Mord & Quote Todsicher – Wie schreibe ich einen guten Krimi?
Ein Interview mit dem "Tatort"-Autor Hans-Christoph Blumenberg über Kniffe und Todsünden. Erster Teil unserer Serie "Mord & Quote"
ZEIT ONLINE: Jeder könnte sich täglich im deutschen Fernsehen 19 Stunden lang Krimis anschauen. Kein anderes Genre ist so erfolgreich. Warum?
Hans-Christoph Blumenberg: Die Figur des Kommissars ist eine Institution aus der Frühzeit des Fernsehens. Mustergültig von Eric Ode in der alt-bundesrepublikanischen Serie Der Kommissar verkörpert: ein väterlich-autoritärer Ermittler, der die aus den Fugen geratene Welt wieder ins Lot rückt. Das ist der Wohlfühlfaktor eines Krimis, das alte Erfolgsmuster von der Autorität, die sich behauptet: Draußen lauern Verbrechen. Die Ermittler, die aussehen wie du und ich, bekämpfen diese erfolgreich.
ZEIT ONLINE: Aber viele moderne Krimis sind düster, manche mit offenem Ende.
Blumenberg: Schon, dennoch hat sich für die Masse das Erfolgsmuster nie gewandelt. Am Ende siegt das Gute, der Böse wird bestraft. Heute wird dieses Muster immer wieder aufgebrochen, wie derzeit bei der ausgezeichneten ZDF-Krimiserie KDD (Kriminaldauerdienst), die eine komplexere Erzählweise und viele moralische Grautöne hat. Aber sie ist nicht ganz so erfolgreich beim Publikum.
ZEIT ONLINE: Wie wichtig ist der Bezug zu aktuellen Themen? Rezensenten besprechen besonders gerne Filme, in denen es beispielsweise um interkulturelle Probleme geht.
Blumenberg: Krimis sind immer schon Vehikel gewesen, um soziale Zustände zu schildern. Aber vielen sieht man an, dass sie überkonstruiert sind. Sie wollen Themen aufarbeiten, die man besser ohne Melodramatik, in einer 30-minütigen Dokumentation abhandeln sollte. Oft merkt man, hier hatte ein Redakteur die Idee: Wir erzählen jetzt etwas über deutsche Rentner und bauen die Handlung drum herum. Das finde ich dann schnell langweilig. Ein Krimi muss eine runde Geschichte sein, kein Leitartikel.
ZEIT ONLINE: Aber dass Sie nicht grundsätzlich gegen politische Themen im Krimi sind, belegt das Festivalprogramm: Da geht es um tote Asiaten auf Flughäfen, DDR-Aufarbeitung und Morde im politischen Milieu.
Blumenberg: Es spricht nichts dagegen, Krimis zum Beispiel über die Globalisierung zu machen, aber sie müssen gut recherchiert sein. Der Filmemacher muss die Welt kennen, in die er eintaucht. Wenn ein Film im Zoo spielt, sollte man nicht bloß fünf Mal googlen, sondern sich auch mit einem Tierpfleger unterhalten. Es gibt Autoren, die machen sich wenig Mühe, die Milieus zu durchdringen. Es ist kein Zufall, dass Helden oder Opfer im Fernsehen oft Architekten sind. Immer wenn ich einen sehe, gehen bei mir die Warnleuchten an. Die Drehbuchautoren denken, die bauen Häuser, haben einen schicken Beruf, jeder weiß ungefähr, was sie tun. Ähnliches gilt übrigens für Journalisten: stereotyp windige Typen.
- Datum 05.03.2009 - 22:19 Uhr
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...der mit Abstand Beste...
Aktives Böses ist besser als passives Gutes.
(William Blake)
allerdings ging zumindest bei mir der Respekt gegenüber dem Interviewer mit dem einleitenden Satz
"Jeder könnte sich täglich im deutschen Fernsehen 19 Stunden lang Krimis anschauen"
fast gänzlich flöten. Damit tut man dem deutschen Fernsehen (und auch den Krimis) wahrhaftig zuviel Ehre an, bzw verkauft die Leute mit Fernseher und ohne (dazu gehöre ich auch seit gewisser Zeit) für dumm.
Schon irgendwie lesenswertes Interview, manchmal kommt der Herr Schlieben aber schon etwas naiv rüber, muss ich meinem Vorredner zustimmen. Diese Frage wie genau man Spannung erzeugt ist schon so oft gestellt worden, auch wenn sie immer noch interessant ist kommt das ausgelutscht.
Ich bin des Weiteren etwas skeptisch bei der Vorstellung, dass man inzwischen schon alle Arten von Kommissaren durch hat. Kann natürlich sein, dass ich das bisher nur verpasst hab, ich bin nur unregelmäßiger Krimileser und schau kaum Krimis im TV, aber zum Beispiel könnte ich mir gut vorstellen, dass ein typisch postmaterialistischer Kommissar noch fehlt, der im Umweltschutz aktiv ist, sich vegetarisch ernährt und Solarzellen auf dem Dach seines Hauses hat. Ein typisch rechtschaffender Charakter, der sicher einen hervorragenden Ermittler abgäbe und mit dem sich viel Publikum identifizieren können dürfte.
Es kommt mir so vor, als müssten trotz allem die Kommissare heutzutage immer noch so richtig hard boiled sein, egal welchen Hintergrund sie nun haben.
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Man sollte auch bei Rot über die Ampel gehen dürfen, zumindest wenn kein Auto kommt und auf der anderen Straßenseite jemand Hilfe braucht.
Ein flacheres Interview zum Thema "Krimi", selbst wenn es nur um Fernsehkrimis ging (und damit um die platteste Darbietung von Krimi schlechthin, im Vergleich zum Roman oder zum Film), hat man selten lesen können: der einarmige Kommissar hat durchaus Tiefe, wenn das Drehbuch stimmt und er durch einen Schauspieler wie Edgar Selge dargestellt wird: dann ist er nämlich kein Freak, der aus der Sucht nach Originalität enstanden ist; und Spannung ensteht immer nur dann, wenn man die Figuren als volle Menschen rezipieren kann, Dann schadet es auch nicht, wenn anhand des Falles globale, politische, soziologische Probleme abgehandelt werden. Daß man wegen der Quote, die für Herrn Blumenberg Gesetz zu sein scheint, zumindest dem Fernsehzuschauer noch kein offenes Ende zumuten will, obwohl das durchaus realistisch wäre, ist ebenfalls lediglich Fernseh-Mainstream und in der Literatur keine Pflicht mehr.
Ein überflüssigeres Interview habe ich niemals gelesen. Da bringen mir ja sogar Boris Becker-Interviews über seine neuesten Eheschließungsabsichten mehr.
wenn man sich die Leichenfledderei in der Literatur so anguckt. Gute Krimis sind ein typisches Fernsehformat und könnten im Kino nie erfolgreich sein. Woran mag das liegen?
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