Medien Der Markt verlangt nach SensationSeite 2/2

Professionelle Journalisten machen diesen Hobby-Publizisten vor, wie mit Vorverurteilungen Quote zu machen ist. Weil sie das Primat der schnellen Nachrichtenübermittlung längst an Privatpersonen verloren haben, die mit Kurznachrichten als Erste vor dem Amokläufer warnten, werden Journalisten immer häufiger zu Analysten – und überschreiten auch hier Grenzen. Während einer Live-Schaltung etwa berichtete ein Reporter, die Eltern des Schützen seien vor dem Medienrummel geflüchtet und hätten sich damit unliebsamen Fragen der Journalisten entzogen – als wären Journalisten Dokumentare und Ermittler in Personalunion.

Die Regeln guten Handwerks hätten Journalisten im Fall von Winnenden immer wieder verletzt. Nur, weil der Anspruch, wahrhaftig zu sein und kritisch mit Quellen umzugehen, aufgegeben wurde, trugen Journalisten die vermeintliche Ankündigung des Amokläufers in einem Internet-Forum in die Welt.

"Diese Infopanne zeigt, wie wichtig glaubwürdige Informationen sind. Ich sehe hier die Chance für Journalisten, in Zukunft auch kritischer mit parajournalistischen Quellen umgehen zu können: Eben nicht kommentarlos Handy-Videos zu senden, sondern zu sagen, dass die Quellenlage diffus ist und man sich lieber an zugängliche, vertrauenswürdige Quellen hält.“

Noch bringt das Gegenteil Quote. Online-Artikel mit unwichtigen Details zum Täter erzielen die höchsten Klickraten. Welche Chance hat Qualitätsjournalismus gegen solche Anreize für die voyeuristische Lust am Grauen, der selbst kritische Menschen mitunter nachgeben? "Eine sehr Große", findet Grimm: "Hier sehe ich die Chance für einige Anbieter, zu zeigen, dass sie sich Zeit nehmen, glaubwürdige Informationen zu recherchieren. Viele Journalisten unterschätzen ihre Leser: Die sind es irgendwann müde, mit vordergründigen Infos abgespeist zu werden."

Die Medien machen bei der Berichterstattung über Amokläufe aber nicht alles falsch – wichtig ist, die ethischen Probleme der Reporter vor Ort zu thematisieren. "Die selbstreflexive, kritische Berichterstattung ist im Vergleich mit dem Amoklauf von Erfurt viel stärker geworden – daran sehe ich, dass sich etwas bewegt.“ Damit, so Grimm weiter, könnte die Schreckenstat eine positive Folge haben: "Vielleicht berichten Journalisten in der nächsten Extremsituation vorsichtiger, ethisch korrekt, transparent und mit dem Anspruch, wahrhaftig zu sein."

 
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