Berichterstattung über Amoklauf"Die Würde hat keine Priorität"

Der Gewalt-Experte Joachim Kersten kritisiert die Medien. Die Bluttat von Winnenden könnte durch Berichte über einen Amoklauf in Alabama ausgelöst worden sein

ZEIT ONLINE: Herr Kersten, nach dem Unglück in Winnenden bleibt vor allem Unwissenheit. Niemand versteht, wie so etwas geschehen kann. Haben Sie einen Erklärungsversuch?

Joachim Kersten: Ich kann das Handeln dieses jungen Mannes auch nicht erklären. Sicherlich gibt es in diesem Fall Parallelen zu anderen jungen männlichen Tätern: Sie sind jung, fasziniert von Waffen und kommen aus stabilen Milieus. Man kann davon ausgehen, dass der Täter in Winnenden wie andere Gewalttäter gedemütigt war. Diese Demütigung war so unerträglich, dass ihm Gewalt als probates Mittel erschien. Es ist aber eine Illusion, zu glauben, ein allgemeines Motiv ergründen zu können. Man kann für solche Tragödien auch keine Präventivmaßnahmen entwickeln. Seit dem Amoklauf vor 20 Jahren im australischen Melbourne beschäftige ich mich mit dem Thema und verstehe die Leute, die jetzt mehr Erklärungen wollen. Aber wissenschaftlich wäre das unseriös.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Aber wie geht eine Gesellschaft mit einem Drama um, welches sie nicht versteht?

Kersten: Leider zunehmend schlechter. Die Sprachlosigkeit, die jeder Einzelne braucht, um solch einen Vorgang zu verstehen, bekommt keinen Raum mehr. Stellen Sie sich vor, sie schicken Ihr Kind morgens zur Schule, sagen ihm noch, was es anziehen solle. Dann läuft es los und wird getötet. Das ist wie ein Einbruch des Krieges mitten im Frieden. Für die Eltern ändert sich das Leben von einer Sekunde auf die nächste. Nichts ist wie es war. Aber statt darüber nachzudenken, die Ereignisse wirken zu lassen, wird in unserer Medien-Gesellschaft sofort reagiert: mit Bildern, mit Bilderserien und mit einem Sich-Überbieten von Erklärungen. Das war nach den Amokläufen in Erfurt so, das war in Emsdetten so und das ist jetzt umso mehr so. Es gibt eine Unfähigkeit, sich den kurzzeitigen Kontrollverlust einzugestehen. Das soll keine pauschale Medienschelte sein, aber ich vermute, dass die Ereignisse in Alabama den Täter berührt haben.

ZEIT ONLINE: Sie sehen einen  Zusammenhang zwischen dem Amoklauf in Alabama und der Tat in Winnenden?

Kersten: Die Tat in Alabama war vergleichbar. Die Bilder gingen schnell um die Welt und waren auch in einigen deutschen Medien Aufmacherthema. Ich habe gestern früh gesehen, wie Nachrichtenseiten als erstes Bild einer Bilderserie ein Foto einer mehrmals durchschossenen Fensterscheibe aus Alabama gezeigt haben. Ich dachte, hoffentlich sieht keiner dieser potenziellen Täter in Deutschland diese Bilder. Nach eineinhalb Stunden bekam ich dann einen Anruf und erfuhr, was in Winnenden passiert war. Da kann es einen Zusammenhang gegeben haben. Kriminologisch ist diese Theorie wenigstens belegt – anders als vieles andere, was kursiert. Der Nachahmungseffekt ist nachgewiesen.

ZEIT ONLINE: Die Berichterstattung könnte Ursache sein?

Leserkommentare
  1. Noch am Montag wird in "seriösen" TV-News minutenlang über "Barbie-Geburtstag" berichtet, und obwohl man darüber den Kopf schüttelt, freut man sich doch: "Scheint nichts Schlimmeres in der Welt passiert zu sein..."

