ZEIT ONLINE : Herr Welzer, am Montag beginnt in Istanbul das Weltwasserforum. Experten und Politiker diskutieren und entwerfen Szenarien. Momentan reden alle von der Wirtschaftskrise, doch welche Probleme sind mit Wasser verbunden?

Harald Welzer : Die Wüstenbildung schreitet voran, die Versorgung mit Trinkwasser ist in vielen Regionen schwierig, der Meeresspiegel steigt, die Gefahr von Sturmfluten wächst, der Zustand der Ozeane verschlechtert sich und Wasser wird zu einer immer wichtigeren Ressource. Durch die
Klimaerwärmung verschärfen sich viele Wasserprobleme noch.

ZEIT ONLINE : Sind das alles akute Probleme oder Schreckensszenarien in einer fernen Zukunft?

Welzer: Die Politiker in Europa tun gerne so, als ob die Klimaerwärmung und ihre Folgen sekundäre Probleme sind, die später einmal gelöst werden können. Auf der Agenda stehen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise. Die Klimaerwärmung wird in ihrer Dimension immer noch unterschätzt. Doch Sturmfluten und Wasserknappheit – um nur zwei Beispiele zu nennen, die mit Wasser zu tun haben – bedrohen auch Europa. Wenn keine irreparablen Schäden an Naturressourcen entstehen sollen, muss die Politik jetzt handeln.

ZEIT ONLINE : Die Vereinten Nationen haben sich in den Milleniumszielen vorgenommen, den weltweiten Zugang zu sauberem Wasser zu verbessern. Welche Auswirkung hat die Weltwirtschaftskrise auf dieses Ziel?

Welzer : Die Unterstützung der Industrienationen für die Entwicklungsländer wird zusammengestrichen. Für technische und finanzielle Hilfe werden in diesem und im kommenden Jahr deutlich kleinere Etats zur Verfügung stehen. Die Milleniumsziele werden nun noch schwieriger zu erreichen sein, als dies vor der Krise sowieso schon der Fall war. Von der Klimaerwärmung besonders betroffene Staaten werden allein gelassen.