Fall Williamson Der Papst nimmt Stellung
In einem Brief an die Bischöfe äußert sich Benedikt XVI. zu seiner umstrittenen Entscheidung, die Exkommunikation der traditionalistischen Bischöfe der Piusbruderschaft aufzuheben.
Liebe Mitbrüder im bischöflichen Dienst!
Die Aufhebung der Exkommunikation für die vier von Erzbischof Lefebvre im Jahr 1988 ohne Mandat des Heiligen Stuhls geweihten Bischöfe hat innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche aus vielfältigen Gründen zu einer Auseinandersetzung von einer Heftigkeit geführt, wie wir sie seit langem nicht mehr erlebt haben. Viele Bischöfe fühlten sich ratlos vor einem Ereignis, das unerwartet gekommen und kaum positiv in die Fragen und Aufgaben der Kirche von heute einzuordnen war. Auch wenn viele Hirten und Gläubige den Versöhnungswillen des Papstes grundsätzlich positiv zu werten bereit waren, so stand dagegen doch die Frage nach der Angemessenheit einer solchen Gebärde angesichts der wirklichen Dringlichkeiten gläubigen Lebens in unserer Zeit. Verschiedene Gruppierungen hingegen beschuldigten den Papst ganz offen, hinter das Konzil zurückgehen zu wollen eine Lawine von Protesten setzte sich in Bewegung, deren Bitterkeit Verletzungen sichtbar machte, die über den Augenblick hinausreichen. So fühle ich mich gedrängt, an Euch, liebe Mitbrüder, ein klärendes Wort zu richten, das helfen soll, die Absichten zu verstehen, die mich und die zuständigen Organe des Heiligen Stuhls bei diesem Schritt geleitet haben. Ich hoffe, auf diese Weise zum Frieden in der Kirche beizutragen.
Eine für mich nicht vorhersehbare Panne bestand darin, daß die Aufhebung der Exkommunikation überlagert wurde von dem Fall Williamson. Der leise Gestus der Barmherzigkeit gegenüber vier gültig, aber nicht rechtmäßig geweihten Bischöfen erschien plötzlich als etwas ganz anderes: als Absage an die christlichjüdische Versöhnung, als Rücknahme dessen, was das Konzil in dieser Sache zum Weg der Kirche erklärt hat. Aus einer Einladung zur Versöhnung mit einer sich abspaltenden kirchlichen Gruppe war auf diese Weise das Umgekehrte geworden: ein scheinbarer Rückweg hinter alle Schritte der Versöhnung von Christen und Juden, die seit dem Konzil gegangen wurden und die mitzugehen un d weiterzubringen von Anfang an ein Ziel meiner theologischen Arbeit gewesen war. Daß diese Überlagerung zweier gegensätzlicher Vorgänge eingetreten ist und den Frieden zwischen Christen und Juden wie auch den Frieden in der Kirche für einen Augenblick gestört hat, kann ich nur zutiefst bedauern. Ich höre, daß aufmerksames Verfolgen der im Internet zugänglichen Nachrichten es ermöglicht hätte, rechtzeitig von dem Problem Kenntnis zu erhalten. Ich lerne daraus, daß wir beim Heiligen Stuhl auf diese Nachrichtenquelle in Zukunft aufmerksamer achten müssen. Betrübt hat mich, daß auch Katholiken, die es eigentlich besser wissen konnten, mit sprungbereiter Feindseligkeit auf mich einschlagen zu müssen glaubten. Um so mehr danke ich den jüdischen Freunden, die geholfen haben, das Mißverständnis schnell aus der Welt zu schaffen und die Atmosphäre der Freundschaft und des Vertrauens wiederherzustellen, die - wie zur Zeit von Papst Johannes Paul II. - auch während der ganzen Zeit meines Pontifikats bestanden hatte und gottlob weiter besteht.
