Web 2.0 "Liebe Presse, ich weiß nichts"
Können StudiVZ, Facebook, Blogs und Twitter zu seriösen Quellen für Journalisten werden? Der Amoklauf von Winnenden zeigt, dass diese Dienste nicht verlässlich sind
110 Zeichen haben die Twitter-Nutzerin "Tontaube" berühmt gemacht. "ACHTUNG: In der Realschule Winnenden gab es heute einen Amoklauf, Täter angeblich flüchtig - besser nicht in die Stadt kommen!!!!", warnt die junge Frau, die anonym bleiben will, Minuten nach dem Amoklauf. Dem Bayerischen Rundfunk verrät sie später in einem Interview, dass CNN angefragt hat. Viele Journalisten bitten sie um Rückruf und antworten auf ihre Twitter-Einträge.
Im Netz nach frischen, exklusiven Informationen über den Täter zu suchen, liegt nahe. Welcher 17-Jährige hat kein Profil bei SchülerVZ oder Facebook? "Suche verwertbares Bildmaterial", schreibt ein Journalist in ein Forum auf Facebook. Er war nicht der Erste: Der US-Nachrichtensender CNN rief als Erstes, kurz nach dem Amoklauf, via Facebook zur Einsendung von Bildern und Handy-Videos auf. Dem Beispiel folgen Zeitungen, Magazine, Radio- und Fernsehsender aus Deutschland, Belgien, Kroatien, Großbritannien und Trinidad und Tobago.
Tatsächlich gibt es im Netz nur wenig zutreffende Informationen über Tim K. Vieles, was kursiert, sind Mutmaßungen oder Halbwahrheiten, oder schlicht falsch. Beliebige Internetnutzer mit dem Namen Tim K. werden an den digitalen Pranger gestellt, bisweilen übernehmen Medien die Infos.
Was findet sich im Netz über Tim K.? Beim TSV Leutenbach hat er Tischtennis gespielt. Auf einem Foto vom Juli 2008 ist er bei einer Abschlussfeier der Albertville-Realschule zu sehen. Es ist das Foto, das Nachrichtensender nutzen. Es zeigt eine herausgeputzte Jahrgangsstufe, die auf einer Bühne steht. Darunter stehen Namen, auch der von Tim K. Ein Nachrichtensender schwenkt mit der Kamera über das verpixelte Foto und kommentiert: "Das Bild zeigt Tim K., aber wir wissen nicht, wer er ist".
Ein Link zu einem weiteren angeblichen Foto von Tim K. kursiert bei Twitter. Es zeigt einen Mann mit schwarzen, hochgestylten Haaren. "Das ist er", ist sich ein Nutzer sicher. Doch das Foto zeigt einen Schüler einer Berufsschule aus Bremen. Auch in der StudiVZ-Gruppe "Albertville Realschule Winnenden" kursiert dieses Bild. Dazu weitere Links zu Bildern. Unterdessen hat eine italienische Webseite bereits ein Foto eines jungen, blonden Schülers veröffentlicht, der auf einem Siegertreppchen steht. Es zeigt Tim K. nach einem Tischtennisturnier. Auch ZEIT ONLINE hat dieses Bild veröffentlicht.
- Datum 18.03.2009 - 22:14 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 24
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Oh Gott, wie peinlich. Hab ihr wirklich nötig euch auch noch selbst das Wasser abzugraben. Wieviele euerer Autoren haben selbst ein Blog, twittern und sind auf Plattformen wie Facebook, Xing, Myspace, Flickr usw.
Selbst die Medienwissenschaften sagen das Journalismus heute nicht mehr ohne diese Informationskanäle überleben kann. Unzuverlässig? Vergleicht mal die Zahl der Toten auf den deutschen Medienseiten im Fall Winnenden, da seht ihr was unzuverlässig bedeutet.
So wie eine Viehlzahl an Journalisten inzwischen publiziert, ist die Sache mit seriösen Quellen doch nicht mehr wichtig. Auch hier in diesem Blatt. Man kehre als erstes vor der eigenen Tür.
