Kriminalität Jugendgewalt lässt sich eindämmen

Die neue Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zeigt: Jugendgewalt ist kein Schicksal, man kann etwas dagegen tun - nichts jedoch mit Populismus

Die entsetzliche Gewalttat von Winnenden schreit nach Erklärungen. Die Zeitungen sind seit Tagen voll von mehr oder weniger originellen Versuchen, das bislang Unerklärbare zu erklären. Doch am Ende bleibt der Amoklauf eines Jugendlichen eine singuläre Tat, über deren Ursachen erst gesprochen werden kann, wenn ihre Entstehung und ihr Verlauf umfassend untersucht worden sind. Und dafür ist es noch viel zu früh.

Auch die am Dienstag veröffentlichte Studie über Jugendgewalt und Rechtsextremismus gibt keine Antwort auf das "Warum" von Winnenden. Wenngleich sich viele Journalisten mit dieser Frage auf das umfangreiche Zahlenwerk stürzen, das das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) aus Hannover in den letzten beiden Jahren zusammengetragen hat.

Über Winnenden und über Amokläufer gibt die Studie keine Auskunft. Dafür allerdings erklärt sie auf Basis eines bislang in diesem Umfang einmaligen Umfrageergebnisses die Ursachen von Jugendgewalt und Extremismus.

Zunächst einmal ist Jugendgewalt ganz überwiegend ein Jungenproblem. Hauptschüler und Jugendliche mit Migrationshintergrund hauen demnach besonders häufig über die Stränge. Darüber hinaus gibt es gleich eine Reihe von individuellen Erklärungsfaktoren. "Gewalt legitimierende Männlichkeitsnormen" und "delinquente Freunde" gehören genauso dazu wie "intensives Schulschwänzen", "Alkoholkonsum", "erlebte Elterngewalt" aber auch "gewalthaltige Medien".  

All diese Aspekte stehen in einem signifikanten Wirkungszusammenhang - doch keiner ist allein Ursache für Gewaltausbrüche. Deshalb sind auch alle ach so schnell erhobenen Verbotsforderungen bestenfalls wohlfeil, nicht jedoch angemessen: weder ein generelles Alkoholverbot bei Jugendlichen noch die sogenannten Killerspiele.

Ein bisschen mehr Differenzierung schadet nicht, und dabei kann die Studie helfen. Schließlich zeigt sie nicht nur das tatsächliche Ausmaß an Jugendgewalt auf - das übrigens weniger groß ist als die vielen Schlagzeilen in den Medien vermuten lassen - , sondern weist auch auf mögliche Ursachen hin. Vor allem aber legt sie dar: Jugendgewalt ist kein Schicksal, sondern man kann sie präventiv eindämmen. Etwa durch die Ächtung von Gewalt in den Schulen, durch die abschreckende Erhöhung der Anzeigebereitschaft, durch Aufklärung der Eltern oder bessere Freizeitangebote.

Vor allem aber gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen Bildung und Gewalt. Je höher die Bildung desto geringer die Gewaltbereitschaft. Gleichzeitig ist die Gewalt von jungen Immigranten kein ethnisches oder religiöses Problem, sondern eine soziales und eine Frage von Wertevermittlung.

Der eigentliche Reiz dieser umfangreichen Studie liegt noch in etwas anderem. Erstmals können mit ihr die Phänomene Jugendgewalt, Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit bei Schülern regional differenziert analysiert werden. Da zeigt sich zum Beispiel, dass es in Süd- und Ostdeutschland weniger Gewalttaten gibt als in Nord- und Westdeutschland, dass es Städte gibt, in denen die Jugendgewalt in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken ist und solche in denen sie weiter ansteigt.

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Auch gibt es Regionen, in denen es quasi keine rechten Kameradschaften gibt und andere, in denen sich fast jeder fünfte Jugendliche zu einer solchen bekennt. Aus der vergleichenden Analyse dieser Regionen lassen sich möglicherweise neue Erkenntnisse über die Ursachen von Gewalt und Extremismus sowie Erkenntnisse über mögliche Gegenstrategien entwickeln.  

Manchmal allerdings lassen sich auch nur bereits bekannte Zusammenhänge eindrucksvoll belegen. In Hannover zum Beispiel ist es aufgrund von breitem kommunalen Engagement gelungen, zwischen 1998 und 2006 die Zahl der türkischen Jugendlichen, die einen Realschulabschluss oder das Abitur anstreben, von 52 auf 67,5 Prozent zu erhöhen. Gleichzeitig halbierte sich die Zahl der Mehrfachtäter.

In München zeigt sich die entgegengesetzte Entwicklung: Dort ist der Hauptschulanteil junger Türken doppelt so hoch wie in Hannover, gleichzeitig ist die Zahl der Mehrfachtäter in den letzten zehn Jahren von 6 auf 12,4 Prozent angestiegen.

