Thomas Hitzlsperger "Jetzt stelle ich die Fragen"
Thomas Hitzlsperger übernimmt angesichts der Journalismuskrise die Initiative: "Alles außer Fußball" - unser Kolumnengespräch über Medien, diesmal mit kurz vertauschten Rollen
© Vladimir Rys/Bongarts/Getty Images

"Jetzt stelle ich die Fragen." Thomas Hitzlsperger übernimmt die Rolle des Journalisten
ZEIT ONLINE: Können wir heute über Zeitungen sprechen?
Thomas Hitzlsperger: Ja, gerne. Das Thema kommt mir sehr gelegen. Ich lese gerade Zeitung.
ZEIT ONLINE: Vielleicht haben Sie mitbekommen, dass viele Experten von der Zeitungskrise sprechen.
Hitzlsperger: Ja, habe ich. Und ich mache mir Gedanken über die Qualität von Zeitungen.
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ZEIT ONLINE: Da sind Sie nicht alleine.
Hitzlsperger: In erster Linie ist es eine wirtschaftliche Frage. Was man so mitbekommt, sinken die Einnahmen über Anzeigen. Und die Finanzkrise verschärft diesen Trend, nicht wahr?
ZEIT ONLINE: Das kann man so sehen. Aber das ist doch nicht Ihr Problem.
Hitzlsperger: Allerdings ist es das. Auch der Fußball ist von der Krise betroffen. Zudem habe ich die Befürchtung, dass die Redaktionen nicht mehr das Geld und die Zeit dafür haben, gut und ordentlich zu arbeiten. Recherche kostet Geld.
ZEIT ONLINE: Wie wahr.
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Alles außer Fußball ist die Kolumne von Katja Kraus, Corny Littmann, Thomas Hitzlsperger und Arne Friedrich. Alle zwei Wochen geben wir während der Bundesliga-Saison einem das Wort. Die vier sollen und wollen nicht das Tagesgeschäft kommentieren, klassische Fußballerkolumnen gibt es genug. Alles außer Fußball ist der Versuch, Fußballer Fußball als gesellschaftliches Phänomen betrachten zu lassen. Littmann, Hitzlsperger, Friedrich und Kraus wollen ihre Meinung sagen, beispielsweise zu den Herausforderungen der Bundesregierung, zum Alltag in der Bundesliga und darüber, wie das zusammenhängen kann.
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Hitzlsperger: Ich spüre das unter anderem daran, dass Journalisten, die früher nur ihren Notizblock dabeihatten, heute mit Kamera aufs Sportgelände kommen. Fotos und Videos müssen sie inzwischen auch machen. Darunter muss zwangsläufig die Qualität leiden. Hinzu kommt das Internet, das die Journalisten dazu nötigt, schnell zu schreiben und zu veröffentlichen.
ZEIT ONLINE: Da sprechen Sie einigen Etablierten aus der Seele. Ich bin aber, als Online-Journalist, nicht ganz so kulturpessimistisch und sehe im Internet auch eine Chance, gerade für den Journalismus.
Hitzlsperger: Nicht falsch verstehen! Ich stehe dem Internet auch positiv gegenüber und informiere mich regelmäßig. Das Internet ist schnell, aber die Qualität leidet oft.
ZEIT ONLINE: Wäre das was für Sie: Nach dem Karriere-Ende was mit Medien?
Hitzlsperger: Da möchte ich mich noch nicht festlegen. Ich konzentriere mich auf Fußball, alles andere kommt von selbst. Aber um ehrlich zu sein: Ja, ich hab darüber nachgedacht. Dazu müsste ich aber studieren oder noch mal die Schulbank drücken.
ZEIT ONLINE: Warum das denn? Im Fernsehen gibt es doch viele ehemalige Fußballprofis.
Hitzlsperger: Bin ich im Allgemeinen kein Freund von. Ich finde, die sollten vorher in die Journalistenschule. Umgekehrt muss ich aber auch mal was loswerden.
ZEIT ONLINE: Oha! Nur zu!
Hitzlsperger: Fußballjournalisten sollten sich mit der Fußballtheorie auseinandersetzen. Sie mögen gut schreiben können, aber was Fußball betrifft, kann ich nicht immer alles nachvollziehen. Auch wenn der eine oder andere mal gekickt hat. Darf ich einen Vorschlag machen?
ZEIT ONLINE: Bitte.
Hitzlsperger: Darf ich ein wenig üben? Ich will die Fragen stellen.
ZEIT ONLINE: Hm … Also gut, aber höchstens drei.
Hitzlsperger: Wie verhält sich das bei Ihnen?
ZEIT ONLINE: Ich kicke, und ich habe eine Trainerlizenz für Amateure.