Alle Informationen sind erst einmal unsicher. Das gilt für das Netz genau wie für die Realität. Wer einmal Zeugenaussagen erlebt hat, weiß, daß Menschen Erinnerungen konstruieren. Unser Gehirn funktioniert nun mal so.
Warum werden also die gleichen Maßstäbe nicht an das Netz angelegt? Es ist die Aufgabe von guten Journalisten, ihre Quellen und die Informationen zu verifizieren.
Übrigens hat Tim K. seine Tat nicht angekündigt!
Also wenn im Zusammenhang mit dem Amoklauf und Twitter etwas bemerkenswert ist, dann jawohl der moralische Totalausfall der Presse beim Umgang mit diesem Medium; und zwar nicht als Quelle sondern als Kanal.
http://www.stefan-niggeme...
--
der geist in der maschine
Es ist einfach fürchterlich! Da hat ein junger Mensch aus Verzeiflung (Depression, Minderwertigkeitsgefühle) ein schlimmes Verbrechen (Amoklauf in Winnenden mit 16 Toten) begangen und alle Welt sucht nach "Material", das über den Täter veröffentlicht werden kann. Leider hat Tim K. sich selbst hingerichtet, sonst würde er - im Sinne unserer unstillbaren Sensationsgier - seine "Mörder-Memoiren" schreiben und gegen teures Geld verkaufen. Aber vielleicht wird dies sein Vater, der offensichtlich ein unbelehrbarer Waffennarr war und seinem Sohn das Schießen beigebracht hat, in Memoriam dies für diesen erledigen. Es ist fatal: Aber in unserer Medienlandschaft, die von der "Geld- und Sensationsgier" lebt, ist alles möglich! So raubt man unserer Jugend die positiven Vorbilder! Ich weiss wovon ich rede, denn seit mehr als 10 Jahren bemühe ich mich als Hobby-Historiker mehr oder weniger erfolglos um das Ansehen des weltbekannten Judenretters OSKAR SCHINDLER in meiner Heimatstadt HILDESHEIM (er hat hier seine letzten Lebensjahre unter Freunden verbracht und ist im hiesigen BERNWARD-Krankenhaus am 9. Oktober 1974 verstorben).
Herzliche Grüsse aus HILDESHEIM!
Klaus Metzger
Ihr sucht seriöse Quellen? Ist es nicht Eure Arbeit, liebe Journalisten, jede Quelle und sogar jede ihrer Aussagen zu prüfen und nicht ohne weitere Kontrolle zu veröffentlichen?
Sucht Ihr tatsächlich jemanden, der Euch die Arbeit abnimmt, sodass Ihr nur noch per "copy and paste" etwas übernehmen müßt, wie die gestrige Nachricht, die sehr schön zeigt, dass die Prüfung und die nötige Zeit dafür wichtiger sind als die schnelle Nachricht, die hier mal wieder keine war und nur zur Blamage aller an ihrer Verbreitung Beteiligten geeignet war.
*
*
*
*
»Was auch immer geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken!«
Erich Kästner
Von einem seriösen Journalisten erwarte ich nicht die schnellste Meldung, sondern die am saubersten recherchierte Meldung. Gerne auch um den Preis, dass es etwas länger dauert. Das nennt man beim normalen Bürger Medienkompetenz. Die gilt natürlich auch für Journalisten. Nämlich zu filtern, was ein sensationsbedingter Schnellschuss und was echte Information ist.
Je mehr Informationsquellen zur Verfügung stehen, desto wichtiger wird diese Medienkompetenz. Und ich will nicht wissen, welchen Muffin ein Journalist auf der Fahrt zum Tatort gegessen hat. Ist nicht wichtig. Auch und gerade nicht, weil es Twitter ist. Dieses grenzdebile Geschnatter nervt und zwar mehr als jeder Blog einer 12jährigen, die täglich über ihre Stofftiere berichtet.