Eine weitere Panne, die ich ehrlich bedaure, besteht darin, daß Grenze und Reichweite der Maßnahme vom 21. 1. 2009 bei der Veröffentlichung des Vorgangs nicht klar genug dargestellt worden sind. Die Exkommunikation trifft Personen, nicht Institutionen. Bischofsweihe ohne päpstlichen Auftrag bedeutet die Gefahr eines Schismas, weil sie die Einheit des Bischofskollegiums mit dem Papst in Frage stellt. Die Kirche muß deshalb mit der härtesten Strafe, der Exkommunikation, reagieren, und zwar, um die so Bestraften zur Reue und in die Einheit zurückzurufen. 20 Jahre nach den Weihen ist dieses Ziel leider noch immer nicht erreicht worden. Die Rücknahme der Exkommunikation dient dem gleichen Ziel wie die Strafe selbst: noch einmal die vier Bischöfe zur Rückkehr einzuladen. Diese Geste war möglich, nachdem die Betroffenen ihre grundsätzliche Anerkennung des Papstes und seiner Hirtengewalt ausgesprochen hatten, wenn auch mit Vorbehalten, was den Gehorsam gegen seine Lehrautorität und gegen die des Konzils betrifft. Damit komme ich zur Unterscheidung von Person und Institution zurück. Die Lösung der Exkommunikation war eine Maßnahme im Bereich der kirchlichen Disziplin: Die Personen wurden von der Gewissenslast der schwersten Kirchenstrafe befreit. Von dieser disziplinären Ebene ist der doktrinelle Bereich zu unterscheiden. Daß die Bruderschaft Pius' X. keine kanonische Stellung in der Kirche hat, beruht nicht eigentlich auf disziplinären, sondern auf doktrinellen Gründen. Solange die Bruderschaft keine kanonische Stellung in der Kirche hat, solange üben auch ihre Amtsträger keine rechtmäßigen Ämter in der Kirche aus. Es ist also zu unterscheiden zwischen der die Personen als Personen betreffenden disziplinären Ebene und der doktrinellen Ebene, bei der Amt und Institution in Frage stehen. Um es noch einmal zu sagen: Solange die doktrinellen Fragen nicht geklärt sind, hat die Bruderschaft keinen kanonischen Status in der Kirche und solange üben ihre Amtsträger, auch wenn sie von der Kirchenstrafe frei sind, keine Ämter rechtmäßig in der Kirche aus.
Angesichts dieser Situation beabsichtige ich, die Päpstliche Kommission „Ecclesia Dei“, die seit 1988 für diejenigen Gemeinschaften und Personen zuständig ist, die von der Bruderschaft Pius' X. oder ähnlichen Gruppierungen kommend in die volle Gemeinschaft mit dem Papst zurückkehren wollen, in Zukunft mit der Glaubenskongregation zu verbinden. Damit soll deutlich werden, daß die jetzt zu behandelnden Probleme wesentlich doktrineller Natur sind, vor allem die Annahme des II. Vatikanischen Konzils und des nachkonziliaren Lehramts der Päpste betreffen. Die kollegialen Organe, mit denen die Kongregation die anfallenden Fragen bearbeitet (besonders die regelmäßige Kardinalsversammlung an den Mittwochen und die ein- bis zweijährige Vollversammlung), garantieren die Einbeziehung der Präfekten verschiedener römischer Kongregationen und des weltweiten Episkopats in die zu fällenden Entscheidungen. Man kann die Lehrautorität der Kirche nicht im Jahr 1962 einfrieren - das muß der Bruderschaft ganz klar sein. Aber manchen von denen, die sich als große Verteidiger des Konzils hervortun, muß auch in Erinnerung gerufen werden, daß das II. Vaticanum die ganze Lehrgeschichte der Kirche in sich trägt. Wer ihm gehorsam sein will, muß den Glauben der Jahrhunderte annehmen und darf nicht die Wurzeln abschneiden, von denen der Baum lebt.
Ich hoffe, liebe Mitbrüder, daß damit die positive Bedeutung wie auch die Grenze der Maßnahme vom 21. 1. 2009 geklärt ist. Aber nun bleibt die Frage: War das notwendig? War das wirklich eine Priorität? Gibt es nicht sehr viel Wichtigeres? Natürlich gibt es Wichtigeres und Vordringlicheres. Ich denke, daß ich die Prioritäten des Pontifikats in meinen Reden zu dessen Anfang deutlich gemacht habe. Das damals Gesagte bleibt unverändert meine Leitlinie. Die erste Priorität für den Petrusnachfolger hat der Herr im Abendmahlssaal unmißverständlich fixiert: „Du aber stärke deine Brüder“ (Lk 22, 32). Petrus selber hat in seinem ersten Brief diese Priorität neu formuliert: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die in euch ist“ (1 Petr 3, 15). In unserer Zeit, in der der Glaube in weiten Teilen der Welt zu verlöschen droht wie eine Flamme, die keine Nahrung mehr findet, ist die allererste Priorität, Gott gegenwärtig zu machen in dieser Welt und den Menschen den Zugang zu Gott zu öffnen. Nicht zu irgendeinem Gott, sondern zu dem Gott, der am Sinai gesprochen hat; zu dem Gott, dessen Gesicht wir in der Liebe bis zum Ende (Joh 13, 1) - im gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus erkennen. Das eigentliche Problem unserer Geschichtsstunde ist es, daß Gott aus dem Horizont der Menschen verschwindet und daß mit dem Erlöschen des von Gott kommenden Lichts Orientierungslosigkeit in die Menschheit hereinbricht, deren zerstörerische Wirkungen wir immer mehr zu sehen bekommen.
