Kunst auf dem Plattenteller Von Gummi und Filz gefesselt

Plattenspieler sind nicht nur zum Auflegen da. Welche Geräusche man aus ihnen herausholen kann, erforscht der Berliner Klangimprovisator Ignaz Schick. Ein Studiobesuch

Der Weg zum Atelier führt über verschneites Industriegelände. Es ist eine der letzten Brachflächen in Berlin-Friedrichshain, zwischen modernen gläsernen Wohnhäusern. Auch die angrenzenden Baracken, in denen sich vor einigen Jahren verschiedene Künstlerinitiativen niedergelassen haben, sind bereits Teil eines Investorenplans.

Zwei der ehemaligen Büros einer Baufirma nutzt der Musiker und Klangkünstler Ignaz Schick als Probe- und Studioräume. Hier hat er seine Instrumente und sein elektronisches Equipment aufgebaut. Klangregler, Verfremdungs- und Echogeräte sowie Materialsammlungen für Geräuschklänge. Da sind Plattentellerformen aus Filz, Kunststoff, Metall, Papier und Stein. Getrocknete Kaktusblüten, Deckel von Kaffeebechern, Plastiklöffel und Papierschirmchen.

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Ignaz Schick beugt sich über seinen präparierten Plattenspieler und das seitlich befestigte Kontaktmikrofon. Vorsichtig dreht er die aufliegende Gummimatte auf die andere Seite, um mit ihrer poröseren Oberflächenstruktur zu arbeiten. Bei seinem Auftritt mit dem kanadischen Turntable-Artisten Martin Tétreault in der Berliner Primitive Kitchen schichtet er Klangflächen, die sich minimal verschieben. Ein konzentrierter Umgang mit Strukturen und Materialoberflächen, die durch die Drehbewegung des Plattenspielers gegeneinander gerieben oder mit einem Geigenbogen gestrichen werden.

Schick wird 1972 in Marktl am Inn geboren, einem, wie er sagt, "Drei-Höfe-Weiler" auf einem Berg. Schon früh macht ihn ein Freund der Familie mit der Musik von Ornette Coleman und Albert Ayler vertraut. Dazu mit der Fire Music von Pharoah Sanders und Archie Shepp. Er nimmt ihn mit zu dem jährlich stattfindenden Festival Saalfelden, wo der 11-jährige Ignaz den Trompeter Don Cherry kennenlernt. 

Im Elternhaus gibt es keinen Fernseher, und so hört Ignaz Schick Radio. Im österreichischen Rundfunk wird Cage, Goebbels und John Zorns Naked City gespielt, das ihn maßgeblich beeinflusst. Zu dieser Zeit beginnt er, mit Field Recordings zu arbeiten. Geräuschaufnahmen, die er collagiert und übereinander legt. Er verarbeitet die Brüche in der Musik John Zorns in seinen eigenen Stücken, spielt Saxofon und experimentiert mit Noise und dem physischen Extrem von Lautstärke.

1994 erhält er den Förderpreis der Stadt München für sein New Improvisors Ensemble, ein Jahr später geht er nach Berlin. Es ist die Zeit, als nach der Wende die Berlin-Förderung wegbricht. Mit dem Wegfall der geförderten Stadtteil-Kulturhäuser zerfällt auch die Free-Jazz-Szene, die nicht bereit ist, ohne Gage zu spielen. Die junge Szene der Improvisatoren trifft sich in Vollrad's Tonsaal und im Anorak und organisiert sich in der Galerie Le Manège.

In Abgrenzung zu den Codes des Free Jazz bildet sich eine neue musikalische Richtung. Am Anfang noch spielerisch, kommt es ab 1997 zu einer reduzierten Abstraktion und damit zum offenen Bruch mit den etablierten Free-Jazz-Musikern, die sich von den Geräuschklängen der Reduktionisten distanzieren.

Schick, wie er die Becken aneinanderreibt

Schick, wie er die Becken aneinanderreibt

Schick beschreibt die Entwicklung als Versuch, eine Sprache zu finden, in der die Struktur im Vordergrund steht. Die Frage, was überhaupt Komposition ist, sei zentral. Er selbst, erklärt Schick, habe diese Klangsprache über das Material gefunden. Über die Physis von Klang im Raum, mit harschen Geräuschflächen und Elektronika.

Seit fünf Jahren arbeitet Ignaz Schick mit dem Plattenspieler als Instrument. Zuerst wollte er lediglich Geräuschmaterial ausloten, nun setzt er tonale Flächen aus rauschenden, körnigen, feinen Klängen. So testet er, wie sich Objekte in der Reibung auf Filz verhalten, je nach Verhältnis von Druck und Winkel. Es brauche Zeit, um herauszufinden, wie ein Material funktioniert, sagt Schick. Durch Filz ergebe sich eine hauchende Klangqualität. Mittlerweile habe er durch ständiges Üben und Ausprobieren den Punkt erreicht, an dem die angewandten Techniken verlässlich werden. Auch auf dem Saxofon, mit dem er konstruktivistische Rauschblöcke tonalem Material gegenüberstellt.

Inwieweit sich Klang ins Extrem führen lässt und wo der Konsens liegt, beschreibt Ignaz Schick in einer Materialsammlung, die er im Laufe des Jahres als Buch veröffentlichen möchte. Auf seiner Produktionsplattform namens Zangimusic, zu der auch sein Label Zarek gehört, plant und organisiert er Veranstaltungen. Wie das im Oktober 2009 erstmals stattfindende Turntable Festival in der alten Akademie der Künste in Berlin, zu dem er die wichtigsten Vertreter der experimentellen Plattenspieler-Improvisatoren einlädt.

Nach dem Gespräch entfernt sich Ignaz Schick durch den dicht fallenden Schnee. Wie würde es sich anhören, der Klang von frisch gefallenem Schnee, mit einem Geigenbogen gestrichen? Oder Schnee auf Filz? Ein mikrotonales Hauchen.

Das Turntable Festival findet vom 22. bis 25. Oktober in Berlin statt. Informationen über weitere Projekte von Ignaz Schick und Konzerthinweise finden Sie hier »
 
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