Die Jugendgewalt-Studie des KFN zeigt also: Prävention lohnt sich, und sie straft gleichzeitig alle konservativen Populisten Lügen, die von Zeit zu Zeit härtere Strafen für Jugendliche fordern und sogar Kinder in den Knast sperren wollen.

 
Leser-Kommentare
  1. Endlich eine Studie, die den Zusammenhang zwischen Bildung, die ja gleichzeitig für Perspektiven und Zukunftschancen steht, und Jugendgewalt aufzeigt. Es wird Zeit, dass unsere Politiker der Bildung endlich die Priorität einräumen die sie haben sollte. Wir können es uns nicht leisten einfach einen Teil der Gesellschaft nicht ausreichend auszubilden und im Endeffekt womöglich auch noch lebenslänglich finanzieren zu müssen. Besonders da wir als Hochlohnland darauf angewiesen sind möglichst gut ausgebildete junge Menschen hervorzubringen. Bildung ist eine der wenigen Resourcen die wir haben.

    Gruß
    Mephisto

    ____________________________________________________________
    Mitleid gibt es umsonst, Neid muss man sich verdienen.

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    Ja, Bildung ist wichtig, setzt aber Bildungswilligkeit voraus. Die ist jedoch in manchen Gruppen mit Hintergrund ein nicht sehr erstrebenswertes Ziel.

    Ja, Bildung ist wichtig, setzt aber Bildungswilligkeit voraus. Die ist jedoch in manchen Gruppen mit Hintergrund ein nicht sehr erstrebenswertes Ziel.

  2. ...aber eines der Wertevermittlung?

    Definiert die Zeit Ethnie jetzt kulturell (dh. grundlegend: die Werte!) oder biologisch?

  3. 3. AHA

    Jugendgewalt ist kein Schicksal, man kann etwas dagegen tun - nichts jedoch mit Populismus.

    Was ist denn bitte die These, dass die Jugend die mehrheitlich der Frage zustimmt das es zu viele Ausländer in Deutschland gibt, als Rechtsextrem an den Pranger zu stellen?

    • cf
    • 17.03.2009 um 19:04 Uhr
    4. NEU?

    Die Jugendgewalt nimmt schon seit Jahren ab! Bereits im 2. periodischen Sicherheitsbericht des Bundesministerium des Inneren von 2005 (!) kann man nachlesen, dass die Jugendgewalt im Zeitraum von 1998 bis 2005 leicht abgenommen hat. Schön dass es tatsächlich mal in den Medien ankommt, aber ist das nicht ein bisschen spät? Zumal es jetzt schon keiner mehr glaubt, bei einer Umfrage auf Welt online haben immernoch 65% der Leser die Meinung die Jugendgewalt sei gestiegen. In einem Artikel, der das Gegenteil beweist...

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    Es geht immer darum, wie man die Fragen stellt.

    Ich bin der festen Überzeugung, dass die Jugendgewalt am sinken ist und sie wird das weiterhin sein. Gleichzeitig wird Jugendgewalt ein immer größeres Problem werden.

    Widerspruch? Mitnichten, in der Studie steht selbst: in weiten Teilen der Bevölkerung lebt man jetzt gewaltfrei, während anderseits bei der vorhandenen Jugendgewalt die Brutalität immer mehr steigt.

    Das ist genau das, was ich seit 20 Jahren erlebe und selbst sehe. Die Masse der Gesellschaft wird immer friedlicher und eine Randgruppe (vorwiegend Migranten) entwickelt eine immer exzessivere Gewaltkultur.

    Aber! Das Problem ist jetzt folgendes. Wie wird eine immer friedlicher werdende Gesellschaft auf diese Gewaltkultur einer Minderheit reagieren? Natürlich mit Angst....

    Es geht immer darum, wie man die Fragen stellt.

    Ich bin der festen Überzeugung, dass die Jugendgewalt am sinken ist und sie wird das weiterhin sein. Gleichzeitig wird Jugendgewalt ein immer größeres Problem werden.

    Widerspruch? Mitnichten, in der Studie steht selbst: in weiten Teilen der Bevölkerung lebt man jetzt gewaltfrei, während anderseits bei der vorhandenen Jugendgewalt die Brutalität immer mehr steigt.

    Das ist genau das, was ich seit 20 Jahren erlebe und selbst sehe. Die Masse der Gesellschaft wird immer friedlicher und eine Randgruppe (vorwiegend Migranten) entwickelt eine immer exzessivere Gewaltkultur.

    Aber! Das Problem ist jetzt folgendes. Wie wird eine immer friedlicher werdende Gesellschaft auf diese Gewaltkultur einer Minderheit reagieren? Natürlich mit Angst....