Die Menschen zu Gott, dem in der Bibel sprechenden Gott zu führen, ist die oberste und grundlegende Priorität der Kirche und des Petrusnachfolgers in dieser Zeit. Aus ihr ergibt sich dann von selbst, daß es uns um die Einheit der Glaubenden gehen muß. Denn ihr Streit, ihr innerer Widerspruch, stellt die Rede von Gott in Frage. Daher ist das Mühen um das gemeinsame Glaubenszeugnis der Christen - um die Ökumene - in der obersten Priorität mit eingeschlossen. Dazu kommt die Notwendigkeit, daß alle, die an Gott glauben, miteinander den Frieden suchen, versuchen einander näher zu werden, um so in der Unterschiedenheit ihres Gottesbildes doch gemeinsam auf die Quelle des Lichts zuzugehen - der interreligiöse Dialog. Wer Gott als Liebe bis ans Ende verkündigt, muß das Zeugnis der Liebe geben: den Leidenden in Liebe zugewandt sein, Haß und Feindschaft abwehren die soziale Dimension des christlichen Glaubens, von der ich in der Enzyklika „Deus caritas est“ gesprochen habe.
Wenn also das Ringen um den Glauben, um die Hoffnung und um die Liebe in der Welt die wahre Priorität für die Kirche in dieser Stunde (und in unterschiedlichen Formen immer) darstellt, so gehören doch auch die kleinen und mittleren Versöhnungen mit dazu. Daß die leise Gebärde einer hingehaltenen Hand zu einem großen Lärm und gerade so zum Gegenteil von Versöhnung geworden ist, müssen wir zur Kenntnis nehmen. Aber nun frage ich doch: War und ist es wirklich verkehrt, auch hier dem Bruder entgegenzugehen, „der etwas gegen dich hat“ und Versöhnung zu versuchen (vgl. Mt 5, 23f)? Muß nicht auch die zivile Gesellschaft versuchen, Radikalisierungen zuvorzukommen, ihre möglichen Träger - wenn irgend möglich - zurückzubinden in die großen gestaltenden Kräfte des gesellschaftlichen Lebens, um Abkapselung und all ihre Folgen zu vermeiden? Kann es ganz falsch sein, sich um die Lösung von Verkrampfungen und Verengungen zu bemühen und dem Raum zu geben, was sich an Positivem findet und sich ins Ganze einfügen läßt? Ich habe selbst in den Jahren nach 1988 erlebt, wie sich durch die Heimkehr von vorher von Rom sich abtrennenden Gemeinschaften dort das innere Klima verändert hat; wie die Heimkehr in die große, weite und gemeinsame Kirche Einseitig keiten überwand und Verkrampfungen löste, so daß nun daraus positive Kräfte für das Ganze wurden. Kann uns eine Gemeinschaft ganz gleichgültig sein, in der es 491 Priester, 215 Seminaristen, 6 Seminare, 88 Schulen, 2 Universitäts-Institute, 117 Brüder und 164 Schwestern gibt? Sollen wir sie wirklich beruhigt von der Kirche wegtreiben lassen? Ich denke zum Beispiel an die 491 Priester. Das Geflecht ihrer Motivationen können wir nicht kennen. Aber ich denke, daß sie sich nicht für das Priestertum entschieden hätten, wenn nicht neben manchem Schiefen oder Kranken die Liebe zu Christus da gewesen wäre und der Wille, ihn und mit ihm den lebendigen Gott zu verkünden. Sollen wir sie einfach als Vertreter einer radikalen Randgruppe aus der Suche nach Versöhnung und Einheit ausschalten? Was wird dann werden?
