Sexualstraftäter Angst und Wut im Dorf

Die Bewohner von Heinsberg wollen, dass ihr neuer Einwohner wieder verschwindet. Der Mann war im Gefängnis, weil er drei junge Mädchen vergewaltigt hat

Um 18.00 Uhr standen sie vor dem Haus. 20 Leute mögen es gewesen sein, überwiegend Männer. Alle aus dem Dorf. Zuerst waren sie ruhig, warteten und guckten, bis die Ersten riefen: "Kinderschänder raus aus dem Haus". Die anderen fielen ein. Die Stimmung wurde gereizt. "Gut, dass die Polizei da war. Ansonsten wäre vielleicht noch was passiert", sagte ein Augenzeuge am Mittwoch. Am Abend wollten sich die Menschen in dem Dorf bei Heinsberg wieder vor dem Haus treffen, und jeden Tag danach - so lange, bis der aus der Haft entlassene Sexualverbrecher aus dem Ort in Nordrhein-Westfalen verschwindet.

1984 hatte der 57-jährige Mann eine 17-jährige Schülerin vergewaltigt und dafür eine sechsjährige Haftstrafe verbüßt. 1994 nahm er zwei Schülerinnen in seinem VW-Bus mit und vergewaltigte sie an einer abgelegenen Stelle stundenlang. Vergangenes Wochenende kam er nach weiteren 14 Jahren Haft aus dem Gefängnis in Bayern frei - gegen den Antrag der Staatsanwaltschaft auf nachträgliche Sicherungsverwahrung zum Schutz der Bevölkerung.

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Gutachter bescheinigen dem Mann sadistische Züge und einen Hang zu weiteren schwersten Straftaten. Er hält sich bei Verwandten in dem Dorf bei Heinsberg auf.

Landrat Stephan Pusch ging in die Offensive und informierte die Bevölkerung. Alles andere wäre mit seinem Gewissen nicht vereinbar gewesen, sagte er. "Die Information der Bevölkerung war für mich eine der Maßnahmen, das Risiko, das von diesem Täter ausgeht, zu minimieren und die Information der Öffentlichkeit in sachliche Bahnen zu lenken." Er habe nichts gesagt, was nicht schon vorher durch die Medien bekanntgewesen sei. Fernsehteams hätten den Mann von Bayern nach Heinsberg "begleitet" und berichtet. Eine ungewöhnliche Situation wie diese verlange Zivilcourage, auch wenn er sich damit der Kritik aussetze.

Der Aufruhr in Heinsberg ist kein Einzelfall. Auch in Joachimsthal in Brandenburg und in Quedlinburg in Sachsen-Anhalt gab es zuletzt Bürgerproteste gegen aus der Haft entlassene Sexualstraftäter. In Joachimsthal wird ein 50-Jähriger, der wegen wiederholter Vergewaltigungen 22 Jahre im Gefängnis saß und Anfang 2008 auf freien Fuß kam, noch bis mindestens Mai rund um die Uhr von Polizisten überwacht. In Quedlinburg verfolgten Ende 2006 Anfang 2007 zwei Monate lang 32 Polizisten im Schichtsystem einen aus der Haft entlassenen Frauenmörder auf Schritt und Tritt. In beiden Fällen waren Anträge für eine nachträgliche Sicherungsverwahrung gescheitert.

Der Schritt des Heinsberger Landrates sei mit dem Recht nicht vereinbar, kritisierte eine Sprecherin der NRW-Datenschutzbeauftragten. Straftäter hätten nach Verbüßung ihrer Strafe ein Recht auf Wiedereingliederung in die Gesellschaft und damit auf freie persönliche Entfaltung. "Man kann sie nicht, wenn das Strafverfahren beendet ist, an den Pranger stellen", sagte Sprecherin Bettina Gayk. Das Vorgehen des Landrats sei "gänzlich ungeeignet", die Bevölkerung zu schützen. Es müssten andere Maßnahmen greifen, etwa eine engmaschige Kontrolle des Entlassenen.

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