Deutsch-polnische Beziehungen Liebeserklärung an Polen
Unsere Beziehung war nicht immer einfach. Dennoch sind Polen und ich seit fünf Jahren ein Paar

© Hannah Wadle
Ein beliebter Strandspazierweg auf Usedom führt durch den bis vor Kurzem streng bewachten deutsch-polnischen Grenzstreifen
Zum ersten Mal sind wir uns 2004 begegnet, kurz bevor Polen am 1. Mai der EU beitrat. Ich gebe zu, wir wurden eher verkuppelt. Nach dem Abitur wollte ich eigentlich einen Freiwilligendienst in Frankreich, Italien oder Spanien machen. Stattdessen landete ich ein bisschen weiter östlich.
Mit meinem alten Golf fuhr ich in Frankfurt über die Oder, zeigte meinen Pass vor, dann war ich plötzlich in Słubice. Es war sonnig, aber ich fühlte mich, als stünde ich das erste Mal auf Skiern und müsste die schwarze Piste hinunterwedeln. Ich verstand die Regeln nicht, die hier herrschten, ganz zu schweigen von der Technik, mit der man sie ausführen musste. Diese zischende, sich windende Sprache, das dreispurige Fahren auf zweispurigen Straßen, die Kunst, bei überbordender Gastfreundschaft auch einmal etwas abzulehnen. Da ging es mir vielleicht ein bisschen so wie Polen bei seinen ersten Schritten im Dschungel der EU-Gesetze.
Die Unsicherheiten verflogen schnell und wurden abgelöst von Euphorie und Entdeckungslust. Ich spielte am Lagerfeuer "Gdybym miał gitary" ("Wenn ich eine Gitarre hätte"), trank Bier mit Himbeersirup und Strohhalm, diskutierte mit jungen Gewerkschaftern der NZZ Solidarność bis in die Morgenstunden, tanzte nachts zu bekannten polnischen Bands wie Brathanki oder Dżem und brauste tagsüber furchtlos an den sogenannten Fiat Polskis vorbei. Ich fühlte mich leichtfüßig und ganz zu Hause.
Wie einfach wäre es gewesen, damals, Kopf und Herz voll schöner Erinnerungen, Polen den Rücken zuzuwenden und für immer zu gehen, bevor unsere Beziehung kompliziert wurde. Bevor Lech Kaczynski zum Präsident Polens gewählt wurde und bevor es zwischen polnischen und deutschen Fußballfans nach dem siegreichen WM-Tor von Oliver Neuville zu Handgreiflichkeiten kam.
Aber es kam anders. Und wieder war es Schicksal. Eine E-Mail des Erasmusbüros erreichte mich nicht, und so kam ich zweieinhalb Jahre später statt nach Guadeloupe wieder nach Polen. In Poznań (ehem. Posen) mit seiner halben Million Einwohner erkannte ich das Land kaum wieder. Nicht nur, dass sich die Stadt verwandelt hatte: Es gab jetzt Fahrradwege, moderne Straßenbahnen, vegetarische Restaurants, neue Einkaufszentren, eine elegante Fußgängerzone. Auch die polnische Politik hatte sich bedrohlich schnell verändert: Die Kaczynski-Regierung waltete streng über "Recht und Ordnung" im Land und eröffnete den Kampf gegen Homosexualität und liberale Lebensführung.
Auf dem Platz der Freiheit demonstrierten junge Polinnen und Polen unter Regenbogen-Bannern für die Rechte von Homosexuellen, während mindestens doppelt so viele Polizisten damit beschäftigt waren, sie einzuschüchtern. Wenige Zeit später sammelten sich auf eben diesem Platz eine Menge aufgebrachter Friedensaktivisten, die gegen die Stationierung des US-Raketenabwehrsystems in Polen auf die Straße gingen. Auch ich hatte damals plötzlich ein Schild in den Händen mit der Aufschrift: "Wir wollen nicht die Zielscheibe der USA sein."
- Datum 19.03.2009 - 09:50 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Schade nur, daß die Autorin den Präsidenten mit dem Premierminister verwechselt......
Sie haben völlig Recht - wir haben den Fehler berichtigt.
Redaktion ZEIT ONLINE
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren