Literatur für das Handy Der Daumen-RomanSeite 2/2

Stilistisch verzichten die Romane auf jeglichen Schnickschnack. Die meist anonymen Autoren drücken ihre Geschichten mit kurzen, umgangssprachlichen Formulierungen, Smileys oder Abkürzungen aus. 160 Zeichen pro SMS lassen schließlich keine ausschweifenden Beschreibungen zu. Die Geschichten sind schnell erzählt, meistens reichen dafür einige hundert SMS. Dazu leben die Texte von der interaktiven Mitarbeit. Leser geben Anregungen, diskutieren über die Personen und schlagen dem Autor neue Wendungen für seinen Plot vor.

In seiner Dezember-Ausgabe stellte das US-Magazin New Yorker die Frage, ob diese Handyromane eine Revolution für den Buchmarkt  sein könnten? Eher nicht, lautet das Ergebnis. Vor allem japanische Autoren reagieren allergisch auf dieses Genre. "Interessiert mich nicht" und "Zeitverschwendung" sind noch die nettesten Kommentare für diese neue Gattung.

Bildungsforscher betrachten diese Romane mit gemischten Gefühlen: Auf der einen Seite sind sie froh, dass junge Menschen lesen und selbst Geschichten verfassen. Auf der anderen Seite werden der Sprachstil und die Vernachlässigung klassischer literarischer Texte beklagt. Einige Experten rechnen sogar damit, dass die Gattung dem typischen Teenie-Hype erliegt: Schnell berühmt geworden, dann hochgejubelt und ebenso schnell wieder in der Versenkung verschwunden. Noch sind die Verlage mit den Verkaufszahlen zufrieden.

Interessiert an diesen Romanen sind auch Soziologen. Sie erhoffen sich aufgrund der vielen autobiografischen Passagen Rückschlüsse auf die Lebenssituation von jungen Frauen in Japan. Auch der deutsche Autor Bendel vermutet hinter den Handyromanen eine neue Art der Kommunikation der japanischen Jugend: "Die Mädchen schreiben über ihre Sehnsüchte, ihre Ängste und über das, was sie kennen und fühlen".

 
Leser-Kommentare
  1. 96 Prozent aller japanischen Schüler haben ein Handy und sind ständig online.

    So ist das also? Wie waere es mit einer kleinen Praezisierung?

    Etwa so: 96 Prozent aller japanischen Ober-Schüler haben ein Handy und sind ständig online. Oberschueler entsprechen etwa der 10 - 12 Klasse in Deutschland.

    In Mittelschulen haben etwa 58% der Schueler ein Handy, in Grundschulen etwa 31%. In den meisten Schulen ist das Benutzen von Handys waehrend des Aufenthaltes in der Schule verboten.

    Nachzulesen zum Beispiel in dieser Studie des japanischen Innenministeriums, aus der auch ihre 96% stammen duerften: http://www8.cao.go.jp/you...

    Ist zwar auf Japanisch, aber die Prozentangaben sollten sich auch ohne Japanischkenntnisse finden lassen.

    Das mit dem staendig Online stimmt immerhin, die hiesigen Handys(vertraege) sind aber auch einfach praktisch und guenstig ... nicht so wie in D.

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