Bayern München Mehr Zeit für Klinsmann!

Der FC Bayern hat gewusst, worauf er sich mit Jürgen Klinsmann einlässt. Jetzt, nach nur acht Monaten und einigen Niederlagen, sollte der Klub zu seinem Trainer stehen.

Uli Hoeneß und Jürgen Klinsmann: Ein Team?

Uli Hoeneß und Jürgen Klinsmann: Ein Team?

Vor sechs Wochen war klar: Deutscher Meister wird nur der FC Bayern. Das war nach dem ersten Spiel des Jahres, einem 5:1-Sieg im DFB-Pokal in Stuttgart. Ein Blatt mit ganz großen Buchstaben titelte damals: "Sind diese Bayern noch zu stoppen?" Drei Tage später begann beim 0:1 in Hamburg eine Negativserie, die am Mittwoch einen vorläufigen Tiefpunkt fand. Wieder im Pokal, diesmal gegen Bayer Leverkusen. Diesmal fragten die großen Buchstaben: "Klinsi-K.o: Wie lange lassen ihn die Bosse noch verlieren?"

Fußball ist ein seltsames, ein sprunghaftes Geschäft. Jürgen Klinsmann hat das gewusst, als er vor gut einem Jahr seinen Wechsel nach München bekannt gab. Er wird geahnt haben, dass Erfolge wie das 5:0 in Lissabon den Spielern zugeschrieben und Misserfolge wie der Sturz auf Platz fünf in der Bundesliga dem Trainer angelastet werden. Der Job beim FC Bayern diktiert härtere Bedingungen als der eines Bundestrainers, der sich alle paar Wochen in die Anonymität Kaliforniens zurückziehen kann.

Anzeige

Und doch begreift Klinsmann sein Wirken in München wie zuvor beim DFB als Projekt, für dessen Gelingen er Zeit einfordert. Das kann man naiv finden oder unrealistisch. Die Bayern aber haben diese Bedingungen akzeptiert. Auch sie wussten, worauf sie sich einlassen. Und sollten einen Teufel tun, das Projekt Klinsmann nach acht Monaten abzubrechen.

An dieser Stelle lohnt ein Blick nach Berlin, wo das Schweizer Experiment noch Ende September vor dem Scheitern stand, nach einem grausamen 0:1 gegen Energie Cottbus. Hertha BSC ließ Lucien Favre gewähren, und am heutigen Samstag nun reist er mit seiner Mannschaft zum Rückspiel nach Cottbus. Als Tabellenführer.

 
Leser-Kommentare
  1. Vielen Dank, Herr Goldmann, dass Sie mit ihrem Kommentar gegen den Entlassungs-Mainstream anschreiben. Ich finde ebenfalls, dass Jürgen Klinsmann Ruhe haben sollte. Er ist ein Bundesliga-Novize und macht eine Reihe von Fehlern, seine Personalpolitik erscheint teilweise nicht nachvollziehbar und seine Aufstellung birgt manchmal Schwächen. Aber schon als Bundestrainer war Klinsmanns größte Stärke, dass er neben seinem innovativen Geist auch die Fähigkeit zur selbstkritischen Selbstreflexion zeigte. Er wird also aus seinen Fehlern lernen. Gleichzeitig lieferte der FC Bayern in dieser Saison spektakulärere, schönere und begeisterndere Spiele als in der jüngsten Hitzfeld-Amtszeit und den davorigen Magath-Jahren zusammen (Hoffenheim, Lissabon, Leverkusen Buli, Lyon erste Halbzeit). Es wäre schön, wenn Uli Hoeneß und Kalle Rummenigge dies bedenken.

  2. Der entscheidende Aspekt scheint mir zu sein, dass die aktuelle Mannschaftdes FC Bayern nicht SEINE Mannschaft ist. Die Mannschaft wurde vor seiner Zeit zusammengestellt, und hatte auch große Erfolge - zumindest wenn man den Double-gewinn in München noch als Erfolg ansieht. Zwar hatte Klinsmann eine Reihe von Spielern schon in der Nationalmannschaft betreut, und dies war ja wohl auch einer der Gründe für die Verpflichtung von Klinsmann, aber gerade diese Spieler entwickelten sich eher zu Problemfällen. Jansen wurde verkauft, Podolski ließ jegliche Fähigkeiten als Teamspieler vermissen, Klose hatte immer mehr mit sich selbst zu tun, Schweinsteiger zeigte einige gute Spiele bis zu seiner vertragsverlängerung, danach stagnierte seine Leistung, von Führungsqualitäten ganz zu schweigen. Lediglich Lahm zeigte eine konstant gute Leistung. Bleiben die Führungsspieler des FCB. Auch hier zeigt sich, dass die Einflussmöglichkeiten von Klinsmann begrenzt sind. Ribery ist ein toller Spieler, aber ich bezweifle, dass er wirklich im Sinne einer funktionierenden Mannschaft agiert. Seine Wechselgedankenspiele bringen zusätzliche Unruhe. Van Bommel ist ein ausgebuffter Profi, der auch eher an seinen eigenen Vorteil denkt. Ebenso verhält es sich mit Luca Toni, der nur an seine persönliche Torstatistik denkt. Solche Spieler untergraben unweigerlich die Autorität jeden Trainers. So fehlen Klinsmann schlicht die Spielertypen für sein Projekt. International zeigt sich das Team verständlicherweise noch nicht saturiert, und hat deshalb auch dort tendenziell eher Erfolg.
    Fazit: Ich kann mich dem Tenor des Artikels nur anschließen. Es genügt nicht nur das Spielsystem einer Mannschaft zu ändern, man braucht auch einen neuen "Charakter der Mannschaft". Dies lässt sich nur durch neue Spieler erreichen. Oft reichen dazu, zwei drei neue Führungsspieler. "Tymo", und möglicherweise Hleb sind (wären) da eine gute Wahl. Lasst Klinsmann die Zeit!!

  3. ... dass es auch in Krisenzeiten noch zur Ablenkung den Fußball gibt.

    Vor einigen Tagen feierte der FC Bayern sein Weiterkommen im UEFA-Pokal in großer Runde mit Gala-Diner. Am selben Tag war von rapide steigenden Arbeitslosenzahlen, bankrott-bedrohter Großindustrie und Flugzeugabstürzen im Nachbarland die Rede.
    Mittenmang saß der feiste FOCUS-Mann Markwort und freute sich seiner Leiblichkeit. Von "Fakten, Fakten, Fakten" an diesem Abend keine Spur. Es war Zeit für Gruppenpsychose - vereinsmäßig genossenen Wirklichkeitsentzug.

    Glücklich wir, dass wir dran teilhaben können.

  4. Man weiss ja nicht, was zwischen Trainer und Mannschaft vor sich geht, da kann man nicht reinschauen, manche Trainer sind eben gute Trainer, manche schlechte.
    So ähnlich wohl wie bei Lehrern. Bis zu welchem Grad muss und soll man seine Autorität ausspielen, etc. ... .
    Dass Klinsmann ein guter Trainer ist, muss er noch beweisen, und die Leistungsschwankungen der Mannschaft deuten eher darauf hin, dass er irgendein internes Problem nicht in den Griff kriegt, vielleicht ein gruppendynamisches, das sich nicht so leicht durch Selbstreflexion abstellen lässt ?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service