HerzmuskelentzündungWenn der Körper Ruhe will

Er ist schlank, raucht nicht, joggt regelmäßig und leidet an Myokarditis. Unsere Redakteurin schildert, wie bei ihrem 34-jährigen Mann eine Herzmuskelentzündung entdeckt wurde von 

"Warum fragen Sie nach meinem Herzen?"

"Warum fragen Sie nach meinem Herzen?"  |  ©Zeit Online

Manchmal wache ich mitten in der Nacht auf, lege meinen Kopf auf seine Brust und höre, ob sein Herz gleichmäßig schlägt. Ich lausche dem rhythmischen Bummern eine halbe Minute lang, manchmal auch länger, und dann schlafe ich wieder ein – beruhigt und erleichtert. Die Nächte, in denen ich aufwache, um nach seinem Herzschlag oder Atem zu lauschen, werden immer seltener – zum Glück. Denn so langsam fühle ich mich sicher, auch wenn ich weiß, dass es absolute Sicherheit nicht geben kann.

Alles fängt harmlos an. Er bekommt eine Erkältung, dann eine Blasenentzündung. Ungewöhnlich für einen Mann. Kurz darauf folgt eine Nierenbeckenentzündung. Dreimal pro Nacht wechselt er das T-Shirt, so klitschnass ist er geschwitzt. Eines Abends stellen sich Brustschmerzen ein. Unerwartet reißen sie ihn aus dem Schlaf. Im ersten Moment glaubt er, jemand steht auf seinem Brustkorb, doch da ist niemand. Nur er, im Dunkeln, schwitzend, mit einem stechenden Schmerz. Irgendwann vergeht dieser und er schläft erschöpft ein – denkt, er hat sich vielleicht verlegen oder falsch geatmet. Am Morgen scheint alles wieder in Ordnung – bis auf die Schlappheit und das leichte Fieber.

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Doch zwei Tage später kommt es wieder, dieses Gefühl, als könne er nicht mehr richtig atmen, weil eine unbeschreibliche Last auf seinem Brustkorb liegt. Panik! Sie klingt erst ab, als ihm die Mauern des Krankenhauses etwas Sicherheit suggerieren. Blut wird ihm abgezapft, ein EKG und Ultraschall gemacht – dann heißt es: Warten. Die Schmerzen vergehen und er will eigentlich schon nach Hause, als Ärzte mit ernstem Gesicht noch ernstere Fragen stellen. "Nehmen Sie Drogen?" "Nein." "Gibt es in Ihrer Familie vermehrt Herzkrankheiten?" "Nein. – Aber warum fragen Sie mich nach meinem Herzen?"

Seine Blutwerte sind nicht gut. Genauer gesagt, zeigt sein Blutbild erhöhte Entzündungswerte und Herzenzyme. Letztere sind Eiweißmoleküle, die bei einer Schädigung von Herzzellen – beispielsweise bei einem Herzinfarkt – freigesetzt werden. Der Befund ist unklar: Er lautet entweder auf Herzinfarkt oder Herzmuskelentzündung, auch Myokarditis genannt.

Für eine endgültige Diagnose fährt man ihn mit Blaulicht in ein anderes, größeres Krankenhaus. Dort soll ihm ein Herzkatheter gelegt werden. Herz und Herzkranzgefäße werden bei diesem Eingriff mithilfe eines Röntgenverfahrens untersucht. So kann man feststellen, ob Arterien oder Venen verstopft sind. Ehe er sich versieht, liegt er in einem hochmodernen OP-Raum der Berliner Charité. So ganz ist ihm immer noch nicht klar, wie er im Alter von 34 Jahren binnen weniger Tage von einem kerngesunden zu einem herzkranken Mann mutieren konnte. Er ist schlank, raucht nicht, ernährt sich gesund und joggt pro Woche seine 20 bis 30 Kilometer.

Die Fragen nach dem Warum und Wie verschwinden aus seinem Kopf, sobald er die Spritze mit der Betäubung fühlt und den Arzt mit einem metallisch glänzenden, langen und etwa ein bis zwei Millimeter dünnen Plastikschlauch erblickt. Er schaut nicht hin, weiß aber, dass jemand ein kleines Loch in seine rechte Leiste schneidet. Der Schlauch verschwindet – aber nicht etwa langsam, Stück für Stück, sondern während eines Wimpernschlags, in einem Rutsch. Es ist fast so, als wäre seine Hauptschlagader ein unzerstörbares Rohr, durch das man ohne Vorsicht Metallkabel schieben könne.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Blasenentzündung | Erkältung | Herz | Herzinfarkt | Krankenhaus | Monitor
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