30 Jahre Heavy MetalGeprüft auf Herz und Nacken

Im Jahr 1979 traten die schwermetallenen Schlachtrösser ihren Siegeszug um die Welt an. Die Geschichte des Heavy Metal – von Saxon und Iron Maiden bis Metallica und Kreator von Frank Schäfer

Iron Maiden

Schweiß und Geschrei in engen Hosen: Bruce Dickinson und Steve Harris (v.l.) von Iron Maiden in Aktion, 1985  |  © Dave Hogan/Hulton Archive/Getty Images

"Where were you in '79 when the dam began to burst?", fragt Peter "Biff" Byford von Saxon in dem Lied Denim And Leather, diesem gesungenen Heavy-Metal-Einstellungstest. Mit Argwohn prüft er den Anwärter auf Herz und Nacken. "Did you check us out down at the local show? / Were you wearing denim, wearing leather? / Did you run down to the front? / Did you queue for your ticket through the ice and snow?"

Der Punk hatte seine besten Zeiten schon hinter sich, Ende der siebziger Jahre, und der musikalische Untergrund war wieder ein paar Clubs weitergezogen. Die neue Avantgarde orientierte sich am Hard Rock der frühen Jahre, schöpfte aber auch noch das letzte Gramm Bluesschlacke ab. Das ergab urbanen, dreckigen, aber technisch kalkulierten Lärm, gewissermaßen das akustische Äquivalent zur Fabrik.

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Wie immer verschliefen die großen Firmen die Anfänge, die Szene musste sich selbst helfen, gründete Indielabels und brachte Club-Größen wie Raven, Diamond Head, Samson, Angel Witch, Witchfynder General in die Plattenläden. Als dann 1979 ein Medienstreik in England die Promotion-Abteilungen der Plattenfirmen lähmte, zeigten die Verkaufscharts ein paar Wochen lang tatsächlich das Abbild des von Marketingbudgets unbeeinflussten Käuferverhalten. Da wurden endlich auch die Major Labels wach und nahmen die kommerziell meistversprechenden Kandidaten unter Vertrag: Iron Maiden, Saxon oder Def Leppard.

Noch im selben Jahr bekam das neue Genre von Geoff Martin im Magazin Sounds eine zugkräftige, leitartikeltaugliche Aufschrift – New Wave Of British Heavy Metal (NWOBHM).

Was damals in diesem Kreativpool herumschwamm, war bereits so unterschiedlich, dass die 1983 beginnende Differenzierung zumindest im Rückblick folgerichtig erscheint. Es gab zwar schon Raven, die mit ihrem hyperaktiven Geschredder auf der Grenze des Genres entlanghetzten, und natürlich Motörhead, die noch vor der Konsolidierung der NWOBHM mit Overkill den Prototypen eines Thrash-Songs spielten. Es gab Venom, die das Motörhead-Konzept noch einmal forcierten durch musikalischen Dilettantismus und bitterböse Symbolik, und noch einige andere mehr.

Leserkommentare
  1. Hui, Heavy Metal in der Zeit - danke an den Autor und bitte mehr davon!

  2. Das ist absolut beeindruckend! Danke an den Redakteur!!! Es wäre sehr schön, wenn es mehr in diesem Bereich geben würde - auch wenn ich die letzten vierzehn Tage Partituren von Bach und Mozart gehört habe ...

  3. Eine schöne Einführung in das Stilspektrum des Heavy Metal! Allerdings bleibt dessen Frühgeschichte darin leider etwas im Dunkeln:

