Studie über Jugendgewalt Familie - Hort der Aggression?
Mehr als die Hälfte der Neuntklässler in Deutschland haben als Kinder Gewalt in der Familie erfahren. Ein Gespräch mit Dirk Baier, Verfasser der Studie über Jugendgewalt
ZEIT ONLINE:
Aus
ihrer Studie
ergibt sich, dass 57,9 Prozent der befragten Schüler in ihrer Kindheit Opfer familiärer Gewalt waren. Ist die Familie die größte Gefahr für Kinder und Jugendliche?
Dirk Baier:
Ich würde das ungern so quantifizieren. Was man sagen kann: Es gibt zwei wichtige Bereiche, in denen Jugendliche Gewalt erfahren: die Schule und das Zuhause. Wo die Gewalt überwiegt, kann ich aus unseren Daten schwer ableiten, da es ganz unterschiedliche Formen der Gewalt sind, die wir in unseren Fragebogen abgefragt haben.
ZEIT ONLINE:
Trotz dieser erschreckenden Zahlen sehen Sie einen positiven Trend.
Baier:
Für unsere Vergleichsstudien haben wir insgesamt rund 10.000 Jugendliche in acht großen deutschen Städten über einen Zeitraum von 1998 bis 2008 befragt. Daraus ergibt sich, dass sich zumindest der Anteil der Schüler erhöht hat, die überhaupt keine Gewalt zu Hause erlebt haben. Der Großteil derer, die Gewalt durch die eigenen Eltern erleiden, berichten von leichten Gewaltformen wie Ohrfeigen, hartem Anpacken oder Stoßen. Schwere Gewalt, das heißt, die Kinder oder Jugendlichen werden mit der Faust geschlagen, getreten, geprügelt oder zusammengeschlagen, kommen in 15 Prozent aller Fälle vor. Man kann also sagen, etwa jeder siebte Schüler ist Opfer von schwerer Gewalt. Das ist natürlich weiterhin ein großes Problem, aber wir erkennen eine rückläufige Entwicklung.
ZEIT ONLINE:
Sie haben zudem herausgefunden, dass die Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zu gleichen Teilen von Vätern wie Müttern ausgeht.
Baier:
Wir haben diese Unterscheidung früher nicht gemacht, und insofern hier Neuland betreten. Es hat uns tatsächlich überrascht, dass sowohl Mütter als auch Väter schlagen und es ist erstaunlich, wie gleich die Verteilung hier ist. Auch in der Schwere der Gewalt gibt es kaum Unterschiede. Die kann man höchstens darin erkennen, dass Väter eher die Söhne schlagen und Mütter eher die Töchter.
ZEIT ONLINE:
Ihre Studie beweist weiter, dass der Migrationshintergrund nach wie vor einen deutlichen Einfluss auf Gewalt in der Familie hat.
Baier:
Ja, wir sehen recht deutlich, dass in bestimmten Migrantenfamilien Gewalt häufiger an der Tagesordnung ist. Besonders gefährdet sind Jugendliche mit muslimischem Hintergrund, deren Familien aus der Türkei, dem ehemaligen Jugoslawien oder arabischen Ländern stammen. Erhöhte Quoten haben wir aber auch bei Jugendlichen russischer oder osteuropäischer Herkunft festgestellt. Die Deutschen haben die niedrigste innerfamiliäre Gewaltquote. Vergleichbar dazu sind noch Familien nordeuropäischer oder amerikanischer Herkunft, die kulturell ähnlich sind.
ZEIT ONLINE:
Woher rührt die verstärkte Gewalt in Immigrantenfamilien?
Baier:
Es gibt verschiedene Erklärungsansätze. Die einen sagen, es handle sich um ein kulturelles Phänomen, das in den Familien stecke und nach Deutschland mitgebracht wurde. Leider haben wir keine Vergleichsdaten über Gewalt in Familien, die zum Beispiel in der Türkei leben. Die andere Begründung ist, dass Immigranten in Deutschland schlechte soziale Bedingungen haben. Unter diesen Bedingungen würden auch Deutsche häufiger gewalttätig werden.
Das ist ein Punkt, den auch unsere Daten belegen: In Haushalten, die nicht von Armut betroffen sind, kommt schwere innerfamiliäre Gewalt in etwa acht Prozent der Fälle vor, bei Haushalten, die von staatlichen Leistungen abhängen, sind es 15 Prozent, also fast doppelt so viel.
