Herzmuskelentzündung Özats zweite Chance
Der Kölner Profi-Fußballer Ümit Özat litt an einer Herzmuskelentzündung und wäre beinahe auf dem Sportplatz gestorben. Er hatte Glück. Das haben nicht alle
Trauer, Unverständnis und Wut - der Tod des Handballers Sebastian Faißt löst viele Emotionen aus, nicht nur bei Verwandten und Freunden. Der U-21-Nationalspieler bricht während eines WM-Vorbereitungsspiels am 3. März ohne Fremdeinwirkung plötzlich zusammen. Faißt kommt noch einmal kurz zu sich, sagt, dass er nicht richtig sehen könne und wird wieder bewusstlos. Der deutsche Mannschaftsarzt Kurt Steuer und ein Notarzt versuchen eine Stunde lang, ihn wiederzubeleben – vergebens.
Warum stirbt ein 20-jähriger Sportler einfach so? Herzversagen lautet die erste Antwort nach der Obduktion. Faißt ist kein Einzelfall. Anfang des Jahres wird René Herms tot in seiner Wohnung aufgefunden. Der Mittelstreckenläufer stirbt im Alter von 26 Jahren an den Folgen einer Herzmuskelentzündung. Auch Ümit Özat leidet an dieser Krankheit, die Mediziner Myokarditis nennen. Doch der Fußballer des 1. FC Köln hat mehr Glück als Herms. Als er am 29. August 2008 während des Bundesligaspiels gegen den Karlsruher SC zusammenbricht, sind die Sanitäter sofort zur Stelle. Während Özats Mitspieler hilflos neben ihrem bewusstlosen Kapitän stehen, versuchen die Mediziner ihn zu reanimieren. Özat wird vom Platz getragen; wenig später ist er wieder ansprechbar.
Im Jahr 2006 wurden 2310 Frauen und Männer, 2007 sogar 3388 mit akuter Myokarditis in deutschen Krankenhäusern behandelt. Die Herzmuskelentzündung ist weitgehend unbekannt, dabei hatten sie schon viele - ohne es zu wissen. Der Kardiologe Bernd Michael Eisenberg sagt, dass 90 bis 95 Prozent der Myokarditiden ohne Therapie spontan wieder ausheilen. Es bleibt nichts zurück. Bei den anderen fünf bis zehn Prozent kommt es zu mitunter lebensgefährlichen Komplikationen. So kann sie Herzrhythmusstörungen verursachen und zum plötzlichen Herztod führen.
Auslöser der Myokarditis sind meist Viren, die sich in Verbindung mit einer starken Erkältung oder einer Grippe nicht nur im Hals-, Nasen- und Rachenraum, sondern im ganzen Körper ausbreiten und auch auf das Herz übergreifen. Die Symptome sind bei jedem unterschiedlich. Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Fieber und Atemnot können vorrangig auftreten. Schmerzen im Brustkorb, Herzrhythmusstörungen und Wasseransammlungen im Gewebe kommen hinzu. Meist weisen Laborwerte auf die Erkrankung hin, eine Herzmuskelbiopsie kann endgültige Klarheit bringen.
Eine Myokarditis kann folgenlos ausheilen, wenn sich der Patient über Wochen oder sogar Monate konsequent schont. Oft werden Betablocker verabreicht, um das Herz zu entlasten und die Schlagkraft und Erregbarkeit zu vermindern. In seltenen Fällen bleibt der Herzmuskel jedoch dauerhaft geschädigt. Dann kann eine Herzschwäche zurückbleiben. Menschen, die sich während einer Erkältung keine Ruhe gönnen, weiterarbeiten und sogar Sport treiben, setzen ihre Gesundheit aufs Spiel.
Das musste auch Ümit Özat einsehen. Sechseinhalb Monate nach seinem Zusammenbruch verkündete er am vergangenen Wochenende das Ende seiner Fußballerkarriere. Kein Arzt mochte es verantworten, dass der 32-Jährige wieder voll am Spielbetrieb teilnimmt. Zwar ist die Herzmuskelentzündung inzwischen ausgeheilt, hinterließ aber kleine Narben, die immer wieder zu Herzrhythmusstörungen führen könnten. Ümit Özat ist traurig, dass er die Fußballschuhe an den Nagel hängen muss. Doch gleichzeitig weiß er, dass er Glück hatte. Er wird beim 1. FC Köln seinen Trainerschein erwerben und möglicherweise eine Jugendmannschaft trainieren. "Ich danke Gott, dass ich eine zweite Chance bekomme", so Özat. René Herms und Sebastian Faißt hatten sie nicht.
- Datum 18.03.2009 - 17:46 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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