Gewiß, wir haben seit langem und wieder beim gegebenen Anlaß viele Mißtöne von Vertretern dieser Gemeinschaft gehört - Hochmut und Besserwisserei, Fixierung in Einseitigkeiten hinein usw. Dabei muß ich der Wahrheit wegen anfügen, daß ich auch eine Reihe bewegender Zeugnisse der Dankbarkeit empfangen habe, in denen eine Öffnung der Herzen spürbar wurde. Aber sollte die Großkirche nicht auch großmütig sein können im Wissen um den langen Atem, den sie hat; im Wissen um die Verheißung, die ihr gegeben ist? Sollten wir nicht wie rechte Erzieher manches Ungute auch überhören können und ruhig aus der Enge herauszuführen uns mühen? Und müssen wir nicht zugeben, daß auch aus kirchlichen Kreisen Mißtönendes gekommen ist? Manchmal hat man den Eindruck, daß unsere Gesellschaft wenigstens eine Gruppe benötigt, der gegenüber es keine Toleranz zu geben braucht; auf die man ruhig mit Haß losgehen darf Und wer sie anzurühren wagte - in diesem Fall der Papst -, ging auch selber des Rechts auf Toleranz verlustig und durfte ohne Scheu und Zurückhaltung ebenfalls mit Haß bedacht werden.
Liebe Mitbrüder, in den Tagen, in denen mir in den Sinn kam, diesen Brief zu schreiben, ergab es sich zufällig, daß ich im Priesterseminar zu Rom die Stelle aus Gal 5, 13 - 15 auslegen und kommentieren mußte. Ich war überrascht, wie direkt sie von der Gegenwart dieser Stunde redet: „Nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe! Das ganze Gesetz wird in dem einen Wort zusammengefaßt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Wenn ihr einander beißt und zerreißt, dann gebt acht, daß ihr euch nicht gegenseitig umbringt.“ Ich war immer geneigt, diesen Satz als eine der rhetorischen Übertreibungen anzusehen, die es gelegentlich beim heiligen Paulus gibt. In gewisser Hinsicht mag er dies auch sein. Aber leider gibt es das „Beißen und Zerreißen“ auch heute in der Kirche als Ausdruck einer schlecht verstandenen Freiheit. Ist es verwunderlich, daß wir auch nicht besser sind als die Galater? Daß uns mindestens die gleichen Versuchungen bedrohen? Daß wir den rechten Gebrauch der Freiheit immer neu lernen müssen? Und daß wir immer neu die oberste Priorität lernen müssen: die Liebe? An dem Tag, an dem ich darüber im Priesterseminar zu reden hatte, wurde in Rom das Fest der Madonna della Fiducia unserer Lieben Frau vom Vertrauen - begangen. In der Tat - Maria lehrt uns das Vertrauen. Sie führt uns zum Sohn, dem wir alle vertrauen dürfen. Er wird uns leiten - auch in turbulenten Zeiten. So möchte ich am Schluß all den vielen Bischöfen von Herzen danken, die mir in dieser Zeit bewegende Zeichen des Vertrauens und der Zuneigung, vor allem aber ihr Gebet geschenkt haben. Dieser Dank gilt auch allen Gläubigen, die mir in dieser Zeit ihre unveränderte Treue zum Nachfolger des heiligen Petrus bezeugt haben. Der Herr behüte uns alle und führe uns auf den Weg des Friedens. Das ist ein Wunsch, der spontan aus meinem Herzen aufsteigt, gerade jetzt zu Beginn der Fastenzeit, einer liturgischen Zeit, die der inneren Läuterung besonders förderlich ist und die uns alle einlädt, mit neuer Hoffnung auf das leuchtende Ziel des Osterfestes zu schauen.
Mit einem besonderen Apostolischen Segen verbleibe ich
im Herrn Euer
- Datum 13.03.2009 - 17:51 Uhr
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Der Papst-Brief ist in der gesamten Kirchengeschichte ein einzigartiges Dokument. Noch nie hat ein Papst in einem offenen Brief so persönlich, so offen und so unprätentiöss geschreiben.
Die Fakten zur Exkommunikation sind ncht neu, aber dass ein Papst so offen "Pannen" zugibt, das ist neu. Er bedauert die genachten Fehler, er kündigt Verbesserungen in der Arbeitsweise der Römischen Kurie an. Damit kann man zufrieden sein: Die Kritik der letzen Wochen ist ncht ohne Wirkunggeblieben. Der Papst schreibt selbst, er habe gelernt. Auch das hat man von einem Pontifex Romanus vorher noch nie so offen gelesen.
Dann erläutert er noch einmal die genauen Gründe für die Aufhebung derExkommunikation der vier Bischöfe der Piusbruderscahft. Es sei ihm dabei einzig und allein um Versöhnung gegangen.
Das alles ist wirklch anerkennenswert und ein wichtiger Schritt zur Entspannung und in die richtige Richtung. - Aber ist das schon genug? Die angekündigte Kurienreform ist richtig und wichtig, aber kaum mehr als eine "Sofortmaßnahme am Unfallort". Wichtig wäre es, die Bischofskonferenzen besser in die Beratungsprozesse in Rom einzubeziehen, wie es die deutschen Bischöfe vergangegne Woche gefordert hatten.
Der Papst bekennt auch offen seine Verletzungen über die massive Kritik der vergangenen Wochen, man habe auf ihn eingeschlagen. Man kann nicht umhin, hier Mitgefühl zu spüren. Hier erlebt der gelehrte Theologe Joseph Ratzinger in aller Schärfe, dass er nicht nur Intellektueller erster Güte ist, sondern zugleich das in der Weltffentlichkeit agierende Oberhaupt von 1,1 Milliarden Katholiken. Damit ist er ebenso öffentlicher Kritik ausgesetzt wie der US-Präsident oder die deutsche Bundeskanzlerin. Man muss nciht jede Medienschelte gut finen, aber man muss erwarten können, dass der Souverän des Vatikanstaates etwas souveräner mit solcher Kritik umgeht.
Kritik übt Benedikt auch an den Kritikern aus den eigenen Reihen, die es hätten besser wissen müssen, wie er meint. Da ist sein gutes Recht. Aber gibt es da nciht K´lhügeres? Jahrzehnte lang haben er und andere Kardinäle in Rom sich mit der Piusbruderschaft beschäftigt, sie im Vatikan bzw. in Castel Gandolfo empfangen. Wann gab es eine solche Geste aber gegenüber Befreiungstheologen wie Leonardo Boff oder Jon Sobrino, der noch heute mit einem Schweigegebot belegt ist? Warum nicht auch gerade mit der aufmüpfigen, reformerischen Bewegung "Wir sind Kirche"? Der heutige Papst hat 1962 als junger Theologie-Professor und als Berater des Kölner Kardinals Frings am Konzil teilgenommen. Die erste große Rede von Frings auf dem Konzil hat all das über den Haufen geworfen, was die vatikansiche Bürokratie "zum Durchwinken" vorbereitet hatte. Erst dann gab es das wirklche Konzil mit Diskussionen, mit Ringen und jeden einzelnen Satz, um jede einzelne Reform. Diese Dialogbereitschaft hat die Kirche aus der Erstarrung der vergangenen Jahrhunderte heraus- und in die Moderne geführt. Die Kirche ist auf dem Konzil bei den Menschen von heute angekommen. Warum verschließt sich Ratzinger, nun als Papst, diesem fruchtbaren Dialog mit allen in der Kirche? Wrum gibt es so viele Ja-Sager und Leute wie den Regensburger Bischof Müller, die eine Papstrede schon bejubeln, bevor sie überhaupt gehalten ist? warum gibtes ncht mehr die kritische Auseinandersetzung die erst Kreativität und Ideen freisetzt und die Kirche nach vorn bringen würde?
Die Geste der Versöhnung ist "geistlich" richtig. Aber sie ist dennoch ncht angemessen gegenüber der jahrzehntelangen Verweigerung der Piusbruderschaft mit ihren Schmähungen, die Päpste heute seien "Neo-Modernisten", "öffentliche Sünder" und "Häretiker". So etwas darf man schon aus Gründen der Selbstachtung nicht durchgehen lassen. 16 von 16 jungen Erwachsenen mit denen ich heute ausführlich und differenziert über die gesamte Angelegenheit diskutiert hatte, fanden, der Papst mache sich und die Kirche damit unglaubwürdig. Der Papst muss auf solche Kritik nicht nur klagend reagieren, sondern sich auch inhaltlich mit ihr auseinander setzen. Die 16 Diskussionsteilnehmer sind nicht "böse", sie hassen den Papst keineswegs - aber sie haben ein ausgeprägtes, nicht korrumpiertes Gefühl für Gerechtigkeit.
Der für seine Weisheit berühmte König Salomo betete zu Gott um ein "hörendes Herz" (1 Kön 3, 9). Das wünsche ich auch dem Papst.
