Es scheint so gut zu passen: Kaum ist die Diskussion um die Ursachen jugendlicher Amok-Taten neu entbrannt, erscheint eine Studie, die sich bestens ins Schema F eines Täterprofils fügen könnte. 44.610 deutsche Neuntklässler haben die Autoren vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) befragt. Ein Drittel, immerhin noch 15.168 Jugendliche, füllte darüber hinaus einen Sonderfragebogen zum Thema "Internetnutzung und Computerabhängigkeit aus. Das Thema ist derzeit allgegenwärtig: Wieviel Raum nehmen Computerspiele im Leben von Kindern und Jugendlichen ein?

Doch Vorsicht, eines sei von Anfang an klargestellt: In dieser Studie geht es nicht um den Zusammenhang von Gewalt und Computerspielen , sondern ausschließlich um "Computerspielabhängigkeit im Kinder- und Jugendalter". Darüber, warum junge Menschen zu Gewalttätern werden – und im Extremfall wie der 17-jährige Tim K. aus Winnenden Amok laufen – sagen die am Montag vorgestellten Forschungsergebnisse nichts aus.

Dennoch sind die Zahlen der bislang größten deutschen Erhebung zum Computerspiel-Verhalten von Jugendlichen alarmierend. Und zwar gerade deshalb, weil hierbei keine extremen Einzeltäter im Fokus stehen, sondern die Durchschnittsjugend von heute. Die Psychologen Florian Rehbein und Matthias Kleimann sowie der Medienwissenschaftler Thomas Mößle haben Schüler danach befragt, wie oft, wie lange und was sie am Computer spielen.

Das Ergebnis: 15-jährige Jungen spielen im Durchschnitt knapp 2,5 Stunden täglich am Computer, mit der Spielkonsole oder mit mobilen Geräten. 78 Prozent haben einen eigenen Computer im Zimmer. Mädchen bringen es auf fast eine Stunde am Tag – von ihnen besitzen 61,2 Prozent einen Rechner.

Die Wissenschaftler sind überzeugt: Drei Prozent der männlichen Neuntklässler sind tatsächlich abhängig von Computerspielen. Unter den Mädchen verfallen lediglich 0,3 Prozent der Sucht. Hochgerechnet auf ganz Deutschland sind das 14.300 Computersüchtige. Wer meint, dass eine solche Abhängigkeit nicht weiter dramatisch ist, der irrt nach Ansicht der Autoren der Studie gewaltig. Computerspiele seien vom Suchtpotenzial vergleichbar mit Alkohol, Drogen oder dem Glücksspiel. Maßgeblich für den Charakter der Abhängigkeit sei, dass die Betroffenen die Kontrolle über ihr Verhalten verlieren. Sie können selbst dann nicht aufhören, wenn sie erkennen, dass ihnen das Spielen schadet: Freunde werden vernachlässigt, in der Schule kommen sie nicht mehr mit oder es fehlt ihnen die Zeit für anderes.