Amoklauf-Ermittlungen Psychostress und ÜbereiferSeite 2/2

Die Warnung vor dem Amokläufer, der in der Innenstadt von Winnenden verortet wurde, ging in der Folge über die Radiostationen; Autofahrer wurden angehalten, die Innenstadt zu meiden und keine Anhalter mitzunehmen. Doch Bewohner und Arbeitende, die sich während dieser Stunden der Angst in der Winnender Innenstadt befanden, klagten hinterher, ihnen sei nicht angeraten worden, was sie hätten tun sollen. Eine Lautsprecherwarnung der Polizei unterblieb. "Hätten wir damit auch den Täter warnen sollen?" fragt eine Sprecherin der Stuttgarter Staatsanwaltschaft.

Noch keine schlüssige Erklärung haben die Ermittlungsbehörden auch gegenüber einzelnen Eltern der Albertville-Realschule, die nach dem Einsatz beklagten, sie seien viel zu lange im Ungewissen in Bezug auf die Gesundheit ihrer Kinder gehalten worden. Liegt ein Problem der zeitlichen Wahrnehmung vor? "In so einer Situation werden Minuten zu Stunden", wendet die Sprecherin der Staatsanwaltschaft ein. Noch sei keine Zeit gewesen, den Polizeieinsatz intern aufzuarbeiten und einer Bewertung zu unterziehen. Doch das werde in geraumer Zeit mit Sicherheit geschehen.

Als höchst wahrscheinlich darf indessen gelten, dass die Polizei, wie sie es selbst für sich in Anspruch nimmt, durch ihr schnelles Eingreifen die Leben weiterer Schüler gerettet hat. Tim K. hatte bis zu seiner erzwungenen Flucht aus dem Schulgebäude noch mehr als 100 Schuss Munition bei sich.

Trainierbar ist eine solche psychische Ausnahmesituation für normale Streifenbeamte jedoch nicht. Der Stress der Beamten könnte erklären, weshalb es Tim K. gelungen ist, unbemerkt aus der Albertville-Realschule zu fliehen, bevor ein speziell geschultes Spezialeinsatzkommando vor Ort war. Und wohl noch etwas ist nicht trainierbar: der öffentliche Informationsdruck auf Politiker und Ermittler, der von Hunderten anreisender Journalisten ausgeübt wird, die ihrerseits unter Zeitdruck arbeiten und untereinander teilweise um Exklusivnachrichten wetteifern. Die Pressestelle der Polizeidirektion Waiblingen besteht aus zwei Beamten und einer Angestellten.

Man werde jetzt für den eigenen guten Willen gegenüber den Journalisten bestraft, wird gegenüber ZEIT Online von der Waiblinger Polizeidirektion beklagt. Womöglich, wird gegrantelt, hätte man sich verschlossener zeigen müssen.  

Das wünschte sich mittlerweile wohl auch der Innenminister Heribert Rech. Die spöttische Kritik der politischen Opposition in Baden-Württemberg kam jedenfalls umgehend. Der SPD-Landtagsfraktionschef Claus Schmiedel sagte: "Hier geht Genauigkeit vor Schnelligkeit. Man muss nicht immer mit sekundenschnellen Botschaften an die Öffentlichkeit gehen." Auch habe die Kommunikation zwischen den Schulen nach dem Amoklauf nicht richtig funktioniert. "Es gab keine direkte Alarmierung der Schulen in der Umgebung." Dieses Problem müsse "dringend aufgearbeitet" werden.

 
Leser-Kommentare
    • hagego
    • 13.03.2009 um 17:25 Uhr

    Bitte im Intro-Text umstellen: "... Auch andere Vorwürfe kommen jetzt ans Licht..."

    Danach diesen Hinweis löschen. Danke!

  1. Der hohe Informationsdruck auf Polizei und Politiker läßt sich durch Vorschriften für den Extremfall und konsequente Umsetzung vermeiden.

    Die Pressefreiheit rechtfertigt nicht das Vogehen der Journalisten. Der Schutz der Öffentlichkeit geht vor. Ebenso müssen die Ermittler geschützt werden.

    Die politische Diskussion um angebliche Fehler, Falschinformationen aus dem Internet ist äußerst unappetitlich.

    Den Innenministern ist zu empfehlen, für eine derartige Situation ein anderes Vorgehen zu entwickeln. Wir müssen leider davon ausgehenn, daß diese Tat nicht die letzte Tat ihrer Art war.

    Es darf nicht sein, daß jeder Täter zum Medienstar aufgebaut wird, jeder Fotograf und Kameramann glaubt, seine Jagdprämie gehe vor das Recht seiner Mitmenschen auf unversehrtes Leben.

  2. Es wundert mich auch, dass die Polizei dem Täter ins Bein schiesst, und ihm damit noch mal die Möglichkeit gibt nachzuladen und weitere Menschenleben zu gefährden. Wäre es nicht Aufgabe der Polizei gewesen, dieses Biest mit einem gezielten Kopfschuss ausser Gefecht zu setzen, bevor er sich selbst eine Kugel in den Kopf jagt?!

