Mahnwache Winnenden Stille Trauer im Regen
Der Amoklauf von Winnenden schweißt die Bewohner des Städtchens zusammen. Vor der Albertville-Realschule haben sich Hunderte Menschen versammelt

© Alex Grimm/Getty Images
Winnenden: Schüler trauern vor der Albertville-Realschule
Selbst Regen treibt die Schüler und Eltern, die sich seit den frühen Morgenstunden vor der Albertville-Realschule versammelt haben, nicht zum Gehen an. Sie stehen da, werden nass und blicken auf das Meer von Kerzen, Engelsfiguren und beschriebenen Zetteln, deren Buchstaben sich allmählich auflösen. Manche gehen einfach nur auf und ab, als wüssten sie nicht, was sie sonst machen sollten am Tag eins nach der Katastrophe, die immer noch niemand fassen, niemand begreifen kann. Über der Szenerie liegt eine Stille, die keiner zu durchbrechen wagt.
"Dieser Tag war der schlimmste in unserem Leben", haben Irini und Claudia auf ein großes Blatt Papier geschrieben, das neben vielen anderen Botschaften auf den steinernen Begrenzungsmauern vor dem Schulkomplex liegt. "Wir vermissen euch!", bekennen andere Schüler in Schriftform. Auch Schüler aus Nachbarorten kondolieren auf ihre eigene, aber immer mitfühlende Weise.
Wer das alles nicht mehr aushalten kann, wer ein Gespräch braucht, findet es in der Hermann-Schwab-Halle neben der Albertville-Schule, die von der Polizei auf unbestimmte Zeit geschlossen wurde, weil sie nun ein Tatort ist. Vor der Halle hängen die Deutschlandfahne und eine Flagge mit dem Stadtwappen von Winnenden auf Halbmast. Im Innern reden Lehrer, Seelsorger und Psychologen mit allen Schülern, die das wollen. Polizisten schirmen die Hilfsbedürftigen von ungezählten Kameraobjektiven von Journalisten ab. Im Vergleich zu gestern scheinen sie noch zahlreicher geworden zu sein. Sogar der US-Sender CNN ist live auf Sendung, schon seit dem frühen Morgen.
Nadine war kurz bei den Psychologen, zog es dann aber vor, mit ihren Freundinnen Julia und Tamara wieder auf der Straße umherzugehen. Die Mädchen, die die fünfte und sechste Klasse der Albertville-Realschule besuchen, warten, bis ihnen gesagt wird, wann und wo der Unterricht weitergeht. Auch morgen werden sie noch frei haben. Die zuständigen Kultusbehörden bemühen sich noch, in anderen Schulen der Stadt Klassenzimmer freizuschlagen.
Die drei Mädchen haben die Schüsse gehört, die Tim K. gestern um 9.30 Uhr in der Schule abgefeuert hat. Sie kannten einige der Opfer. Angst hat die zwölfjährige Nadine jetzt nicht mehr, sagt sie. "Meine Mutter hat mich getröstet. Sie hat gesagt, so was kommt nur einmal vor." Jetzt sind die Freundinnen vor allem traurig. Im Pulk der Mitschüler bekommen sie dabei das Gefühl, nicht allein zu sein. Manche Eltern gehen den Kameras aus dem Weg, reagieren ungehalten. Sie fühlen sich und ihre Stadt zur Schau gestellt, wähnen sie auf alle Zeit abgestempelt als Ort des Grauens. Alexander Baur, Pressesprecher des Maltester Hilfsdienstes Baden-Württemberg, hat Verständnis für solche Reaktionen. "So ein Schock wird eben auf ganz unterschiedliche Weise verarbeitet."
Im Gasthaus "Schnitzelmeisterei" haben Journalisten aus dem In- und Ausland eine Art improvisiertes Pressezentrum aufgeschlagen. Der Wirt Erich Brecht freut sich über den unerwarteten Umsatz und macht Fotos für die hauseigene Homepage. Gern stellt er den hauseigenen ISDN-Anschluss zur Verfügung - und vermittelt Gespräche mit seiner Servicekraft, die Tim K. vom Jugendtreff im Örtchen Birkmannsweiler kennt. Sie sei immer noch "geschockt", sagt die junge Frau. Tim K. sei eigentlich ein Netter gewesen, auch gegenüber Mädchen.
Im Lauf des Vormittags sickern seitens der ermittelnden Polizei Informationen durch, die das Bild vom netten und adretten jungen Mann, der unerklärlich zum Amokläufer wurde, bröckeln lassen. Auf dem PC des Jugendlichen sollen Killerspiele gefunden, einen großen Teil seiner Freizeit soll er mit Schießübungen am Abzug einer Soft-Air-Pistole verbracht haben.