Wenn ein Papst etwas für jeden Normalbürger selbstverständliches tut. nämlich Fehler einzugestehen und sich dafür zu entschuldigen, geraten einige geradezu aus dem Häuschen und finden dies ein "einzigartiges Dokument" Aber wenn "ein Intellektueller erster Güte" dies tut, muss man dies wohl überschwänglichst feiern. Der Philosoph und führende deutsche Vertreter des kritischen Rationalismus, Prof. Hans Albert hat sich eingehend mit Ratzingers Intellekt anhand seiner Veröffentlichungen und Reden auseinandergesetzt. Sein Fazit: "Beschränkungen des Vernunftgebrauchs im Dienste des Glaubens" So sind sie halt, die Intellektuellen erster Güte im Katholizismus.
Rüdiger Sebastian
97084 Würzburg
Mag der Brief des Papstes vom gestrigen Tage auch noch so "historisch" eingeschätzt werden - die vom Papst ausgesprühten Krokodilstränen kann ich nicht ertragen ( er trägt doch selber die Schuld an der Misere - es sind doch nicht die bösen Kritiker!!!) und sein exorbitantes Selbstmitleid empfinde ich als unerträglich. Er allein und seine ihm unterstellten Behörden tragen die einzige und ausschließliche Verantwortung. Wenn der Papst sich als "Opfer" stilisiert, so verwechselt er ganz schlicht und einfach Ursache und Wirkung! So simpel ist die Analyse - und so schlimm zugleich!
Der Papst muss sich die Frage gefallen lassen, warum er der Piusbruderschaft – ohne im Vorfeld die Anerkennung alle Beschlüsse des 2. Vatikanums gefordert zu haben – über einen derartigen langen Zeitraum eine mediale Spielwiese geboten hat, die zum jetzigen Zeitpunkt in Frankreich – aber auch bei vielen anderen Katholiken (vor allem in deutschsprachigen Ländern) – zu Enttäuschungen, Wutausbrüchen und Kirchenaustritten geführt hat. Eine Handreichung gegenüber der Piusbruderschaft ohne feste und kontrollierbare Verabredungen bleibt ein „gravierender Amtsfehler“ (Peter Hünermann) dieses Papstes. Da er diese Situation selbst zu verantworten hat, sollte er sich im Nachhinein die beleidigten Krokodilstränen hinsichtlich einer zu massiven Kritik von engagierten Christen ersparen – der vom Papst angerichtete „Kollateralschaden“ ist nicht nur in Frankreich mit einem lodernden Feuer zu vergleichen. Ohne ein massives Auftreten vieler Bischöfe, kirchlicher Verbände, Tausender Basischristen ( 37 000 Unterschriften wurden der deutschen Bischofskonferenz überreicht) – und nicht zuletzt der Unzählbaren, die diese Kirche verlassen haben, hätte der Papst sich wohl nicht zu diesem für vatikanische Verhältnisse ungewöhnlichen Schritt entschlossen.
Dass der Papst nun per Brief die von ihm zu verantwortenden vatikanischen Pannen einräumt, mag als „historisch“ bewertet werden – dahinter steht jedoch sein Eingeständnis, dass er die nicht enden wollenden Proteste von Bischöfen, katholischen Verbänden und Basischristen – und die bereits unzähligen Kirchenaustritte – nicht wortlos hat „aussitzen“ können.
Der Papst stellt Fragen wie die folgenden: „Kann uns eine Gemeinschaft ganz gleichgültig sein, in der es 491 Priester, 215 Seminaristen, 6 Seminare, 88 Schulen, 2 Universitäts-Institute, 117 Brüder und 164 Schwestern gibt? Sollen wir sie wirklich beruhigt von der Kirche wegtreiben lassen? Ich denke zum Beispiel an die 491 Priester. Das Geflecht ihrer Motivationen können wir nicht kennen.“
Meine Antwort ist eindeutig: Eine Gemeinschaft, …
• die den Kampf gegen jede Form von Modernismus, Liberalismus und Demokratie auf ihre Fahnen schreibt und die jeder geweihten Person ein verpflichtendes Credo – als Eid zu schwören – von Papst Pius X. aus dem Jahre 1910 („Antimodernisteneid“) abverlangt
• die Religionsfreiheit, Gewissensfreiheit und Meinungsfreiheit als menschliche Irrwege der Aufklärung und Französischen Revolution und somit als Teufelswerk verdammt - eine solche Gemeinschaft, die auf eine pathologische Weise antimodernistisch - und antisemitisch eingestellt ist,
darf in der katholischen Kirche keinen Platz haben! – ohne Wenn und Aber!