    Die Medien sollten angesichts der geleisteten Arbeit in den letzten beiden Tagen mit etwas Abstand ihre Arbeit reflektieren.

    Aus meiner Sicht ist die "Verwertung" dieses Dramas unfassbar: Niveaulos, schamlos, moralfrei, hemmungslos...
    Jeder Sender muss auf seine Art das Elend maximal ausschlachten. Die öffentlich-rechtlichen mit nichtssagenden Brennpunkten, die News-Sender mit "Developing News", welche stundenlang rangierende Ploziefahrzeuge zeigen. Sogar Musiksender wie VIVA, blenden Laufschriften mit "Wir trauern um..." ein.

    Dies war schon bei der Notwasserung des Flugzeugs in New York festzustellen: Hier konnte man Rettungsaktion und das spätere Sinken des Flugzeugs live auf vielen News-Sendern mitverfolgen.

    Ich bin gern informiert. Gern auch über alle "schmutzigen Details".
    Mir persönlich reicht das aber kompakt und fundiert - und nicht ganztägig "live vom Tatort".

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hallo,

    ich gebe Ihnen meine volle Zustimmung und finde Ihren Artikel sehr gut.
    Man müßte dieser mediengeilen Gesellschaft irgendwie die Plattform entziehen, das ist aber wohl müßig sich darüber Gedanken zu machen. Sehr ! befremdlich fand ich als ein Freund von mir auf YouTube verwies, und mir sagte, daß dort ein Video wäre wo zu sehen ist, wie dem Amokläufer zuerst ins Bein geschossen und er sich kurz darauf erschießt. Seine Aussage über das Video war: Geil!!
    Was für eine kranke Gesellschaft...

    Hallo,

    ich gebe Ihnen meine volle Zustimmung und finde Ihren Artikel sehr gut.
    Man müßte dieser mediengeilen Gesellschaft irgendwie die Plattform entziehen, das ist aber wohl müßig sich darüber Gedanken zu machen. Sehr ! befremdlich fand ich als ein Freund von mir auf YouTube verwies, und mir sagte, daß dort ein Video wäre wo zu sehen ist, wie dem Amokläufer zuerst ins Bein geschossen und er sich kurz darauf erschießt. Seine Aussage über das Video war: Geil!!
    Was für eine kranke Gesellschaft...

  2. Hallo,

    ich gebe Ihnen meine volle Zustimmung und finde Ihren Artikel sehr gut.
    Man müßte dieser mediengeilen Gesellschaft irgendwie die Plattform entziehen, das ist aber wohl müßig sich darüber Gedanken zu machen. Sehr ! befremdlich fand ich als ein Freund von mir auf YouTube verwies, und mir sagte, daß dort ein Video wäre wo zu sehen ist, wie dem Amokläufer zuerst ins Bein geschossen und er sich kurz darauf erschießt. Seine Aussage über das Video war: Geil!!
    Was für eine kranke Gesellschaft...

    Antwort auf "Geschockt"
    • rabin
    • 13.03.2009 um 10:14 Uhr

    Könnten Medien je zugeben, dass sie doch von "nachrichtenstarken" Ereignissen profitieren. Man kann Bilder zeigen, die schockieren, und die zeigt man immer wieder. Wie oft haben wir die einstürzenden twin-towers gesehen ?

    Klar, dass ein solches den run auf die schnellsten Information, die besten Experten , die spannendste show auslöst.

    Ein solches Ereignis interessiert die Menschen. Das bringt Quote. Und allein DIE zählt.

  3. 4. Danke

    Danke fuer diesen Beitrag, Herr Kersten. Ernsthaft, bescheiden, ehrlich. Leider die seltene Ausnahme bei all diesen Expertenbefragungen.