ZEIT ONLINE:
In welchem Alter ist Gewalt am schädlichsten für Kinder und Jugendliche?
Baier:
Am gefährdetsten, selbst zu Gewalttätern zu werden, sind Kinder, die sowohl in der Kindheit als auch in der Jugend Gewalt erlitten haben. Diejenigen, die in der Kindheit geschlagen wurden, dann aber wieder ein friedliches Familienleben erfahren haben - vielleicht durch die Trennung der Eltern - werden deutlich seltener zu Schlägern. Dieses Stoppen der Gewalt von der Kindheit in die Jugend hat offensichtlich eine positive Wirkung auf das eigene Verhalten.
- Datum 18.03.2009 - 16:16 Uhr
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Hier wäre es ganz interessant, auch noch mal einen Gedanken des Friedensforschers Johan Galtung aufzunehmen, der zwischen struktureller und personaler Gewalt unterscheidet.
In diesem Bericht ist von den Auswirkungen der personelle Gewalt die Rede. Wie aber wirkt sich die strukturelle Gewalt auf Kinder und Jugendliche aus? Schule als Selektionsinstrument und Verteiler von Lebenschancen, Erwachsene (Eltern wie Lehrer), die Kinder und Jugendliche auf Produzenten von Leistung reduzieren und sie ansonsten als Person nicht richtig wahrnehmen? Wissensvermittlung im 6-8x45-Minuten-Rhythmus, einseitige intellektuelle Ausrichtung auf Kosten musischer, sozialer und künstlerischer Entfaltung, Kanalisierung der Kindlichen Neugier auf Frontalunterricht, Zwang zu bewegungslosem Sitzen in einer Zeit, in der Kinder von Natur aus ein unglaubliches Bewegungsbedürfnis haben? Einsparung von Verfügungsstunden, Sportunterricht, in der die meiste Zeit mit Warten verbracht wird, Verdichtung des Unterrichtsinhalts (Turboabitur) usw..
Das alles geht sicherlich nicht spurlos an Kindern vorbei und ist eine (sicherlich oft gut gemeinte) Zurichtung, die ebenfalls in den Blick genommen werden sollte.
das Schulsystem ist darauf aus, aus den Kindern eine schulkonforme Masse zu produzieren, die sich möglichst einfach nach Lehrplan beschulen lässt. Das Kind hat sich dem System anzupassen, nicht umgekehrt. Nur sehr langsam findet hier ein Umdenken statt, wird mehr auf das Individuum Kind eingegangen. Systemkompatibilität geht vor Leistungspotential, Angepasstheit vor Querdenker- oder Rebellentum. Wenn ein Schüler sich als kleines Rad in einem Riesenapparat empfindet, fühlt es sich schwerlich in seinen ureigenen Interessen und Neigungen ernstgenommen und wird dementsprechend nur tun, was unbedingt von ihm verlangt wird - wenn überhaupt. Seine Selbstbestätigung wird es sich woanders suchen, günstigstenfalls im Sportverein, ungünstigstenfalls im Internet oder bei extremen Gruppen. Schule muss ein Ort sein, an dem jeder sich individuell herausgefordert fühlt, in seinen Begabungen ernstgenommen. Ich denke auch, dass auf dem Gebiet noch viel zu tun ist, aber es gibt immerhin erste Ansätze.
das Schulsystem ist darauf aus, aus den Kindern eine schulkonforme Masse zu produzieren, die sich möglichst einfach nach Lehrplan beschulen lässt. Das Kind hat sich dem System anzupassen, nicht umgekehrt. Nur sehr langsam findet hier ein Umdenken statt, wird mehr auf das Individuum Kind eingegangen. Systemkompatibilität geht vor Leistungspotential, Angepasstheit vor Querdenker- oder Rebellentum. Wenn ein Schüler sich als kleines Rad in einem Riesenapparat empfindet, fühlt es sich schwerlich in seinen ureigenen Interessen und Neigungen ernstgenommen und wird dementsprechend nur tun, was unbedingt von ihm verlangt wird - wenn überhaupt. Seine Selbstbestätigung wird es sich woanders suchen, günstigstenfalls im Sportverein, ungünstigstenfalls im Internet oder bei extremen Gruppen. Schule muss ein Ort sein, an dem jeder sich individuell herausgefordert fühlt, in seinen Begabungen ernstgenommen. Ich denke auch, dass auf dem Gebiet noch viel zu tun ist, aber es gibt immerhin erste Ansätze.
