Jahresempfang der Vertriebenen Merkels halbherziger Gang nach Canossa

Beim Empfang der Vertriebenen rollte Erika Steinbach für Merkel den roten Teppich aus. Die wusste viel Freundliches zu sagen, Abbitte leistete sie freilich nicht.

Die Kanzlerin besucht die Verbandspräsidentin: Angela Merkel und Erika Steinbach beim Jahresempfang des Bundes der Vertriebenen

Die Kanzlerin besucht die Verbandspräsidentin: Angela Merkel und Erika Steinbach beim Jahresempfang des Bundes der Vertriebenen

Wenn man die beiden so nebeneinander stehen sieht, in dem mit prächtigen Kronleuchtern geschmückten Saal im Berliner Opernpalais, muss man den Eindruck gewinnen, dass zwischen Angela Merkel, Bundeskanzlerin und CDU-Chefin, und Erika Steinbach, Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, kein Blatt Papier passt. Vertraulich nicken sie sich zu, fröhlich lachen sie miteinander.

Auch ringsum sind am Dienstagabend viele entspannte Gesichter zu sehen. Für ihre kurze Rede beim Jahresempfang des Bundes der Vertriebenen hatte Merkel zuvor freundlichen, wenn auch nicht übermäßigen Applaus erhalten. Von einer tiefer gehenden Verstimmung war nichts zu spüren.

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Es sind Bilder, wie die CDU-Chefin sie derzeit dringend brauchen kann. Bilder, deren eigentlicher Sinn darin besteht, dass sie über die ungewöhnlich vielen anwesenden Kameras ins Land hinaustransportiert werden, wo Merkels konservative Wählerklientel gegenwärtig gar nicht besonders gut auf die Kanzlerin zu sprechen ist.

Schließlich war Merkels Verhalten in der Causa Steinbach einer der Gründe dafür, dass die CDU-Chefin in den vergangenen Wochen massiv in die Kritik aus den eigenen Reihen geraten war. Der Vorwurf: Merkel hätte das CDU-Vorstandsmitglied Steinbach, im Streit um die Besetzung des Stiftungsrates des geplanten Zentrums gegen Vertreibung, nicht nur gegen Angriffe aus der SPD, sondern auch aus Polen deutlicher verteidigen müssen. Der Graben, der sich zwischen der Kanzlerin und einem Teil ihrer Partei schon länger auftut, war plötzlich offensichtlich geworden.

Dass Merkel diese Kritik ernst nimmt, zeigt die Tatsache, dass sie nun hier steht, zwischen all diesen überwiegend männlichen, überwiegend älteren Menschen, die am Revers eine Stecknadel tragen mit dem Wappen ihrer jeweiligen Landsmannschaft.

Zwar ist es, wie auch Steinbach betont, keineswegs das erste sondern bereits das dritte Mal, dass Merkel bei einem Jahresempfang des BdV ihre Aufwartung macht. Kein Bundeskanzler vor ihr sei je zu diesem Anlass erschienen, betont Steinbach. Und trotzdem: Merkel wäre zumindest diesmal ebenfalls nicht dabei gewesen, hätte es die Debatten der Vorwochen nicht gegeben. Erst kurzfristig wurde ihre Grußwort auf die Tagesordnung gesetzt.

Leser-Kommentare
    • mkill
    • 18.03.2009 um 8:47 Uhr

    Ich bin Vertriebener der 3. Generation. Mein Großvater väterlicherseits wurde aus Schlesien vertrieben, meine Großeltern mütterlicherseits wurden aus dem Sudetenland vertrieben. Zusammen mit einer Ahnin aus der Gegend von Dresden macht mich das zu einem Dreiviertelvertriebenen, wenn man so will.

    Und?

    Ich könnte sogar noch das Dorf benennen, wo ein Großvater geboren ist, aber welches Haus? Wahrscheinlich steht es eh nicht mehr. Von meiner väterlichen Seite weiß ich eh nur grob die Region, und könnte nicht mal mehr den Namen meines Urgroßvaters nennen, dem irgendwo ein steiniger Acker gehört hat.

    Was interessiert es mich auch? Das alles ist weit weg, historisch und geographisch (da ich diese Zeilen in Tokyo verfasse...) Selbst wenn irgendwer meine Familie entschädigen würde, würde da, verteilt auf die Enkel, eh nicht viel bei rumkommen. Und zurückgeben? Was will ich mit einem verfallenen Haus oder einem Stückchen Acker in Polen? Wenn ich wirklich in ein Land meiner Vorfahren zurückwollte, könnte ich das sowieso, dank EU-Freizügigkeit.