Wenn der Papst in seinem Brief fragt : „Aber sollte die Großkirche nicht auch großmütig sein können im Wissen um den langen Atem, den sie hat; im Wissen um die Verheißung, die ihr gegeben ist? Sollten wir nicht wie rechte Erzieher manches Ungute auch überhören können und ruhig aus der Enge herauszuführen uns mühen?“, möchte ich diese Fragen mit einer Gegenfrage beantworten: Wann erfahren die wiederverheiratet Geschiedenen, die am Zölibat gescheiterten Priester, die in konfessionsverschiedenen Ehen lebenden Eheleute die Großmütigkeit und Großherzigkeit des Papstes? Wann erfahren Bischof Jacques Gaillot, die Theologen Gotthold Hasenhüttl und Hans Küng, wann erfahren die Priesterinnen, wann erfahren Leonardo Boff, Jon Sobrino, ja die Befreiungstheologen insgesamt Rehabilitation gemäß der jetzt vom Papst ausgegebenen Devise: Barmherzigkeit statt Strafe?
Die theologisch und kirchenrechtlich exzellente Schichtenanalyse von P. Hünermann ist in der Tat eine geniale Leistung. Zwei Fragen habe ich an ihn: Bleibt er mit seinem Urteil "Amtsfehler" nicht doch um 5 vor 12 stehen ohne den letzten - freilich noch gravierenderen - Schluss zu ziehen? Can. 1347 § 2 CIC ist schlicht nicht beachtet worden, weil keine Reue vorlag. Das haben Fellay (Brief vom 24.01. und Interview vom 05.02. (und der Papst insofern bestätigt als beide von einer einseitigen Tat sprechen. Reue lag also nciht vor. Damit war keine Grundlage für die Aufhebung der Exkommunikation vorhanden. Es legt sich - leider! - näher, von "Rechtsbeugung" zu sprechen. Das sit eine These, mehr nicht. Möge sie der Hl. Stuhl widerlegen!
Hünermann tendiert zu einer längeren Zeit der Aufarbeitung. - Kard. Lehmann sprach von einem "Katz-und-Maus-Spiel" der Piusbruderschaft. - Meine Überzeugung: das "Katz-und-Maus-Spiel" der Piusbruderschaft muss ein Ende haben! Der Papst und die Kirche verleiren ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie sich länger von dieser schismatischen Gruppierung die Spielregeln (erst Trid. Messe, dann Aufheb. der Exkomm., dann Gespräche) diktieren lassen. Wenn der Papst nicht die gestaltende Kraft in diesem Spiel wird, dann verspielt er sich auch innerkirchlich den Respekt - der wiederum nötig ist, um seine Aufgabe zu erfüllen.
Mein Lösungsvorschlag: Verurteilung der Lehre (!) der Piusbruderschaft bei gleichzeitigem Rückkehrangebot an ihre Mitglieder (!) - mit klaren Bedingungen und Fristen, ohne Automatismus, sondern als Bewährung. Dann sind für beide Seiten die Grenzlinien klar.
Ja, dass Jon Sobrino SJ z. Zt. mit einer Schweigestrafe belegt ist, kann ich beim besten Willen nicht nachvolziehen. - Und wie der Regensburger Bischof Müller mit den drei Theologie-Professoren der dortigen Uni umgegangen ist, stellt schlicht eine Hexenjagd im 21. Jahrhundert dar - mit Wissen und Duldung Roms ...
Die theologisch und kirchenrechtlich exzellente Schichtenanalyse von P. Hünermann ist in der Tat eine geniale Leistung. Zwei Fragen habe ich an ihn: Bleibt er mit seinem Urteil "Amtsfehler" nicht doch um 5 vor 12 stehen ohne den letzten - freilich noch gravierenderen - Schluss zu ziehen? Can. 1347 § 2 CIC ist schlicht nicht beachtet worden, weil keine Reue vorlag. Das haben Fellay (Brief vom 24.01. und Interview vom 05.02. (und der Papst insofern bestätigt als beide von einer einseitigen Tat sprechen. Reue lag also nciht vor. Damit war keine Grundlage für die Aufhebung der Exkommunikation vorhanden. Es legt sich - leider! - näher, von "Rechtsbeugung" zu sprechen. Das sit eine These, mehr nicht. Möge sie der Hl. Stuhl widerlegen!