Erst weiss man nicht, woher die Unterschiede in einer vermehrten Gewaltausübung in der Familie liegen gegenüber nördlichen Ländern und Deutschen, aber wenn alle gleich arm sind, gibt es vermutlich keine. Also doch keine kulturellen Unterschiede? Mal wieder Armut? Welche denn?
Nach knapp 40 Jahren dieser, mir mittlerweile völlig vorhersehbaren Argumentationstruktur und Forschungsergebnissen in der Sozialpolitik, sollen die doch forschen, was sie wollen. Die Ergebnisse fallen immer gleich aus, aber ändern tut sich nichts trotz Unterstützung aller Art.
Man wird auf diese Weise, alle und alles im Grunde über einen Kamm zu scheren, mit den Problemen nicht zurecht kommen. Die Folge werden sich gegenseitig vertiefende Abneigungen in der Bevölkerung sein.
Die einen sind sauer, weil ihre mühsam nach 2 Kriegen aufgebaute Kultur für obsolet erklärt wird, die anderen, weil sie sie vielleicht sogar wollen, aber sie ist ja obsolet, und da wissen sie nicht weiter. Das Lernen der Sprache hat man ihnen ja großzügig erlassen bis verweigert, denn man wollte, Multi Kulti noch mal, ihnen ja nicht die eigene Kultur aufzwingen.
Das wird zur fortschreitenden Kriminalisierung führen und entsprechend rigorosem staatlichem Handeln, bei dem Forschungsergebnisse dann überhaupt keine Rolle mehr spielen werden. Und das wäre sehr schade. Denn ich bin für Forschung, für ein friedliches Zusammenleben mit Migranten und gegen Rechtsradikalismus.
Aber mittlerweile bin ich mir sehr sicher, dass die Rechtsradikalen nur zu einem geringen Anteil daran schuld sind, dass es mit dem friedlichen Miteinander scheinbar immer schwieriger wird.
ich habe selber Gewalt in der Familie erfahren, daher war ich sehr neugierig,
aber Ihr Artikel hat so eine Richtung gegen Muslime und sonstige 'ominöse Verdachtsgruppen', dass ich ihn einfach merkwürdig finde.
Sicherlich mögen Migrantenfamilien anfälliger sein, aber ebenso z:B. Hartz IV Betroffene und all jene die aus ihrem sozialem Gefüge freiwillig oder unfreiwillig entwurtzelt herauspurtzeln, und da sind wir hier 'Zu Hause' langsam in der Gleichen unglücklichen Situation. Möglicherweise hat die von Ihnen zitierte Studie auch all diese sonstigen Aspekte berücksichtigt.
Aber bedaure, Ihr Artikel erscheint mir leider nur wie ein zusammengetragener Salat, Hauptsache man schreibt was auf, um die Spalte zu füllen... was wollten Sie damit eigentlich aussagen??
Bleiben Sie doch bitte Ihrem früheren Niveau treu; Berichterstattung à la focus finde ich nicht nur dumm, ich frage mich dann, wo ich überhaupt noch eigene und überzeugte Reportage finde, die nicht von einander abschreibt, oder halt nur noch Informationssalat liefert, der eben nicht oder noch schlimmer falsch informiert
wenn ich kinder haette, was nicht heisst das ich welche haben moechte, dann wuerde ich sie nicht schlagen, da gewalt eindeutig dumm macht!
ich wuerde auch dafuer sorgen das meine kinder nichts mit solchen kinder zu tun haetten die geschlagen werden, da sowas, also das verhalten ja von den kleinen uebernommen wird.
kinder will ich sowieso nicht. die welt ist einfach zu gewalttaetig und brutal!
das Schulsystem ist darauf aus, aus den Kindern eine schulkonforme Masse zu produzieren, die sich möglichst einfach nach Lehrplan beschulen lässt. Das Kind hat sich dem System anzupassen, nicht umgekehrt. Nur sehr langsam findet hier ein Umdenken statt, wird mehr auf das Individuum Kind eingegangen. Systemkompatibilität geht vor Leistungspotential, Angepasstheit vor Querdenker- oder Rebellentum. Wenn ein Schüler sich als kleines Rad in einem Riesenapparat empfindet, fühlt es sich schwerlich in seinen ureigenen Interessen und Neigungen ernstgenommen und wird dementsprechend nur tun, was unbedingt von ihm verlangt wird - wenn überhaupt. Seine Selbstbestätigung wird es sich woanders suchen, günstigstenfalls im Sportverein, ungünstigstenfalls im Internet oder bei extremen Gruppen. Schule muss ein Ort sein, an dem jeder sich individuell herausgefordert fühlt, in seinen Begabungen ernstgenommen. Ich denke auch, dass auf dem Gebiet noch viel zu tun ist, aber es gibt immerhin erste Ansätze.