    • o_O
    • 13.03.2009 um 13:16 Uhr

    Ich finde es derzeit unerträglich die Zeitung zu lesen oder auch nur den Fernseher anzumachen. Widerlich, wie dieses Drama bis ins kleinste Detail seziert und ausgeschlachtet wird und wer da alles interviewt und was weiss ich nicht alles wird...

    Vor allem Politiker sollten sich einen Satz hinter die Ohren schreiben: Soetwas wie "Kontrolle" gibt es nicht - schon gar keine 100%ige! Und per Gesetz Kontrolle garantieren zu wollen, ist absolut unseriös.

    "Es gibt eine Unfähigkeit, sich den kurzzeitigen Kontrollverlust einzugestehen."... treffender kann man es nicht formulieren.

  4. 6. Medien

    Zuerst einmal stimme ich Herrn Kersten voll und ganz zu und will ihm meine Hochachtung allein schon dafür zollen, dass er nicht an der Talkshow teilgenommen hat. Es sollte mehr Leute seines Schlags geben.
    Allerdings möchte ich noch etwas hinzufügen, was auf manch einen vielleicht Haarsträubend und absurd wirken mag.
    Ich versuche mit einem banalen Satz anzufangen: Die Medien zeigen, was die Masse sehen will. Denn sie sind weder Wohltäter noch Moralapostel. Sie nutzen den maximalen Gesetzlichen Spielraum um möglichst viel Geld zu verdienen. Ihre Ware heisst Information. Wie hoch die Qualität der Ware Information sein muss, dass sie verkauft werden kann bestimmen die Kunden. Das heisst, das statistische Mittel der Gesellschaft.
    Dieses statistische Mittel der Gesellschaft hat seine Qualitätsansprüche in den letzten Jahren, vielleicht auch schon eher, abgesenkt und sich daran gewöhnt, jegliche Information zu konsumieren. Diese Sichtweise drängt sich mir leider trotz der ersten beiden Kommentare hier, die mir Hoffnung geben (die anderen habe ich noch nicht gelesen, deshalb bitte ich um Nachsicht, sollte ich jemandem nicht den verdienten Respekt gezollt haben) auf.
    Daher drängt sich mir im Endeffekt eine Frage auf: Wieso lässt sich das statistische Mittel der Gesellschaft auf den Konsum immer schlechterer und unzuverlässigerer Informationen ein? Meine Antwort: wir tendieren immer mehr zur berühmten 2/3 Gesellschaft. 2/3 arbeitet viel, um den Lebensstandard mit allen Mitteln noch aufrecht erhalten zu können. Abends kommt man gestresst von der Arbeit, weil man den ganzen Tag Verteilungskämpfe durchgestanden hat und man ist gestresst - gelangweilt. Dann setzt man sich vor den Fernseher und "zieht sich irgendwas rein", egal was.
    Das andere drittel der Gesellschaft lebt am Rande des Existenzminimums oder darunter und verbringt demotiviert die Zeit zu Hause. Auch dieses Drittel ist ein leichtes Opfer für den Verkauf von schlechter Information.
    Die von Herrn Kerster angeregte Debatte ist sicher ein sehr wichtiger erster Schritt, für eine tiefgreifende Veränderung, denn ohne sie kann die Gesellschaft das kollektive Bewusstsein nicht oder nur sehr schwer ändern.
    Im zweiten Schritt müssen aber wir alle uns wieder folgende Dinge, die ich hier ohne Anspruch auf Vollständigkeit auflisten will, vergegenwärtigen:
    - In einer Talkshow werden keine Probleme gelöst. Dort sitzen nur aufgeblasene Pseudoexperten, die sich mit Geschwafel profilieren und mit den Gagen die Taschen vollstopfen wollen.
    - Wenn ich einer alten Damen oder einem alten Herrn, der sich schwer tut beim laufen, über die Straße helfe bin ich selber glücklicher und habe mehr für die Welt getan als wenn ich mich mit irgendwelchen Attentaten auf der Welt über die Medien auseinandersetze.
    - Wenn ich gestresst - gelangweilt abends zu hause von der Arbeit ankomme wirkt es Wunder, eine Fahrradrunde zu drehen mit den Kindern oder zu joggen oder vielleicht auch nur spazieren zu gehen. Und es macht mich glücklich. Während, wenn ich mir vor dem Fernseher die neuesten Sensationslüsternen Meldungen reinziehe geht's mir anschliessend noch schlechter und ich verdumme.
    Wenn wir uns über diese Dinge im klaren sind und konsequent handeln werden auch die Medien wieder besser bzw. jene, die nicht besser werden, werden Pleite gehen.

