Es ist ein Dilemma: Wie erforscht man eine Krankheit, die im Gehirn eines Erkrankten fortschreitet? Morbus Parkinson ist eine dieser neurologischen Leiden. Um zu erkennen, was dabei im Kopf passiert, bräuchten Mediziner einen direkten Einblick in die Zellen des Gehirns und des Nervensystems. Doch dies ist kaum möglich. Erst nach dem Tod des Betroffenen lassen sich diese Bereiche genauer untersuchen. Doch die Schüttellähmung ist ein Prozess, den man schrittweise in den Zellen verfolgen müsste. Nur so ließe sich verstehen, warum Menschen die Kontrolle über ihre Arme und Beine und schließlich auch über ihren Geist verlieren können.

"Wir müssen die Krankheit in die Petrischale bekommen", sagt Rudolf Jaenisch. Der deutsch-amerikanische Biomediziner arbeitet am angesehenen Whitehead Institut in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts. Bislang gebe es auch kein Tiermodell, um Parkinson und andere neurologische Erkrankungen wie etwa Alzheimer oder auch Multiple Sklerose zu beobachten. Dies könnte sich nun ändern. Jaenisch und sein Team haben einen Weg gefunden, jene Nervenzellen im Labor zu züchten, von denen die Forscher glauben, dass sie entscheidend für die Schüttellähmung sind.

Die Wissenschaftler beschreiben im Magazin Cell, wie sie Hautzellen von fünf Parkinson-Patienten zunächst in ihr embryonales Stadium zurückverwandelten. In dieser Phase können sich die Zellen in fast jedes Gewebe entwickeln. Schließlich gelang es, aus den verjüngten Alleskönnern besondere Nervenzellen zu züchten, die Dopamin produzieren konnten. Dieser Botenstoff wird bei vielen Parkinson-Patienten nicht mehr ausreichend gebildet, weil genau diese Zellen nach und nach absterben.

"Erstmals wird es mit solchen patientenspezifischen Zellen möglich sein, ein System zu entwickeln, um Parkinson auf der zellulären Ebene zu untersuchen", sagt Jaenisch. Der Ursprung der neuen Methode verbirgt sich allerdings hinter dem Kürzel iPS. Gemeint sind induzierte pluripotente Stammzellen, also jene Alleskönner, aus denen die Forscher die Nervenzellen gewannen.

Jaenisch und sein Team verfeinerten das Rezept, mit dem sie die iPS herstellten. Bislang gleichen diese Zellen ihren natürlichen Ebenbildern nicht eins zu eins. Das Problem: Fremde Gene und Viren sind nötig, um bei ausgereiften Körperzellen die Lebensuhr zurückzudrehen. Beides kann in den iPS Krebs befördern, da Spuren der Umwandlung zurückbleiben.

Die gröbsten Überbleibsel der Verjüngungskur konnte Jaenisch nun beseitigen. Zwar nutzten er und sein Team auch Viren, um die Hautzellen in iPS zu verwandeln. Aber mit einem Unterschied: Sie schnitten die benutzen Viren anschließend wieder aus dem Erbgut der verjüngten Zellen heraus, mitsamt der vier Gene c-Myc, Klf4, Oct4 und Sox2. Diese Reprogrammierungsfaktoren sind nötig, um der Zelle klarzumachen, dass sie ihre Entwicklung rückwärts abspulen soll. "Das hat geklappt, ohne dass die neuen Zellen darunter litten", sagt Jaenisch. "Viele Forscher waren bislang besorgt, dass die Viren ihre Gene mit ins Erbgut der reprogrammierten Zellen einbringen."