Was noch kommt? Darauf ist auch der Verkäufer in der Aral-Tankstelle von Winnenden gespannt. Er hat die am Ort erscheinende Winnender Zeitung verschlungen, darin die Details vom Täter und Stimmen aus der Kleinstadt, in der fast jeder jeden kennt. Von dem Blatt kann er nur noch erzählen, zu verkaufen hat er es schon seit sechs Uhr morgens nicht mehr. Die Leute waren wie magisch angezogen vom Titelblatt, das komplett in Tiefschwarz gehalten war, darauf, in weißen Lettern, nur ein einziges Wort: Warum?
- Datum 12.03.2009 - 17:59 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Die erschütternde Tat des jungen Mannes, löst bei mir tiefes Mitgefühl für die Opfer und deren Angehörigen aus. Sowohl die Kleinstadt als auch die Schule sind mir persönlich vertraut. Auf diesem Hintergrund, stellt sich mir die Frage welche Faktoren zu dieser Eskalation geführt haben.
Eine Einwohnerin beklagt in einem Interviewe, das Versagen, der Erwachsenen, das aus ihrer Sicht dazu geführt hat. Es ist gewiss nicht der Zeitpunkt Menschen anzuprangern, aber unerlässlich zu hinterfragen was diese Tat verhindern hätte können.
Ich möchte, zu bedenken geben, dass die viel zitierte Beschaulichkeit und Idylle der Kleinstadt stellvertretend für ein gesellschaftliches Klima steht, das auch andernorts in Deutschland zu finden ist. Es existiert hier kein nennenswerter sozialer Brennpunkt, der allgemeine Wohlstand ist allgegenwärtig und alles nimmt scheinbar seinen geregelten Lauf. Auf den ersten Blick, alles andere als ein Nährboden für Amokläufer. Dennoch ist es passiert. Kann es nicht sein, dass diese von außen betrachtet heile Welt, auch dadurch zustande kommt, weil Menschen, die nicht ins Raster passen und daran leiden, ignoriert oder ausgegrenzt werden? Ging der unbeachtete sozialen Tod des Täters, vielleicht seiner Tat voraus? Ich gehe davon aus, dass dem mit großer Wahrscheinlichkeit so war. Gerade Jugendliche reagieren auf Zurückweisung und Ausgrenzung, sei es in der Familie oder im weiteren zwischenmenschlichen Umfeld besonders sensibel, da sie in dieser Lebensphase ihren gesellschaftlichen Platz suchen. Finden sich auf diesem Hintergrund der sozialen Kälte noch Faktoren, wie entsprechende psychische Dispositionen und biografische Vorkommnisse fragt man sich, wie viele bislang nur deshalb nicht um sich geschossen haben, weil ihnen der Zugang zu Waffen versperrt blieb?
ich selbst bin in dieser Atmosphäre der normierten Rechtschaffenheit aufgewachsen. In der Erwachsene den Rat "sich zusammenzureißen" als höchstes psychologisches Gut weitergaben, wohl auch weil sonst ihr eigenes Idyll ins Wanken geraten wäre. Ich bin dieser heilen Welt in die vermeintlich böse Großstadt entkommen. Hier ist es zwar weniger beschaulich, dafür bietet sie auch jenen, die sich nicht mal eben ins Gesamtbild einfügen lassen, eine gewisse Chance soziale Geborgenheit zu erfahren, Wo viele unterschiedliche Menschen tagtäglich miteinander auskommen müssen, um ihren Alltag zu bewältigen, ist trotz aller Querelen, der kleinste gemeinsame Nenner „Leben und Leben lassen“ . Eine Haltung, die in einem weniger toleranten Umfeld, denen, die nicht konform laufen, in der Regel nicht entgegengebracht wird.
Es gibt keine Rechtfertigung für diese schreckliche Tat, aber Erklärungsversuche sind geboten, um vielleicht eine Wiederholung einer solchen Tragödie entgegenwirken zu können.
Sie haben auf dem Computer des Täters das Betriebssystem Microsoft Windows gefunden!
(Anmerkung: Bitte bleiben Sie im Rahmen des guten Geschmacks. Die Redaktion/jk)
Solcherlei Kommentare sind angesichts der Tragödie, unter der viele Menschen noch lange leiden werden völlig überflüssig und pietätlos, sie zeugen einfach nur von einer dumm-dreisten Geisteshaltung des Autors.
(Anmerkung: Bitte bleiben Sie – trotz allem – sachlich. Die Redaktion/jk)
Solcherlei Kommentare sind angesichts der Tragödie, unter der viele Menschen noch lange leiden werden völlig überflüssig und pietätlos, sie zeugen einfach nur von einer dumm-dreisten Geisteshaltung des Autors.
(Anmerkung: Bitte bleiben Sie – trotz allem – sachlich. Die Redaktion/jk)
Solcherlei Kommentare sind angesichts der Tragödie, unter der viele Menschen noch lange leiden werden völlig überflüssig und pietätlos, sie zeugen einfach nur von einer dumm-dreisten Geisteshaltung des Autors.
(Anmerkung: Bitte bleiben Sie – trotz allem – sachlich. Die Redaktion/jk)
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