Man schaue sich nur das tägliche Krisengehämmer an, was uns Lesern täglich vor die "Fresse" gehauen wird. Da noch zu filtern, was wirkliche Information ist und was einfach nur nachgeplappert wurde, weil ein angeblicher Experte mal wieder was zu vermelden hatte, würde uns Allen sicher sehr gut tun. Auch in diesem Fall.
Von einem seriösen Journalisten erwarte ich nicht die schnellste Meldung, sondern die am saubersten recherchierte Meldung. Gerne auch um den Preis, dass es etwas länger dauert. Das nennt man beim normalen Bürger Medienkompetenz. Die gilt natürlich auch für Journalisten. Nämlich zu filtern, was ein sensationsbedingter Schnellschuss und was echte Information ist.
Je mehr Informationsquellen zur Verfügung stehen, desto wichtiger wird diese Medienkompetenz. Und ich will nicht wissen, welchen Muffin ein Journalist auf der Fahrt zum Tatort gegessen hat. Ist nicht wichtig. Auch und gerade nicht, weil es Twitter ist. Dieses grenzdebile Geschnatter nervt und zwar mehr als jeder Blog einer 12jährigen, die täglich über ihre Stofftiere berichtet.
Man schaue sich nur das tägliche Krisengehämmer an, was uns Lesern täglich vor die "Fresse" gehauen wird. Da noch zu filtern, was wirkliche Information ist und was einfach nur nachgeplappert wurde, weil ein angeblicher Experte mal wieder was zu vermelden hatte, würde uns Allen sicher sehr gut tun. Auch in diesem Fall.
Von einem seriösen Journalisten erwarte ich nicht die schnellste Meldung, sondern die am saubersten recherchierte Meldung. Gerne auch um den Preis, dass es etwas länger dauert. Das nennt man beim normalen Bürger Medienkompetenz. Die gilt natürlich auch für Journalisten. Nämlich zu filtern, was ein sensationsbedingter Schnellschuss und was echte Information ist.
Je mehr Informationsquellen zur Verfügung stehen, desto wichtiger wird diese Medienkompetenz. Und ich will nicht wissen, welchen Muffin ein Journalist auf der Fahrt zum Tatort gegessen hat. Ist nicht wichtig. Auch und gerade nicht, weil es Twitter ist. Dieses grenzdebile Geschnatter nervt und zwar mehr als jeder Blog einer 12jährigen, die täglich über ihre Stofftiere berichtet.
Man schaue sich nur das tägliche Krisengehämmer an, was uns Lesern täglich vor die "Fresse" gehauen wird. Da noch zu filtern, was wirkliche Information ist und was einfach nur nachgeplappert wurde, weil ein angeblicher Experte mal wieder was zu vermelden hatte, würde uns Allen sicher sehr gut tun. Auch in diesem Fall.
TiSe
Was wird sich aufgeregt, Journalisten haben schon immer Kontakte genutzt um an bestimmte Informationen zu kommen, natürlich auch da kann immer eine Falschmeldung dabei sein. Dass jetzt soziale Internet-Netzwerke genutzt werden, ist ganz lustig, und plötzlich stößt man auch auf die verflixte Anonymität im Netz. Im Internet kann jeder alles reinstellen ohne erkannt zu werden, Menschen mit Sensationslust verschicken falsche Informationen, um den Spaß zu haben, dass diese sogar abgedruckt wird. Selbst auf Foren der ZEIT-Seiten werden Kommentatoren oft persönlich gegen andere Kommentatoren und verstecken sich hinter Pseudonymen. Was erwartet man vom Internet? Es ist doch grundlegend einfach nur schnell und liefert schnelle Informationen. Für mich gibt es noch kein Web 2.0, das aufkommen von sozialen Netzwerkplattformen ist eher ein Web 1.5, da auch nur die schnelle und reichhaltige Informationsansammlung persönlicher Daten ermöglicht und sich kaum vom eigentlichen Web unterschiedet.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren