90 Jahre Nat "King" Cole Amerikas schwarzer Sinatra
In den Fünfzigern konnte Nat "King" Cole die Rassentrennung in Alabama überwinden. Dem großen Publikum sind seine Songs bis heute "Unforgettable". Eine Erinnerung zum 90.
In der Garderobe des Birmingham Municipal Auditorium bereitet Nat Cole, genannt "King", sich auf seinen Auftritt vor. Man hat ihn gewarnt, es könne Ärger geben: Sie mögen keine schwarzen Musiker hier unten in Alabama, schon gar keine, die zusammen mit Weißen auftreten. Viel Polizei ist da an diesem 10. April 1956. Nat lässt sich nicht von seinem Auftritt abbringen. Hinten im Saal kauert eine Handvoll Männer im Schutz der Dunkelheit.
Nathaniel Adams Coles wurde hier in den Südstaaten geboren, am 17. März 1919 in Montgomery, Alabama, wo sich 1955 Rosa Parks weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen Weißen zu räumen, und wo der Baptisten-Prediger Martin Luther King den Protest gegen ihre Verhaftung organisierte. Auch Nat Coles Vater war Baptisten-Pastor. Als Nat zwei war, ging die Familie nach Chicago wie so viele Schwarze, die in den Industriestädten des Nordens ein besseres Leben suchten. Klavier lernte Nat von seiner Mutter, er sang im Kirchenchor seines Vaters, und den Jazz saugte er in den Clubs von Chicago auf. Mit 15 schmiss er die Schule und wurde Pianist.
Um 19 Uhr betritt Nat King Cole also die Bühne des Municipal Auditorium. Ein dünner Vorhang trennt ihn von seinen weißen Musikern, um "die Wirkung des gemeinsamen Auftritts von Kaukasiern und Afro-Amerikanern auf einer Bühne abzumildern", wie es heißt. Applaus begrüßt Cole, den Bandleader Ted Heath und sein Famous British Orchestra. Sie stimmen Autumn Leaves an. Beim dritten Song, Little Girl, wird es unruhig hinten im Saal.
Coles erstes Engagement war eine Tournee-Show. Als sie in Los Angeles strandete, fand er Arbeit im Century Club und gründete 1939 ein Trio mit Oscar Moore, Gitarre, und Wesley Prince, Bass. Dass die Band ohne Schlagzeuger auftrat, war ebenso ungewöhnlich wie der Zusammenklang von Gitarre und Klavier.
Die Männer hinten im Auditorium gehören zum White Citizen's Council. Die Gruppierung hat sich 1954 als Reaktion auf die Aufhebung der Rassentrennung an den Schulen gegründet. Anders als der Ku Klux Klan lehnt das Council Gewalt ab – eigentlich.
Nach und nach profilierte sich Cole auch als Sänger, landete 1943 mit Straighten Up And Fly Right seinen ersten Hit, inspiriert von einer Predigt seines Vaters. 1946 kamen für The Christmas Song Streicher hinzu, und Cole wurde zum Crooner meist sentimentaler Songs. In Clubs spielte er als Pianist weiter Bebop in seinem kompakten, synkopenreichen Stil.
Kenneth Adams, Anhänger des White Citizen's Council, kann endlos über die Übel von Rock'n'Roll und Bebop predigen. Er hat die Rassisten der Gegend gegen das Cole-Konzert mobilisiert. Auf sein Signal hin, glaubt er, werden Hunderte Gleichgesinnte nach vorn stürmen, um den Sänger von der Bühne zu zerren.
Honig, Samt und alter Bourbon, ein entspannter Southern Drawl, die gedehnte Sprechweise der Südstaaten: Coles Stimme brachte ihm Anerkennung in der weißen Welt. Er wurde der erste schwarze Fernsehmoderator der USA, doch seine Show wurde nach einem Jahr abgesetzt: zu wenige Werbekunden. Dabei ließ Cole sich fürs Fernsehen sogar heller schminken. Aber er spendete auch an Bürgerrechtsgruppen und verklagte Hotels, die ihn wegen seiner Hautfarbe nicht aufnahmen. Als er 1948 ein Haus in einem schicken Viertel von Los Angeles erwarb, ließen ihn die durchweg weißen Nachbarn wissen, sie hätten etwas gegen "unerwünschte Personen". Cole gab zurück: "Wenn unerwünschte Personen einziehen, beschwere ich mich als Erster." Tage später brannte ein Kreuz in seinem Garten: Drohgebärde des Ku Klux Klan.
"Los, wir kriegen die Ratte": In Birmingham stürmen drei Männer nach vorn. Drei, nicht Hunderte. Einer springt Cole an, dessen Klavierbank unter ihm zerbricht; er verletzt sich am Rücken. Die Polizei verhaftet die Angreifer. Hinter der Bühne raucht Cole eine Zigarette. Draußen ruft die Menge nach ihm. Der Bürgermeister bittet ihn, mit der Show weiterzumachen. Als Cole sich dafür entscheidet, begrüßt ihn das Publikum mit fünf Minuten Standing Ovations. Zurück in Chicago schwört er, nie wieder einen Fuß nach Alabama zu setzen.
Coles Erfolg hielt bis in die frühen sechziger Jahre an, mit Hits wie Ramblin' Rose, Those Lazy, Hazy, Crazy Days of Summer und L-O-V-E, immer weiter Richtung Mainstream, weiter weg vom Jazz. Nat "King" Cole, der seit Jahren drei Päckchen Zigaretten am Tag rauchte, starb am 15. Februar 1964 mit nur 45 Jahren an Lungenkrebs. In Alabama war er nie wieder. Als Natalie Cole 1991 ihres Vaters Song Unforgettable für ein Tribute-Album neu aufnahm, mit ihrem eigenen Gesang versetzt, erntete sie sieben Grammys und machte ihren Vater einem breiten Publikum bekannt, das bis dahin gedacht hatte, die Stimme Amerikas sei Frank Sinatra, und sonst niemand.
Am 20. Mai 1956 spielen Bo Diddley, die Platters und Bill Haley im Birmingham Municipal Auditorium. Draußen demonstrieren Anhänger des White Citizen's Council mit Plakaten wie "Dschungel-Musik macht kriminell". Sie haben keine Chance; sie machen sich lächerlich. Der Rock'n'Roll ist stärker.
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- Datum 19.03.2009 - 18:07 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, 17.3.2009
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