"Wenn ein Schüler sich als kleines Rad in einem Riesenapparat empfindet, fühlt es sich schwerlich in seinen ureigenen Interessen und Neigungen ernstgenommen und wird dementsprechend nur tun, was unbedingt von ihm verlangt wird - wenn überhaupt"
Ja richtig! Das nennt man Gesellschaft - auch das müssen Kinder lernen. Dass es nicht immer um einen selber geht und, dass wir uns bis zu einem gewissen Grad anpassen müssen um zusammen zu leben! Respekt voreinander - und genau das haben Leute die Gewalt ausüben nicht.
Schön wäre es, wenn man bei der Bildung einen Weg finden würde die Geimeinschaft zu stärken und Gleichzeitig Wissen zu vermitteln.
"Wenn ein Schüler sich als kleines Rad in einem Riesenapparat empfindet, fühlt es sich schwerlich in seinen ureigenen Interessen und Neigungen ernstgenommen und wird dementsprechend nur tun, was unbedingt von ihm verlangt wird - wenn überhaupt"
Ja richtig! Das nennt man Gesellschaft - auch das müssen Kinder lernen. Dass es nicht immer um einen selber geht und, dass wir uns bis zu einem gewissen Grad anpassen müssen um zusammen zu leben! Respekt voreinander - und genau das haben Leute die Gewalt ausüben nicht.
Schön wäre es, wenn man bei der Bildung einen Weg finden würde die Geimeinschaft zu stärken und Gleichzeitig Wissen zu vermitteln.
Daß es Kindern schadet, wenn sie geschlagen werden, ist eine Binsenweisheit. Schließlich ist das Züchtigungsrecht der Eltern aus genau diesem Grund abgeschafft worden; im Vergleich zu seelischen Mißhandlungen scheinen mir spontane Ohrfeigen, die durch ebenso spontane Umarmungen wieder aufgehoben werden, aber das kleinere Übel zu sein: weil sie das Kind als Gegenüber temperamentvoll ernst- und wahrnehmen (in südeuropäischen und muslimisch geprägten Familien geht es eben emotionaler zu). Dagegen ist seelische Kälte gegenüber dem Kind, Unzärtlichkeit, links-liegen-lassen, Bevorzugung des Geschwisterkindes, Unterlassen von Lob, ständiges: »Jetzt nicht, ich habe Kopfschmerzen! Kannst Du nicht etwas leiser sein?«, das Instrumentalisieren von Kindern bei Ehestreit oder Trennung, besitzergreifend-erstickende Überbehütung, also die berühmte "Familienbande", der wahre Hort der Aggression. Läßt sich aber leider von sogenannten Fachleuten nicht messen. Schlichte Frage: wer kennt jemanden, der seine Kindheit und Jugend unbeschädigt überstanden hat? Ich nicht.
So nur mal als Denkanstoß. Ich finde sie wirkt sehr unbeschädigt.
So nur mal als Denkanstoß. Ich finde sie wirkt sehr unbeschädigt.
Nach gängiger Lesart ist die Familie "die Keimzelle der Gesellschaft". Wenn sie dies nun ist, dann ist es ja wohl selbstverständlich, dass dort auch die Gewalt gleich mitkeimt. Aber das ist wohl eine Banalität. Insbeondere die Kriminologen wissen ja seit eh, dass der Mörder nicht der Gärtner ist sondern eher der Verwandte, der Partner, die Eltern etc. (wenn ich mich nicht irre in 70% der Fälle). Bei dem Missbrauch von Kindern ist es ja auch nicht der Fremde mit der Schokolade sondern der Onkel, der Cousin oder gar der Vater (siehe die zahllosen Medienberichte, letztlich über Herrn F. aus dem Land Ö.).
So nur mal als Denkanstoß. Ich finde sie wirkt sehr unbeschädigt.
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