ZEIT ONLINE: Herr Diack, wieso wird die WM vom 15. bis 23. August 2009 in Berlin ein Erfolg?

Lamine Diack: Ich war bei der Fußball-WM in Deutschland und habe gesehen, was die Deutschen für eine Stimmung geschaffen haben, vor allem außerhalb der Stadien mit den riesigen Videowänden. Die Deutschen haben gezeigt, dass sie eine offene Geisteshaltung haben und sehr gastfreundlich sind. Ich hoffe, dass wir eine Atmosphäre schaffen können wie bei der Fußball-WM. Wir müssen weniger über Doping reden, mehr über die schönen Seiten der Leichtathletik. Zum Beispiel über den Sprung über 8,71 Meter von Sebastian Bayer.

ZEIT ONLINE: Ein Meter weiter als Sie bei Ihrem persönlichen Rekordsprung von 7,72 Meter.

Diack: Aber das war vor 50 Jahren und ich hatte keine Tartanbahn. Ich habe mich mit Bayer gefreut. Da fragt man sich sofort: Wie geht es weiter mit ihm? Leider zweifeln die Deutschen noch an den Fähigkeiten ihrer Sportler. Aber sie werden gut sein. Denken Sie an den Hochsprung der Frauen: Die ganze Zeit war Blanka Vlasic vorne, dann kommt diese junge Deutsche Ariane Friedrich, und plötzlich ist der Ausgang dieses Wettbewerbs offen. Wir werden in dem wunderbaren Berliner Stadion eine Atmosphäre erleben wie in Paris. Damals habe sich auch alle gefragt, ob das Stadion voll wird – am Ende war es voll.

ZEIT ONLINE: Was können die WM-Organisatoren in Berlin noch tun, damit das Stadion wirklich voll wird?

Diack: Was die Werbung betrifft, kann man von jetzt an noch einiges machen. Aber wir werden bis zum ISTAF im Juni sehen, dass Berlin mehr und mehr die Hauptstadt der Leichtathletik wird. Ich hatte nach den Olympischen Spielen in Peking die Befürchtung, dass sich alles in Deutschland nur auf Doping konzentrieren würde. Nach dem Motto: Wir Deutschen sind sauber und die anderen schmutzig. Der Deutsche Leichtathletik-Verband ist in der Tat der Verband, der Doping am ernsthaftesten bekämpft. Aber man muss mit Vorwürfen gegenüber anderen sehr vorsichtig sein, schließlich kämpfen auch wir als internationaler Verband gegen Doping. Mir ist wichtig, dass man die Weltmeisterschaften nicht nur mit Doping verbindet.  

ZEIT ONLINE: Wie muss sich die Leichtathletik weiterentwickeln?

Diack: Ich glaube nicht, dass es darum geht, die Wettbewerbe zu verändern. Wir behalten unsere einzelnen Disziplinen. Natürlich haben wir es schwerer als der Fußball. Kürzlich haben wir uns einmal gefragt, warum wir früher alle Leichtathletik gemacht haben und die jungen Leute das heute nicht mehr tun. Unsere Antwort: Es war der Zweite Weltkrieg, wir hatten keinen Ball.

ZEIT ONLINE: Was kann die Leichtathletik vom Fußball lernen?

Diack: Wenn Sie irgendwo einen Fußball hinwerfen, sind sofort fünf Kinder drum herum und spielen damit. Aber es ist doch so: Um ein guter Fußballer, Basketballer, Volleyballer zu werden, muss man erst einmal ein guter Athlet sein. Man muss laufen können, springen, stark sein und Ausdauer haben. Natürlich können wir unseren Sport weiterentwickeln und müssen dabei an der Basis anfangen. Wir müssen unseren Sport spielen.

ZEIT ONLINE: Und wie?

Diack: Dazu haben wir bei der IAAF das Konzept Kids Athletics entwickelt für den Nachwuchs zwischen 7 und 12 Jahren. Und wir brauchen Mannschaftswettbewerbe für die Altersgruppe zwischen 13 und 15 Jahren. 80 Verbände haben das Programm schon übernommen.

ZEIT ONLINE: Kinder spielen auch Fußball, weil sie werden wollen wie Beckham oder Zidane. Da scheint der Fußball ebenfalls Vorteile zu haben.

Diack: Wir haben auch große Champions. Aber die stehen nicht so im Rampenlicht. Carl Lewis ist ein unglaublicher Star. Wenn er nach Europa kommt, geht ein Raunen durch die Menge. In den Vereinigten Staaten ist er so gut wie unbekannt. Und wenn Kenenisa Bekele kein Star ist, wer dann? Aber wir haben seine Geschichte nicht ausreichend vermarktet. Wir haben den jungen Deutschen nicht erzählt, dass Bekele aus einem Dorf kommt, in dem es nicht einmal Wasser gibt. Jetzt helfen wir den Leuten im Dorf, damit dort Brunnen gebaut werden können. Das ist doch eine Bilderbuchgeschichte für die ganze Welt.

ZEIT ONLINE: Ist Usain Bolt ein gutes Vorbild?

Diack: Ja, ein sehr gutes Vorbild.

ZEIT ONLINE: Warum?

Diack: Nicht so sehr aufgrund seiner Erfolge, sondern wegen seiner Entwicklung. Ich habe ihn schon gesehen, als er 14 Jahre alt war, 2001 auf den Bahamas bei den Carifta-Games. Da lief ein Schlaks von 1,92 Meter die 200 Meter unter 21 Sekunden. Ich habe damals gesagt: Der läuft die 400 Meter irgendwann in weniger als 43 Sekunden. Wir haben da wirklich einen Superstar. Ich hoffe, dass er sich nicht verletzt.