Fritzl-Prozess "A bisserl Werbung"

In St. Pölten sorgt man sich, der Fritzl-Prozess könne dem Ansehen der Stadt schaden. Mit Sektempfängen und Stadtführungen will man die internationalen Gäste beeindrucken.

Einmal im Jahr wird in St. Pölten die Rathausfassade gereinigt, ausgerechnet heute ist es wieder soweit. Die Stadt hat Journalisten zu einer Führung durch die Gemeinde geladen, und das Getöse der Reinigungsmaschinen ist so laut, dass die anwesenden Radio- und Fernsehreporter die Begrüßungsansprache des Stadtführers Willi Zeh nicht aufzeichnen können. Ein paar Gassen weiter muss er seine Worte wiederholen, dann schaut man sich ein paar barocke Häuser und Kirchen in der Altstadt an.

"Wir wollen a bisserl Werbung machen", sagt Zeh. Das Interesse ist gering. Ein französisches Kamerateam ist dabei, ein Radiosender aus Deutschland, ansonsten vor allem Lokaljournalisten, die ihre Altstadt bereits kennen dürften. Sie seien daran interessiert, wie die internationale Presse St. Pölten wahrnimmt. Doch die findet Randgeschichten wie das "Fritzl-Schnitzel", das ein geschäftstüchtiger St. Pöltener Gastwirt in der Prozesswoche auf die Speisekarte gesetzt hatte, bemerkenswerter als die Architektur der Altstadt.

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Am zweiten Prozesstag hatten Journalisten in der niederösterreichischen Landeshauptstadt nicht viel zu tun. Die Öffentlichkeit war von der Verhandlung ausgeschlossen, dementsprechend war auch bei der späteren Pressekonferenz nichts Inhaltliches über die Geschehnisse im Gerichtssaal zu erfahren. Der Sinn der Zusammenkunft im beheizten Kirmeszelt wollte sich nicht so recht erschließen. "Dazu kann ich nichts sagen", "das hängt vom Verfahrensverlauf ab", "das entscheiden die Richter, nicht ich", wiederholt Franz Cutka, der Vizepräsident des Landgerichts, unablässig. Die einzige neue Information: Am Sonntag bekam Fritzl Soja-Laibchen mit Kartoffelpüree, am Montag Frankfurter Würstchen. Es ist ja nicht auszuschließen, dass das irgendjemanden interessiert.

Die St. Pöltener sind nicht begeistert davon, dass der Prozess in ihrer Stadt stattfindet. Doch wann sind schon einmal Hunderte Journalisten aus Spanien, Norwegen, Iran zu Gast? Zum Prozessauftakt gab Bürgermeister Matthias Stadler einen Empfang in seiner Amtsstube. Unter dem Kristallleuchter, zwischen Putten und Engeln und einer Galerie der ehemaligen Bürgermeister, in der die Zeit zwischen 1939 und 1945 ein blinder Fleck ist, werden Häppchen und Weine aus der Region gereicht. "Es gibt auch ein St. Pölten jenseits des Fritzl-Prozesses. Ich wünsche Ihnen einen halbwegs angenehmen Abend", sagt Stadler, als sei gerade eben etwas Furchtbares geschehen. "Wir sind nicht Ort des Verbrechens, sondern Ort des Gerichts", fügt er hinzu. Verwunderung unter den Gästen. Niemand hat etwas anderes behauptet.

Man kann St. Pölten nicht gerade vorwerfen, in der Prozesswoche aggressives Stadtmarketing zu betreiben. "Wir denken, dass St. Pölten für Touristen interessant ist, es liegt ja auch so zentral", sagt der Stadtführer Willi Zeh. Aus österreichischer Perspektive gesehen stimmt das.

"Ich glaube, dass man sich im Tourismusbüro der Stadt zu viele Gedanken macht", sagt eine Lokaljournalistin am Ende der Stadtführung. Von den teilnehmenden Journalisten ist da nur noch eine Handvoll übrig.

 
Leser-Kommentare
  1. Das war ja völlig klar, daß irgendjemand als erster die Geschmacklosigkeit besitzt, das "für den guten Ruf der Ortschaft" zu vermarkten. Ebenso klar daß dann genug begeistert hinterherstürmen, denn es läßt sich ja mit so einer Schauergeschichte viel verdienen.

    Ich bin gespannt, wann der selbe Zirkus in Winnenden losgeht.

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