Cebit 2009 Meinungsbildung auf der Messe

Der Bitkom fordert weiter die schnelle Einführung der elektronischen Gesundheitskarte und will den Bedarf dafür mit zweideutigen Studien belegen. Ein Kommentar

Lange Vorgespräche in der Praxis könnten künftig wegfallen - denn Krankengeschichte, Allergien und andere Patientendaten sollen auf der Gesundheitskarte gespeichert sein. Doch wie gut wären die Daten geschützt?

Lange Vorgespräche in der Praxis könnten künftig wegfallen - denn Krankengeschichte, Allergien und andere Patientendaten sollen auf der Gesundheitskarte gespeichert sein. Doch wie gut wären die Daten geschützt?

Seit einigen Wochen – rechtzeitig zur Cebit – trommelt die Industrie wieder verschärft für die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK): Der Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) Werner Schnappauf hält die Karte für "unverzichtbar" und verlangt deren "unverzüglichen Start". Zur Erinnerung: Mithilfe der eGK soll das Gesundheitswesen in Deutschland komplett digitalisiert – und damit papierlos – werden.

Der Verbandsgeschäftsführer ist weiter der Meinung, die Karte müsse "rasch um freiwillige Angebote, wie die elektronische Patientenakte, erweitert werden". Am Mittwoch ließ sich der BDI auf der IT–Messe Cebit von seinem IT-Branchenverband Bitkom unterstützen. Dessen Präsident August Wilhelm Scheer forderte, das Tempo bei der Einführung der Karte zu beschleunigen: "Die Menschen wollen umfassende Funktionen auf der elektronischen Gesundheitskarte", sagte Scheer.

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Um seine Forderung zu untermauern, stellte der Bitkom eine neue Studie vor, die der Verband selbst in Auftrag gegeben hatte: Danach hätten 74,7 Prozent der Befragten der Aussage zugestimmt "Ich finde es gut, wenn meine medizinischen Daten zentral an einem sicheren Ort gespeichert werden". Es versteht sich von selbst, dass der Bitkom diese Studie als "repräsentativ" bezeichnet. Aber was bedeutet "sicher"? Und war den Befragten wohl klar, was der Unterschied zwischen einer zentralen Datenspeicherung in einem Datenzentrum und der dezentralen Speicherung nur auf den jeweiligen Gesundheitskarten bedeutet?

Im Oktober 2007 hatte der Bitkom schon einmal eine eigens veranlasste Studie präsentiert. Natürlich war die ebenfalls repräsentativ. Das Ergebnis damals: "93 Prozent" der Befragten wollten ihre Daten "auf der Karte" unterbringen. Das heißt: Vor einem Jahr wahr die Mehrheit der Studienteilnehmer für eine dezentrale Speicherung – also auf der eGK im Geldbeutel jedes Patienten. Jetzt wollten die meisten auf einmal die zentrale Lösung.

Dürfen wir daraus schließen, dass so viele Menschen in so kurzer Zeit ihre Meinung geändert haben? Wohl kaum. Viel wahrscheinlicher ist, dass die meisten Befragten Opfer von "Suggestivfragen" wurden, "die durch ihre Formulierung eine bestimmte Antwort des Befragten erreichen wollen", wie das Statistikportal Statista solche Fragen definiert. Anders ausgedrückt: Wer eine bestimmte Antwort wünscht, braucht nur die Frage entsprechend formulieren.

Nun ist es für die Sicherheit der Daten nicht unerheblich, ob sie konzentriert an zentraler Stelle oder auf Millionen beweglichen Zielen gespeichert werden. Und es drängt sich der Eindruck auf, dass die Befragten diesen Unterschied nicht kennen. Dafür spricht auch, dass in einem Feldtest mit der neuen Gesundheitskarte in Schleswig Holstein drei von vier Testpatienten ihre Gesundheitskarte gesperrt haben, weil sie mit der Handhabung überfordert waren.

Leser-Kommentare
    • ohno
    • 06.03.2009 um 14:33 Uhr

    dass "die Leute" sich mit BEIDEN Vorgehensweisen anfreunden könnten? Das wäre dann natürlich kein Kriterium für (oder gegen) die eGK. Die meisten Leute haben sowieso "nichts zu verbergen" - sagen sie jedenfalls. Kritik von Leuten, die sich tatsächlich mit der Sicherheit von elektronischen Systemen beschäftigen, wird durch diese Studien der BITKOM wohl kaum beeinflusst.

    Die Gesundheitsakte wird weder auf der Karte noch auf einem "zentralen Server" gespeichert werden - es sei denn, man bezeichnet jede Krankenkasse als zentral. Deren Aufgabe ist es nämlich, entsprechende Dienste bereitzustellen. Auf der Karte selber ist schlicht gerade mal Platz für Stammdaten, einen spartanischen Notfalldatensatz und ein paar Rezepte. Der wesentlichere Zweck der Karte ist aber, dass nur in DEREN Anwesenheit die Daten entschlüsselt werden können. Theoretisch könnte die verschlüselte Gesundheitsakte sogar veröffentlicht werden - in absehbarer Zeit werden die entsprechenden Verschlüsselungen nicht geknackt werden können.

    Und um auf die Bildunterschrift einzugehen: Wenn Sie heute Ihre (nicht elektronische) Krankenakte zu ihrem Arzt mitnehmen, glauben Sie, das "lange Vorgespräch" fände dann anders statt? Wieso sollte das mit einer elektronischen Akte anders sein? Vielleicht muss Ihr Arzt dann nicht mehr vor Ihren Augen lesen, sondern hat Zeit für Sie.

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