiner Jugenzeit den Vorzug einer Kampfsport-Lehrerin genießen, einer etwa 1,60 kleinen Frau von ca. 50 Kilogramm Körpergwicht - mit dem vierten Dan im Karate.

Zwar hätte es wohl eine ganze Skinhead-Gang schwer gehabt mit ihr, trotzdem sind es garade die im Kampfsport erfahrenen Menschen, welche niemals die Auseinandersetzung suchen, sondern stets danach streben, einen Kampf zu vermeiden.
Ein Leitspruch östlicher Kampf-Philosophie lautet etwa: "Kämpfe, um nicht zu kämpfen."

Vor dem Hintergrund der Kampferfahrung kann man sich z.B. während eines sich anbahnenden Kampfes in Ruhe darauf konzentrieren, den Grund für die Erregung des Angreifers herauszufinden, und dann z.B. beschwichtigend und ruhig auf ihn einzuwirken, ohne sich im geringsten von seinem Drohverhalten beeindrucken zu lassen- und somit vielleicht den Kampf von vornherein vermeiden!

Im Kampf ungeschult hingegen können wir oft nur starr vor Angst den Anstieg des eigenen Adrenalinspiegels beobachten, zuschauen, wie das vegetative Nervensystem den Herzschlag auf Panikmodus erhöht und dann starr warten, daß wir entweder sterben, oder das eigene Unterbewußtsein sich irgendeine übertriebene Kurzschlußreaktion einfallen läßt, um die vermeintlichen Bedrohung loszuwerden.

Nach meiner Meinung mangelt es heutigen Kindern besonders an Körperbewußtsein, Körperschulung und auch an disziplinierter Auseinandersetzung mit der Auseinandersetzung und angemessenen Reaktionen auf körperliche Gewalt. Sie wissen nicht, wie sie auf Provokationen oder Angriffe reagieren sollen - also wird oft überreagiert. Schulung kann hier helfen...

Es gibt in wohl fast allen Kampfsportarten - in den alten Kampfkünsten sowieso, aber auch z.B. beim hiesigen Boxen - sehr gute Lehrer/Innen, welche einen Großteil dazu beitragen können, das Körperbewußtsein - die Basis unseres Selbstbewußtseins - zu schulen und enorm zu steigern und welche sehr friedfertige Naturen sind und im normalen Leben keiner Fliege etwas zu leide tun könnten.

Der Großteil jugendlicher Gewalt resultiert nach meiner Meinung aus Minderwertigkeitsgefühlen, Angst, Frust und Gedankenlosigkeit? All diesem wirkt ein qualifiziertes Kampfsport- oder Kampfkunst-Training entgegen! Ich breche eine Lanze für den Kampfsport - leider ist das Image von z.B. Karate, Tae-Kwon-Do, Kung-Fu etc. bei uns (noch) nicht sonderlich ausgeprägt, wohl eher schlecht und von Schlägerfilmen dominiert...

Hätte ich eine Tochter und sie wäre für soetwas zu begeistern, dann würde ich sie dazu ermuntern wollen, zunächst z.B. Judo zu machen, um zu lernen, wie man fällt, wie man sich aus einem Griff befreit, jemanden festhält etc. Vor allem das Fallen zu lernen ist wichtig! Als hypothetischer Papa würde ich mich wohler fühlen, wenn ich wüßte, daß mein Kind nicht einfach wie ein nasser Sack auf die Schnauze fällt - sondern sich z.B. abrollt, wieder aufsteht und dann unverletzt weitergeht - für mich ist das eine Grundfertigkeit, wie das laufen oder das Fahrradfahren...!?

Von der jahrelangen Beschäftigung mit dem Kampfsport kann ich nur positives behaupten! Habe mir nicht zuletzt deswegen noch nie einen Knochen gebrochen - und ... ;-)

Friedfertige Grüße,
RudraChakrin

Eigentlich bezeichnend

Ein Klischee stimmt überhaupt nie, es wird nur aus bestimmtem Interessen im politischen Bereich und aus Denkfaulheit oder Beruhigung am Stammtisch oder Gruppen aufrecht erhalten. Ein Klischee ist schließlich der Abdruck von nur einem Grundlegenden.

Und differenziert wird schon gar nicht. Bei früheren männlichen Gangs war Frau schlägt man nicht, ein Grundsatz. Und je nach Feminstin war das sogar ein Verstoss gegen die Gleichberechtigung. Und das Frau mit der Psychokeule arbeiten kann ist bereits Gegenstand von "alter" Literatur, Aphorismen, Opern und Operetten. Sogar das Ohnsorg Theater konnte in dieser Richtung Humorvolles beisteuern.

Je mehr Frauen und Männer auseinander dividiert werden, müssen Mädchen in gewalttätigen Milieus sehen, wo sie bleiben. Männer schlagen am liebsten Männer, sonst wärs zu einfach, und Frauen nehmen sich Frauen vor.

Das Problem ist die zunehmende Gewaltbereitschaft, vorgelebt von den Erwachsenen. Und das Frauen nicht prinzipiell die besseren Menschen sind, ist doch seit der Nazi Zeit bekannt. Darf man nicht sagen, aber man goutiert den Vorleser.

Alter Wein in neuen Schläuchen

Es ist ja schön, dass auch die Zeit das leidige Thema der Frauengewalt an Männern aufgreift. Leider ist dies alter Wein in neuen Schläuchen. Schon 1977 wies Susanne Steinmetz in ihrem damals vielbeachteten Werk "The battered Husband Syndrome" auf das Phänomen hin. Es scheint leider in Vergessenheit geraten zu sein. Als Selbstbetroffener befasse ich mich in meiner täglichen Arbeit zur Genüge damit (www.papa-help.ch).

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