Hünermann tendiert zu einer längeren Zeit der Aufarbeitung. - Kard. Lehmann sprach von einem "Katz-und-Maus-Spiel" der Piusbruderschaft. - Meine Überzeugung: das "Katz-und-Maus-Spiel" der Piusbruderschaft muss ein Ende haben! Der Papst und die Kirche verleiren ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie sich länger von dieser schismatischen Gruppierung die Spielregeln (erst Trid. Messe, dann Aufheb. der Exkomm., dann Gespräche) diktieren lassen. Wenn der Papst nicht die gestaltende Kraft in diesem Spiel wird, dann verspielt er sich auch innerkirchlich den Respekt - der wiederum nötig ist, um seine Aufgabe zu erfüllen.
Mein Lösungsvorschlag: Verurteilung der Lehre (!) der Piusbruderschaft bei gleichzeitigem Rückkehrangebot an ihre Mitglieder (!) - mit klaren Bedingungen und Fristen, ohne Automatismus, sondern als Bewährung. Dann sind für beide Seiten die Grenzlinien klar.
Ja, dass Jon Sobrino SJ z. Zt. mit einer Schweigestrafe belegt ist, kann ich beim besten Willen nicht nachvolziehen. - Und wie der Regensburger Bischof Müller mit den drei Theologie-Professoren der dortigen Uni umgegangen ist, stellt schlicht eine Hexenjagd im 21. Jahrhundert dar - mit Wissen und Duldung Roms ...
Die theologisch und kirchenrechtlich exzellente Schichtenanalyse von P. Hünermann ist in der Tat eine geniale Leistung. Zwei Fragen habe ich an ihn: Bleibt er mit seinem Urteil "Amtsfehler" nicht doch um 5 vor 12 stehen ohne den letzten - freilich noch gravierenderen - Schluss zu ziehen? Can. 1347 § 2 CIC ist schlicht nicht beachtet worden, weil keine Reue vorlag. Das haben Fellay (Brief vom 24.01. und Interview vom 05.02. (und der Papst insofern bestätigt als beide von einer einseitigen Tat sprechen. Reue lag also nciht vor. Damit war keine Grundlage für die Aufhebung der Exkommunikation vorhanden. Es legt sich - leider! - näher, von "Rechtsbeugung" zu sprechen. Das sit eine These, mehr nicht. Möge sie der Hl. Stuhl widerlegen!
Hünermann tendiert zu einer längeren Zeit der Aufarbeitung. - Kard. Lehmann sprach von einem "Katz-und-Maus-Spiel" der Piusbruderschaft. - Meine Überzeugung: das "Katz-und-Maus-Spiel" der Piusbruderschaft muss ein Ende haben! Der Papst und die Kirche verleiren ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie sich länger von dieser schismatischen Gruppierung die Spielregeln (erst Trid. Messe, dann Aufheb. der Exkomm., dann Gespräche) diktieren lassen. Wenn der Papst nicht die gestaltende Kraft in diesem Spiel wird, dann verspielt er sich auch innerkirchlich den Respekt - der wiederum nötig ist, um seine Aufgabe zu erfüllen.
Mein Lösungsvorschlag: Verurteilung der Lehre (!) der Piusbruderschaft bei gleichzeitigem Rückkehrangebot an ihre Mitglieder (!) - mit klaren Bedingungen und Fristen, ohne Automatismus, sondern als Bewährung. Dann sind für beide Seiten die Grenzlinien klar.
Ja, dass Jon Sobrino SJ z. Zt. mit einer Schweigestrafe belegt ist, kann ich beim besten Willen nicht nachvolziehen. - Und wie der Regensburger Bischof Müller mit den drei Theologie-Professoren der dortigen Uni umgegangen ist, stellt schlicht eine Hexenjagd im 21. Jahrhundert dar - mit Wissen und Duldung Roms ...
allein schon sprachlich sehr schön ausbalanciert.
Dass man da überhaupt noch so unbekümmert drauflosplappern möchte, ist doch peinlich.
Sich zu kanonisieren hat auch die Bruderschaft Pius' X. ausschließlich selbst zu leisten. Erbringt sie diese Leistung nicht, verharrt sie darin, Ämter auch künftig nicht rechtmäßig zu bekleiden. Es liegt somit in ihren Händen, sich zu entscheiden, eine stets unhaltbare Gleichzeitigkeit des Drinnen und Draußen entweder zugunsten des einen oder anderen ausfallen zu lassen.
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