    • Seckel
    • 13.03.2009 um 18:34 Uhr

    Nach wie vor unbekannt bleibt die Quelle des Satzes, den der baden-württembergische Innenminister gestern kraft seines Amtes zitierfähig machte. Immerhin gilt es zu bedenken, dass "grillen", oder auch "Grillparty", in industriellen Strukturen seit Jahrzehnten das Synomym für die von F. W. Taylor im Jahr 1913 auch auf deutsch und nicht nur in englisch fälschlich als Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung (engl.: Principles of Scientific Management) veröffentlichte. Sollte ein 17-jähriger dieses Synomym verwenden und inkorporieren, vergreist er dadurch rapide.

    • Rellem
    • 13.03.2009 um 19:25 Uhr
    5. Fehler

    Hallo
    Über Fehler beim Polizei-Einsatz zu debattieren ist müssig.
    Es wird bei einer solch ausserordentlichen Stress-Situation IMMER Fehler geben, die zu erfassen/benennen ist Aufgabe der INTERNEN Untersuchung der Polizei und garantiert nicht der Medien.
    Auch ein Innenminister wird in solch einer Situation nicht immer das richtige tun/sagen, und der Versuch ihm daraus einen Strick zu drehen ist einfach zu billig um ernstgenommen zu werden.
    Gruss
    Rene

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    • Anonym
    • 13.03.2009 um 19:56 Uhr

    ...sondern auch einseitig. Bereits heute nachmittag berichtete zum Beispiel Spiegel.online, dass ein junger Polizist kurz nach seinem Eintreffen am Tatort erfuhr, dass seine Frau, eine Lehrerin an der Schule, unter den Opfern war. Ich frage mich, wieso - sofern nicht auch dies eine Ente ist - eigentlich davon hier nichts berichtet wird.
    Auch frage ich mich, wieviele der Kritiker eigentlich bereit sind, sich selbst zum Schutz von anderen in solche Situationen zu begeben. Ein bißchen mehr Anstand und Augenmaß wäre vielleicht auch beim Kritisieren nicht schlecht.

    • Anonym
    • 13.03.2009 um 19:56 Uhr

    ...sondern auch einseitig. Bereits heute nachmittag berichtete zum Beispiel Spiegel.online, dass ein junger Polizist kurz nach seinem Eintreffen am Tatort erfuhr, dass seine Frau, eine Lehrerin an der Schule, unter den Opfern war. Ich frage mich, wieso - sofern nicht auch dies eine Ente ist - eigentlich davon hier nichts berichtet wird.
    Auch frage ich mich, wieviele der Kritiker eigentlich bereit sind, sich selbst zum Schutz von anderen in solche Situationen zu begeben. Ein bißchen mehr Anstand und Augenmaß wäre vielleicht auch beim Kritisieren nicht schlecht.

    • Anonym
    • 13.03.2009 um 19:56 Uhr

    ...sondern auch einseitig. Bereits heute nachmittag berichtete zum Beispiel Spiegel.online, dass ein junger Polizist kurz nach seinem Eintreffen am Tatort erfuhr, dass seine Frau, eine Lehrerin an der Schule, unter den Opfern war. Ich frage mich, wieso - sofern nicht auch dies eine Ente ist - eigentlich davon hier nichts berichtet wird.
    Auch frage ich mich, wieviele der Kritiker eigentlich bereit sind, sich selbst zum Schutz von anderen in solche Situationen zu begeben. Ein bißchen mehr Anstand und Augenmaß wäre vielleicht auch beim Kritisieren nicht schlecht.

    Antwort auf "Fehler"
  3. Ach Gott ach Gott, jetzt laßt der Polizei doch erst mal 3 Tage Zeit, um sich selber einen Überblick zu verschaffen, was los war und was alles passiert ist, bis sie einen Bericht abgeben muß.
    Soweit ich die journalistische Berichterstattung verfolgt habe, haben doch alle Betroffenen sehr besonnen gehandelt - daß das Umschalten von Normal auf Alarm nicht gleich 100% im Gleichschritt mit Pirouette klappt, ist doch nur menschlich, und wäre auch garnicht möglich.
    Es hätte doch garnichts gebracht, die anderen Schulen auch noch qua Alarm verrückt zu machen, wie kommt man darauf, dies als Fehler anzuprangern?
    Mindestens so schlimm wie kein durchführbarer Alarmplan ist hysterischer Alarmismus, der die Leute dann erst recht Leute zum Durchdrehen bringt.

  4. Meldungen sind Alles! Das scheint das Motto zu sein von den Verantwortlichen. Unter Druck ist man anscheinend auch bereit, nicht hundertprozentig erwiesene Tatsachen zu verlautbaren. Es ist wohl auch die schiere Lust , ja die Gier der Medien, nach immer neueren Informationen zu suchen, egal ob sie echt sind oder nicht. Ob gewisse Blätter bzw. Websites, solche Informationen sogar selbst geschrieben haben, sollte man im Raum stehen lassen. Dennoch, es bleibt eine ungeheure Tat eines Jugendlichen, der soviele Menschen in den Abgrund mitgerissen hat. Anhand dieser Tat sollten sich die Medien bemühen den Menschen korrekte Meldungen zu liefern die vielleicht anregen, jene Tat und ihre Auswirkungen zu begreifen. Das man das nie vollkommen begreifen wird, sollte klar sein.

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