Fussball-Presseschau Klinsmann, der Schulhofjunge

Der Trainer hat keine Verbündeten mehr in Vorstand, Mannschaft und Medien. Der FC Schalke liegt darnieder, und Werder Bremen ist wieder auferstanden. Ein Wochenrückblick

Jürgen Klinsmann, Reformer ohne Alliierte

Beiläufig unkt die Süddeutsche Zeitung heute, dass Ottmar Hitzfeld als Übergangslösung für die Bayern bereitstehe. Er hätte "trotz eines Nebenjobs in der Schweiz sicher ein paar Wochen Zeit". Nein, Sie haben nichts verpasst, Jürgen Klinsmann ist noch Bayern-Trainer. Aber die Zeitungskommentare nach dem 2:4 in Leverkusen klingen wie Abgesänge.

Markus Lotter (Berliner Zeitung) bezweifelt stark, ob Klinsmann das Schicksal noch wenden kann: "Seine geplante Reform, die strukturelle Umgestaltung des träge gewordenen FC Bayern, ist in weiten Teilen gescheitert, auch weil sie längst nicht mehr konsequent ist. Aus Verlegenheit passt er sich an und hat sich anpassen lassen. Er denkt nicht vor, sondern hinterher, ist nicht mehr Leiter des Projektes, sondern überforderter Manager des sportlichen Tagesgeschäftes."

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Den Beschreibungen der Presse nach zu urteilen, steht er im Klub ohne Verbündete da. So misstraut Holger Gertz (SZ) Klinsmanns Versuchen, sich dem Vorstand anzunähern: "Wenn man ihm zuhört, fällt auf, was der Druck mit einem Menschen macht. Seine Parolen wirken wie auswendig aufgesagt. Wenn er von den Bayern-Bossen Rummenigge und Beckenbauer als ‚Kalle und Franz‘ spricht, klingt er wie ein Junge, der auf dem Schulhof von Klassenkameraden erzählt, die in Wirklichkeit gar nicht seine Freunde sind."

Auch die Journalisten würden ihm mit großer Skepsis begegnen, betont Udo Muras (Welt): "In den Medien hatte er schon seit Spielerzeiten kaum Freunde. Der Trainer Klinsmann sammelte schon bei seiner Vorstellung Minuspunkte, als er Fotografen nur drei Minuten erlaubte, ihren Job zu tun. Als er im Herbst einem altgedienten Bayern-Reporter wegen zu kritischer Berichte Hausverbot erteilte, erntete dieser viel kollegiales Mitgefühl. Umso größer ist die Bereitschaft der Journalisten, kritisch über Klinsmann zu berichten. Der Sommermärchen-Bonus scheint aufgebraucht."

Und in der Mannschaft herrsche keine Disziplin, hat Daniel Theweleit (Berliner Zeitung) beobachtet: "Die fußballtaktische Debatte ist längst nicht das einzige Problem der Klinsmann-Bayern. Es zeichnet sich die Brüchigkeit des sozialen Gefüges ab. Auf dem Platz wird diskutiert, und immer wieder kommentieren die Münchner Aktionen der Mitspieler mit abfälligen Handbewegungen. Das nicht ganz einfache Verhältnis der Mannschaft zu ihrem Trainer verstärkt eine solche Dynamik."

Bauherr des Niedergangs

Nach der Schalker Niederlage in Mainz (0:1) geht's der Presse um Grundsätzliches. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung erkennt "Auflösungserscheinungen" in einem Verein, "der sich zum Durchlauferhitzer für profitorientierte Profis degradiert hat". Jetzt, da eine Qualifikation für den Europapokal unwahrscheinlich geworden ist, könnte Schalke gezwungen sein, weiter Spieler zu verkaufen. Philipp Selldorf (SZ) hat eine Kapitalvernichtung festgestellt: "Schalke hat Jahrzehnte gebraucht, um sich als deutscher Spitzenklub zu etablieren. Es hat nur ein paar Monate und eine Handvoll Fehlentscheidungen benötigt, um diesen Ertrag zunichtezumachen." Dem Sportdirektor Andreas Müller gesteht Selldorf keine mildernde Umstände zu: "Für den Niedergang ist Müller – so plump das klingen mag – in jeder Hinsicht verantwortlich. Er ist der Bauherr der Mannschaft, in der elementare Dinge nicht passen, die dafür aber irrwitzig teuer ist."

Sieben tolle Tage

Werder Bremen, der Tabellenelfte der Bundesliga, hat drei Top-Spiele hingelegt: Mailand, München, Wolfsburg. Christian Kamp (FAZ) schildert nach dem 5:2 in Wolfsburg die Renaissance Werders: "Sieben tolle Tage haben genügt, um der schon entglitten geglaubten Saison wieder einen Sinn und sich selbst frischen Ansporn zu geben, auf dass es doch noch etwas werde mit einem versöhnlichen Jahresabschluss. Werder ist das schlechteste Rückrundenteam, Wolfsburg das beste. Diese Mannschaft kann jeden schlagen – und an vielen Tagen eben auch sich selbst."

Die Besten setzen sich durch

Gegen Überregulierung – Friedhard Teuffel (Tagesspiegel) lehnt die erneute Forderung des DFB nach einer Einführung der 6+5-Regel ab: "Gutachter sagen, dass eine Beschränkung nicht gegen europäisches Recht verstoße. Das wäre bemerkenswert. Aber muss man aus dieser Erkenntnis gleich eine Regel machen? Das Vorhaben ist auch deshalb verwirrend, weil sich das Hauptargument für eine Beschränkung in der Bundesliga in Luft aufgelöst hat: Die Nationalelf hat ohne diese Regel zurück in die Weltspitze gefunden, und es kommen viele deutsche Talente nach. Die Besten setzen sich schließlich selbst in harten Konkurrenzkämpfen durch und werden durch sie sogar noch stärker."

 
Leser-Kommentare
  1. Wollen wir wetten, dass man am Ende den armen Jürgen doch noch feiert und sich selbst nicht feuert?

    Der Anfang ist schon gemacht:

    Die Hoffenheimer Spieler werden wegen ihres unpünktlichen Erscheinens zur Doping-Kontrolle nicht zur Verantwortung gezogen. Dafür versucht man jetzt, den Klub zu bestrafen.
    Das bringt den Hoffenheimern schon mal ein paar Minus-Punkte ein.

    Wenn dann in einigen Stadien bei den Bayern-Spielen wieder einmal die Uhren der Schiris langsamer gehen und ein paar mehr Foul-Elfmeter mehr gepfiffen werden, dann ist doch die Fußball-Welt wieder in Ordnung.
    Natürlich darf nicht vergessen werden, dass einige Schiris auch unter latenten Sehstörungen leiden, wenn Bayern gegen die Sonne spielt.
    Vielleicht hat der liebe Gott ein Einsehen und schenkt den Münchner Bayern noch den bajuwarischen Weißwursthimmel in seinen azurfarbenen Tönungen bei jedem Spiel gratis dazu.

    Na denn, auf zum Kampf gegen die Krise - schnell Kerzen kaufen und ab in die nächste Kapelle damit!

  2. Redaktion

    Oder wieder mal ein Phantomtor - ein ja leider aus der Mode gekommene Methode, die Bayern zum Meister zu machen. #Thomas Helmer

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