  5. ...in der deutschen Medienlandschaft gibt es nicht.

    Für die Quote ist jedem Medium jede Art von Journalismus recht und billig.

    Die Einen ergießen sich in Mitleid und die Anderen in schamloser Indiskretion.

    Hauptsache ist, es schauen genug Menschen hin, wenn möglich noch live und mit versteckter Kamera.

    Die Medien wecken die primitivsten Instinkte der Menschen, nur damit jeder schnell "Kasse machen" kann.

    Die Opfer spielen doch eigentlich eine untergeordnete Rolle.

    Tagtäglich sterben auf der Welt Millionen von Kindern durch Terror, Gewalt und Hunger. Hervorgerufen durch ein perfides Leistungssystem, das nicht in der Lage ist, die Welt für die Menschen zu einem Hort des Miteinander zu verbinden.

    Kaum ein Sender berichtet, wie hunderte Kinder täglich in Afrika sterben, weil es Alltag ist.

    Heute wird noch minütlich von einem solchen Amok-Lauf berichtet. Das ist in meinen Augen nur weitere Anstiftung zu noch ungeheuerlicheren Taten - bis diese auch bei uns zum Alltag gehören werden, solange WIR nichts konkretes dafür tun!

    Die Medien geben vor, aufklären zu wollen. Sie wissen aber selbst nicht wie, weil sie es nicht können und unter unter dem gleichen Zwang stehen wie die meisten Menschen in diesem Land:

    Der Gier nach immer mehr:

    - Geld
    - Gewalt
    - Macht
    - Selbstdarstellung

    Wer hört heute noch seinem Mitmenschen zu und achtet seinen Nachbarn noch als Persönlichkeit?

    Wir versuchen doch nur noch, den schönen Schein zu wahren.

    Stellen Sie sich vor den Spiegel und sehen Sie sich selbst einmal in die Augen - sehen Sie noch den Menschen, der auf seine Mitmenschen zugehen kann und diesen helfen möchte?

    Wenn ja, dann sind Sie einer von den noch verblieben "Guten".

    Wenn nein, dann sollten Sie sich überlegen, selbstkritisch über Ihr Verhalten nachzudenken.

    Wir brauchen keinen "reißerischen und informativen" Journalismus wie in den letzten 24 Stunden.
    Was wir brauchen, das ist ein Journalismus, der sich nich an Augenblickssituationen fest hält, sondern sich auch in solch schweren Stunden um die Probleme ALLER Menschen kümmert.

    Man sollte immer bedenken, dass der Mensch, dem man in dieser Zeit - der Quote wegen - die Aufmerksamkeit versagt, der nächste sein könnte, der sich seine Aufmerksamkeit holen möchte - wie auch immer!

    • spacko
    • 13.03.2009 um 15:28 Uhr

    Erst die Liveberichterstattung, unmittelbar danach die Erklärungsversuche und zwei Tage später die Medienkritik. Beim nächsten Mal das Gleiche von vorn.

    Mal ganz abgesehen davon, dass der Herr Kersten hier zwar die Medien scheltet, aber gleichzeitig das Interview nutzt, um seine Erklärungshypothese an die Öffentlichkeit zu bringen. Hauptsache, sie ist "kriminologisch belegt".

    Alle ein bisschen bluna, anscheinend.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service