    "When the dam began to burst", also "als der Damm zu brechen begann", so bezeichnet der SAXON-Song 'Denim & Leather' das Jahr 1979 als Zeitenwende. Dieser Zeitpunkt markiert also den zu einer breiten öffentlichen Wahrnehmung führenden Moment des Durchbruchs, nicht aber den der Entstehung, des Werdens von Heavy Metal. Da müsste man rund zehn Jahre früher einsetzen, mit Black Sabbath' selbstbetitelten Debütalbum, welches sich noch aus dem - hier bereits freilich düsterer gespielten - (Blues-)Rock speiste, oder mit Deep Purple In Rock, jenem den Hardrock in nunmehr erzmetallischster Ausprägung spielenden Meisterwerk, welches den Sound des in den Achtzigern dann auch außerhalb der eingefleischten Szene zu Ruhm und Ehre gelangten Metals prägte wie wohl kaum ein anderes (beide Alben erschienen 1970). Bereits 1968 drang mit dem hart groovenden STEPPENWOLF-Biker-Rock-Song 'Born To Be Wild' das erste Mal der Begriff 'heavy metal thunder' an die Ohren zahlreicher Musikfans (SAXON schrieben später einen Song mit eben diesem Titel). Auch der metallisch hart psychedelisierende Kult-Hit 'In-A-Gadda-Da-Vida' erschien in diesem Jahr - von einer Gruppe, die den Metal schon im Namen trug: IRON BUTTERFLY. Das später im Speedmetal zur Perfektion gebrachte Abschütteln der Bluesschlacke war jedoch im DEEP PURPLE-Album von 1970 bereits angelegt. Von den für den klassischen Hardrock einer Band wie LED ZEPPELIN oftmals noch typischen Blueslicks fanden sich auf "In Rock" nur noch Spurenelemente. In Frank Schäfers Artikel-Überschrift sollte es also besser heißen: "40 Jahre Heavy Metal."

    Übrigens:
    Man kann in 'Denim & Leather' mit etwas guten Willen zwar schon einen gewissen gleichförmig-fließbandtauglichen Stanz-Rhythmus erkennen; jedoch ist dieser keineswegs ein notwendiges Metal-Merkmal. Das "akustische Äquivalent zur Fabrik" trat in dieser klaren Form allerdings nicht mit dem Heavy Metal in die Welt der populären Musik, sondern erst ein gutes Jahrzehnt später mit bestimmten Formen des Detroiter (traditionelle Automobil-Produktions-Stadt!) Post-Punk, mit House, später dann auch Industrial etc.

    Interessanterweise gibt es da allerdings eine Parallele: Ähnlich dem Heavy Metal feierte auch der Techno seinen Mainstreamdurchbruch erst rund zehn Jahre nach dem eigentlichen Beginn seiner Entstehung.

  4. Ein gelungener Artikel. Aber eine Frage hätte ich da noch. Gilt nicht eher Black Sabbath als der Ursprung des Heavy Metals? Denn jene Band hat Anfang der 70er die Grundlage gelegt auf die spätere Bands zurückgriffen. Wenn ich mich täusche dann bitte korrigieren Sie mich.

  5. Generell halte ich den Artikel für gut geschrieben. Lebendig führt er aus, was Heavy Metal bedeutet. Doch leider kommt der ZEITliche Rundumschlag von damals bis heute etwas zu kurz gefasst rüber. Ein Szeneüberblick rein auf die Aufbruchsjahre 1979-1982 fokussiert mit interessanten Interview-Einsprengseln wäre schlüssiger.

    Das ist schwieriger, weil man an die Bands und Fans direkt ran müsste. Auch an die alten Hasen von EMI und Co. Oder auch nicht. Ohne die Rechercheleistung beim vorliegenden Artikel zu kritisieren, sage ich einfach wie klasse es sein könnte, wenn man ein Bündel von Bands nimmt, ein ZEITloch schafft und kuckt wie und was die damals gemacht haben.

    Das trifft für den American Metal zu, oder auch Crossover. Was war an einem Gemisch aus Funk, Hardcore und Metal Ende der Achtziger anders als der stur dahin gezimmerte Metalcore, der bis zur Mittelmäßigkeit ausgekotzt wird? Oder welche Aufbrüche kamen nach NWOBNM zustande? Ich denke am Schwedischen DeathMetal-Boom, oder generell Death Metal.

    Jede Band hat ihren eigenen Stil. Schaffen Bands Stile, die andere nachahmen? Das ist ein Haufen Arbeit. Davor habe ich Respekt. Der NWOBHM-Artikel kann da nur ein Anfang sein. Oder nicht?

    P.S. Warum seid ihr jetzt auf Heavy Metal fokussiert? :-)

  6. Hallo Max. Hier ist ein schöner (?) Artikel für Dich, mein Sohn.

  7. ..allerdings, wenn ich sowas lese wie "Distinktionsgewinn", hör ich sofort auf, weiterzulesen. Tschüss.

  8. Zitat:
    "...der Song emanzipierte sich von der klassischen Harmonielehre."

    Schöner hätte ich es nicht formulieren können... ;-)

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