    Ich kann verstehen, dass diejenigen, die das am eigenen Leib erlebt haben, politisch gehört werden wollen. Wenn ich eines Tages über 70 Jahre alt bin, werde ich wahrscheinlich auch an politischen Themen hängen, die keinen mehr interessieren. Aber so ist das eben. Geschichte ist auch immer Politik.

    Meine Generation lebt längst im Zeitalter der Globalisierung, unsereiner verbringt zumindest einen Teil seines Lebens irgendwo auf der Welt jenseits von Deutschland, unsereiner hat vielleicht einen Partner der keinen deutschen Pass hat, und Kinder mit zwei Pässen... Es ist gut zu wissen wo man herkommt, aber da, wo diese Generation hingeht, wird ihr die CDU wohl nicht folgen...

  1. Ein Teil meiner Familie wurde auch aus Ostpreußen vertrieben und wäre auf dem Marsch gen Westen fast verhungert.

    Alle fanden eine neue Heimat in der DDR und leben noch heute hier.

    Noch nie habe ich aber irgend welche revanchistische oder abwertende Äußerungen von ihnen über das Hier und Heute gehört.

    Mit einer Reisegruppe waren sie in ihrer alten Heimat und mussten mit ansehen, was aus ihrer Heimat geworden ist - der Anblick war wohl nicht gerade ermutigend.

    Trotzdem spüre ich keinen Hass dieser Menschen auf die Polen. In der DDR haben sich alle eine Karriere aufbauen können und gründeten Familien.

    Ihre Kinder können mit der alten Heimat nichts anfangen, weil sie in der DDR geboren wurden und aufwuchsen.

    Der Bund der Vertriebenen ist doch nur eine von der Geschichte längst überholte Gemeinschaft der ewig Gestrigen.

    Traditionspflege kann und darf sein, aber sie darf sich nicht über einen historischen Verlauf hinweg setzen, der nicht mehr umkehrbar ist.

    Deutschland hat nun einmal den 2-ten Weltkrieg angezettelt und verloren - seien wir doch wenigstens anständige Verlierer, wenn das auch schmerzlich für den Einzelnen ist.

    Wir sollten aber auch endlich aufhören, uns immer wieder selbst zu geißeln.

    Denken wir lieber vorwärts, damit unseren Kindern und Enkeln nicht das gleiche Schicksal einmal zu Teil wird!

    • TDU
    • 18.03.2009 um 10:13 Uhr

    Die Handhabung der Angelegenheit durch die politisch Verantwortlichen ist ein Beispiel für die Bezogenheit der Poltik auf Parteiinteressen.

    Die Diskussion um das Schicksal der Vertriebenen wurde bereits bei der Anbahnung der "Ost-Verträge" im Zuge des Wandels durch Annäherung in den 1970iger Jahre unterdrückt. Wenn auch vom moralischen zweifelhaft, machte es aber aussenpoltisch sehr viel Sinn, sonst wäre es vermutlich in der Breite auch nicht akzeptiert worden.

    Das Schmierentheater um Frau Steinbach hatte den aber überhaupt nicht, erst recht, wenn man das Verhältnis mit unseren polnischen Nachbarn analysiert. Von deren Seite wurde es auch instrumentalisiert.

    Es bleibt innenpolitisch ein fader Geschmack und ist ein Bausteinchen der Politikverdrossenheit beim Bürger. Persönlich bin ich überhaupt nicht betroffen, aber man beobachtet den Umgang der Politik mit einem bestimmten Teil der Bürger schon, ob die nun ältere Menschen sind oder nicht. Und wenn man mal weiterdenkt, könnten zukünftig noch genug andere gesellschaftliche Gruppen drankommen, oder?

    Anm. allgemein: Man sollte zukünftig auf Obamas Worten bestehen: Ich werde Politik auch für die machen, die mich nicht gewählt haben. Demokratie ist nicht die Herrschaft einer Mehrheit über die Minderheit.

    Die Lobbyisten, die es glücklicherweise gibt, auf der "linken" wie auf der "rechten" Seite können es allein nicht richten. Wer als Politiker mit diesem, zugegebenermaßen nicht einfachem Problem, nicht zurecht kommt, hat in einer demokratischen Politik nichts zu suchen. Vielleicht sollte das angesichts unseres Jahrestages der Verfassung mal wieder Thema werden. Im Schulunterricht scheint es ja nicht vorzukommen.