  4. Etwa 6 Jahrgänge zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr sind das "Potential" für Jugendgewalt.

    Das macht 650.000 Personen pro Jahrgang bzw. in absoluten Zahlen wäre das ein Potential von 6 x 650.000 = 3.900.000 Jugendlichen. Davon sind 10% oder 390.000 Personen frustiert und davon wiederum 39.000 oder 10% kriminell. Aus dieser Gruppe schießt einer als Amokschütze pro Jahr im Schnitt um sich.

    Jetzt ist die Frage, wie wir es "gebacken" bekommen, diesen Amokschützen zu vermeiden. Ich denke mal, das bekommen wir nicht in den Griff.

    Diese Typen treten auf wie der Blitz aus dem nicht ganz heiteren Himmel, die nicht zu vermeiden sind. So stark kann man das gesellschaftliche Kleinklima m.E.n. auch nicht verändern, um diese Schäden z vermeiden.

    Ich meine, die Vorschläge zur Vermeidung von härtester Gewalt gehen einfach an der Befindlichkeit und Gewaltbereitschaft dieses "einen Typen" vorbei.

    Wie eingangs gesagt, ich habe mal eine Plausibilitätsüberlegung angestellt anhand von Zahlen.

    ___________________________________________________________
    Die Aufklärung darf kein leerer Wahn werden in einer Zeit der Anmaßungen.

  5. Es geht immer darum, wie man die Fragen stellt.

    Ich bin der festen Überzeugung, dass die Jugendgewalt am sinken ist und sie wird das weiterhin sein. Gleichzeitig wird Jugendgewalt ein immer größeres Problem werden.

    Widerspruch? Mitnichten, in der Studie steht selbst: in weiten Teilen der Bevölkerung lebt man jetzt gewaltfrei, während anderseits bei der vorhandenen Jugendgewalt die Brutalität immer mehr steigt.

    Das ist genau das, was ich seit 20 Jahren erlebe und selbst sehe. Die Masse der Gesellschaft wird immer friedlicher und eine Randgruppe (vorwiegend Migranten) entwickelt eine immer exzessivere Gewaltkultur.

    Aber! Das Problem ist jetzt folgendes. Wie wird eine immer friedlicher werdende Gesellschaft auf diese Gewaltkultur einer Minderheit reagieren? Natürlich mit Angst....

    Antwort auf "NEU?"
    • Anonym
    • 17.03.2009 um 19:39 Uhr

    über dem Artikel, wenn die Studie keinen Aufschluss über Winnenden gibt? Völlig daneben. Schießereien sind unter Jugendlichen nicht so verbreitet, wenn dann stumpfe Waffen oder Messer.

    Vor allem aber gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen Bildung und Gewalt. Je höher die Bildung desto geringer die Gewaltbereitschaft
    Das ist ja mal ganz was Neues. Je höher die Bildung ist, desto besser sind die Perspektiven und desto ausgeprägter das Bewusstsein, dass man diese nicht durch das Sammeln von Vorstrafen verbessern. Das Problem ist aber nun mal, dass sich Menschen mit extrem niedriger Bildung deutlich schneller vermehren (so besser sehr geehrter "as"?). Einer meiner Verwandten ist Lehrer an einer Hauptschule. Er meinte, er habe Kollegen, die manche Familien in dritter und vierter Generation unterrichten. Es sind seltener die Gebildeten, die mit 17,18,19 Jahren Kinder bekommen. Das Problem Jugendgewalt resultiert aus einer demographischen Fehlentwicklung, nämlich der eklatant stärkeren Vermehrung ungebildeter Menschen (unabhängig von Farbe und Herkunft). Verstärkt wird dieses Problem durch das gleichzeitige Wegbrechen von Arbeitsplätzen für diese Gruppen und häufig durch fehlenden Aufstiegswillen.

    Ein anderes Problem, welches mir alltäglich begegnet ist die Verbreitung von bildungsfeindlicher Kultur, speziell durch das Fernsehen. Der Flimmerkasten betreibt mittels Castingshows und Musiksendungen aggressive Volksverdummung. Ich habe nichts gegen Rap, solang er etwas Niveau hat oder witzig ist (auch gerne vulgär oder obszön;-)). Aber wenn der Text sich nur darum dreht, dass Schulbesuche sinnlos sind, und die Kiddies das GLAUBEN, dann wirds kritisch.
    Auch ist es interessant, das Jugendliche, welche ein Gymnasium besuchen, so zwischen 14 und 16 extrem anfällig für diese aggressive Dummheitskultur sind. Und ist erst mal einer infiziert folgen ihm weitere. Die Intelligenz ist wohl leider rückläufig, also wird dieses Problem uns auch erhalten bleiben.

  6. Unter dem Diktat der wirtschaftlichen Verwertbarkeit verkommt Bildung zur Ware und schafft erst mittels des Einsatzes entsprechender Marketing- und Werbestrategien die seelische Verelendung und Sinnleere, die als Dispostion zur mörderischen Wut und Gewalt auf den passenden Trigger wartet.

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