Hitzlsperger: Wirklich? Das lob ich mir. Zweite Frage: Sind Sie Fan einer Mannschaft?
ZEIT ONLINE: Ja, wenn man Fan als mündigen Fußballinteressierten auffasst, der kritisch ist – was ja viele Fans sein wollen und viele auch sind. Ich weiß natürlich, dass ein solches Bekenntnis eine Falle sein kann.
Hitzlsperger: Ist das nicht ein Dilemma? Kann man distanziert über etwas schreiben, von dem man Fan ist?
ZEIT ONLINE: Ich traue mir die nötige Distanz zu. Sollte ich, sagen wir, von irgendwelchen schwarzen Konten Wind bekommen, soll ja im Fußball schon mal vorgekommen sein, würde ich der Sache nachgehen – und wenn es drei Mal mein Lieblingsklub ist. Aber wir wollen ja eigentlich gar nicht über Fußball reden.
Hitzlsperger: Stimmt. Aber mir fallen noch andere Beispiele ein: Ich kenne einige Politikjournalisten, denen man ihre Parteizugehörigkeit in ihren Texten anmerkt. Das habe ich unter anderem in der ZEIT festgestellt.
ZEIT ONLINE: (Räusper) … Sie lesen die ZEIT?! Nicht den kicker?
Hitzlsperger: Nein (lacht), den kicker hatte ich mal im Abo, als ich in England spielte, aber ich hab ihn wieder abbestellt. Ich lese die Süddeutsche, gelegentlich Bild oder die 11 Freunde. Und eben die ZEIT, weil ich mich darin gut über Politik, Kultur und Wirtschaft informieren kann. Und weil sie nicht nur über das aktuelle Fußballgeschehen schreibt.
ZEIT ONLINE: Wohin soll der Verlag Ihr Honorar für dieses Bekenntnis überweisen?
Hitzlsperger: Das klären wir nach dem Gespräch.
ZEIT ONLINE: Würden Sie auch Werbung für die Bild-Zeitung machen?
Hitzlsperger: Nein, würde ich nicht. Ich möchte generell nicht für ein Medium werben und Geld nehmen, denn ich hätte die Sorge, mich angreifbar zu machen. Man könnte mir ein Abhängigkeitsverhältnis unterstellen, nach dem Motto: Die schreiben jetzt gut über ihn, weil er Partner ist. Bild lese ich selten, der Stil ist mir zu aufdringlich, die Berichte drehen sich oft um Privates. Das entspricht nicht meinem Interesse. Ich stelle fest, dass private und öffentliche Person nach und nach eins werden. Bedenklich. Ich habe noch eine Frage offen.
ZEIT ONLINE: Heraus damit!
Hitzlsperger: Fan von welcher Mannschaft?
ZEIT ONLINE: VfB Stuttgart. Schon mal gehört?
Hitzlsperger: Sie haben das Zeug zu einem erstklassigen Journalisten.
Die Fragen stellte Oliver Fritsch.
- Datum 30.09.2009 - 17:14 Uhr
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- Serie Alles außer Fußball
- Quelle ZEIT ONLINE
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...obschon ich mit Fußball absolut gar nichts am Hut habe muss ich ehrlich sagen: Dieses Interview war sehr erfrischend. Das Frage-Antwort-Spiel sollte öfters mal umgedreht werden. Vielleicht liegt darin der Journalismus der Zukunft. Wer weiß???
Vielen Dank an "jemand_anders", "erfrischend" bringt es messerscharf auf den Punkt!
Es ist erfrischend zu erfahren, dass auch Profifußballer an anderen Dingen Interesse haben können als ihrem Beruf, der Kohle die sie damit verdienen, und den spritfressenden Panzern die sie davon kaufen.
Aber der Trend zum intelligenten, denkenden Fußballer zeichnet sich denke ich hier in Deutschland langsam ab.
Da wird sogar ein Interview mit Fußballern wieder horizonterweiternd, wenn diese nicht mehr an ihrer Horizontbeschränktheit und verbalen Inkompetenz scheitern!
Wenn man Jemandem zutrauen kann, ein Interview mit ein Fußballprofi mal so ganz anders laufen zu lassen und das auch genau so abzubilden, dann Herrn Fritsch. Und natürlich auch der Redaktion, die dies so zulässt.
Wer hat jemals so ein aufschlussreiches und aussagekräftiges Interview im Fußballbereich gehört oder gelesen?
...na ich weiß nicht, dass Hitzelsberger nicht grad zu den Doofen im Fußballgeschäft gehört, ist doch bekannt.
Was sollte das Interview, wo ist die message ? Außer, dass er die Zeit liest und Herr Fritsch Fan des VfB Stuttgart ist kam nichts rüber, was von Interesse od. Bedeutung wäre.
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