    • Kometa
    • 18.03.2009 um 10:38 Uhr

    Dass diese eitlen, weltfremden, zänkischen Vertriebenen-Funktionäre sich noch immer feiern können, haben sie dem Wohlstand und den Subventionen von arbeitenden Normal-Demokraten zu verdanken.

    Meine Aussage betrifft wahrlich nicht die wirklich gelitten haben - und darüber in Hunderten, ja Tausenden von Dokumenten und Berichten humanistisch orientiert erzählt haben.

    Nur ein Beispiel, weil es wieder vergessen ist, hundertmal wichtiger als Steinbachs Getue:

    Siegfried von Vegesacks "Baltische Tragödie"; einschließlich dem vierten Band als Ergänzung zu der Trilogie: "Die letzte Ausfahrt" (von 1957). - Ein Autor, den Vertriebenen-Funktionäre schmähten; und die er selber mied.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • TDU
    • 18.03.2009 um 11:07 Uhr

    Die, die Vertreibungen überlebt haben und sich hier angesiedelt haben, sind, auch machmal zum Neid der bereits Ansässigen, unterstützt worden, haben aber genauso hart und fleißig gearbeitet wie alle anderen.

    • TDU
    • 18.03.2009 um 11:07 Uhr

    Die, die Vertreibungen überlebt haben und sich hier angesiedelt haben, sind, auch machmal zum Neid der bereits Ansässigen, unterstützt worden, haben aber genauso hart und fleißig gearbeitet wie alle anderen.

    • TDU
    • 18.03.2009 um 11:07 Uhr

    Die, die Vertreibungen überlebt haben und sich hier angesiedelt haben, sind, auch machmal zum Neid der bereits Ansässigen, unterstützt worden, haben aber genauso hart und fleißig gearbeitet wie alle anderen.

    • Neon
    • 18.03.2009 um 11:17 Uhr

    Sich von einer rueckwaerts gewandten, deutschnationalen Minderheit derartig an die Wand stellen zu lassen ist schon eine Leistung die ihres gleichen sucht. Hoffen wir nur, dass die akute Wirtschaftskrise die Verschwendung von Steuergeldern fuer fragwuerdige Stiftungen nicht gestattet.

  2. "Merkel hätte sich die polnische Einmischung mit einem deutlichen Wort verbieten müssen"

    Nee: Sie hätte sich das verbitten müssen!

  3. Bei allen bisherigen Wahlen haben es konservative Politiker verstanden, aus dem Schicksal der Vertriebenen Kapital zu schlagen. Zunächst wurde ihnen vorgegaukelt, sie könnten wieder in ihre Heimat zurück kehren. Wo dies nun jetzt niemand mehr glaubt, versuchen ehrgeizige Funktionäre dennoch Emotionen zu schüren, die einen Verband dank Fördermittel aus Steuergeldern am Leben erhalten. Dazu passt es natürlich, dass sich immer ein Politiker, in diesem Fall eine Politikerin findet, die sich eine Hausmacht in ihrer Partei schaffen kann. Schon allein die Tatsache, dass sich eine Nichtvertriebene zur Sprecherin der Vertriebenen machen lässt, sagt alles über die Glaubhaftigkeit dieser Personen.
    Gefragt ist eine echte Versöhnung mit unseren östlichen Nachbarn. Dazu gehören Austauschbesuche der Jugend. wie sie u.a. vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk und der Robert-Bosch-Stiftung gefördert werden.
    Ich kann mir nicht vorstellen, dass die selbst ernannten Berufsvertriebenen überhaupt persönliche oder gar freundschaftliche Kontakte zu den Menschen in den Vertreibungsländern haben bzw. suchen.
    Um nicht missverstanden zu werden, betone ich, dass ich als Vertriebener froh bin, die Vertreibung überlebt zu haben und derer gedenke, die ihr Leben dabei verloren haben. Aber dazu muss man gleichzeitig wissen, wer letztendlich Schuld an der Vertreibung hatte, und das sind nicht die Menschen, die jetzt dort leben.
    Ich besuche schon seit langer Zeit gern meine tschechischen und seit einigen Jahren auch meine polnischen Freunde. Meine Eltern sind Sudetendeutsche, mussten aber von 1942 - 1945 im Warthegau/Polen in eine Wohung einziehen, die vorher von dort vertriebenen Menschen gehörte.

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