Island "Krise? Welche Krise?"Seite 2/2
Ámanns Geheimnis ist der Geysir gleich hinter seinem Hof. Er liefert das heiße Wasser, mit dem sich die Temperatur im Gewächshaus das ganze Jahr über auf angenehmen 22 Grad halten lässt – bei einfacher Verglasung. Auch frisches Wasser für die Bewässerung gibt es auf Island fast unbegrenzt, und Flüsse, an denen sich Elektrizität für die Beleuchtung gewinnen lässt. Jeder Quadratmeter des Gewächshauses wird mit 250 Watt bestrahlt, 18 Stunden lang jeden Tag. Den Tomaten wird vorgegaukelt, es wäre das ganze Jahr über Sommer. Sie tragen wie verrückt, Ámann ist unentwegt beschäftigt mit Setzen, Hochbinden, Ausgeizen, Pflücken und Verpacken.
Über Konkurrenz braucht sich der junge Unternehmer keine Sorgen zu machen - ausländische Tomaten kommen gar nicht mehr ins Land. Die wenigen Devisen, die Island noch hat, sind rationiert. Sie dürfen nur noch verwendet werden, um Lebensnotwendiges zu importieren: Medikamente, Getreide, Dinge, die nicht selbst produziert werden können. Der Züchter hat seine Entscheidung, von der Stadt aufs Land zu ziehen, bisher nicht bereut – zumal er mit seinem anderen Standbein, einem Pferdehof, vor allem von Touristen lebt.
Der Tourismus ist die dritte Branche, die in Island zurzeit einen erstaunlichen Aufschwung erlebt – sogar jetzt, mitten im Winter. Während Hoteldirektoren überall in der Welt derzeit mit kummervollem Gesicht auf die Auslastungszahlen und die Zimmerpreise schauen, ist Hildur Ómarsdóttirs Haus voll. Ihr Hotel Loftleidir direkt am Inlandsflughafen von Reykjavík gehört der Fluglinie Icelandair, die gerade ziemlich offensiv mit Reisen nach Island wirbt – mit Erfolg.
Für Ausländer ist das bislang extrem teuere Land zu einem erschwinglichen Reiseziel geworden. Und auch Einheimische, die bisher zum Shoppen nach London oder zum Winterurlaub nach Österreich geflogen sind, schauen sich jetzt lieber mal die eigene Heimat an und entdecken, dass man auch bei Akureyri auf der Nordseite der Insel ganz passabel Ski laufen kann.
Für die Hoteldirektorin Ómarsdóttir hat die Krise aber noch einen anderen angenehmen Nebeneffekt. Direkt vor ihrem Büro liegt das Rollfeld, auf dem die isländischen Neureichen bis zum vergangenen Oktober die Motoren ihrer Privatflugzeuge warm laufen ließen. "Oft dröhnten da die Turbinen von zehn, fünfzehn Flugzeugen gleichzeitig", sagt Hildur Ómarsdóttir, "manchmal war das unerträglich."
Jetzt liegt das Rollfeld verwaist da, der Hangar ist geschlossen, Schneeschauer stieben übers Gelände. Es sieht beinahe aus, als würde Hildur Ómarsdóttir sich über den Staatsbankrott freuen.
- Datum 06.03.2009 - 11:21 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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