Berichterstattung über Amoklauf "Die Würde hat keine Priorität"Seite 3/3
ZEIT ONLINE: Am Mittwochabend gab es in der ARD eine Extra-Ausgabe von Hart aber Fair , in der Politiker und Experten zum Thema diskutierten. Von der von Ihnen angeregten Debatte war wenig zu hören.
Kersten: Solch eine Show ist eine völlig ungeeignete Plattform für dieses Thema. Die Dynamik der Sendung beruht darauf, dass man Argumente wie beim Judo bewertet. Auch ich habe mich gefragt: Bin ich so mediengeil? Muss ich in einer Sendung dieser hohen Quote stehen und streiten. Ist das ein würdevolles Verhalten eines Wissenschaftlers? Meine Antwort war: Nein. Ich habe mich selbst ausgeladen.
ZEIT ONLINE: Sie sagten, Sie wollen keine Medienschelte verteilen. Jetzt hört es sich doch so an.
Kersten: Wir haben in Deutschland bessere Medien als in vielen anderen Ländern. In unserem Grundgesetz steht, dass die Pressefreiheit nicht über die Würde des Einzelnen geht. In den vergangenen 20 Jahren habe ich allerdings erlebt, dass die Würde der Betroffenen in vielen Medien nicht Priorität hat. Die Würde unterliegt einer Korrosion. Das finde ich als Wissenschaftler bedauerlich.
Die Fragen stellteSteffen Dobbert.
- Datum 13.03.2009 - 15:53 Uhr
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Noch am Montag wird in "seriösen" TV-News minutenlang über "Barbie-Geburtstag" berichtet, und obwohl man darüber den Kopf schüttelt, freut man sich doch: "Scheint nichts Schlimmeres in der Welt passiert zu sein..."
Die Medien sollten angesichts der geleisteten Arbeit in den letzten beiden Tagen mit etwas Abstand ihre Arbeit reflektieren.
Aus meiner Sicht ist die "Verwertung" dieses Dramas unfassbar: Niveaulos, schamlos, moralfrei, hemmungslos...
Jeder Sender muss auf seine Art das Elend maximal ausschlachten. Die öffentlich-rechtlichen mit nichtssagenden Brennpunkten, die News-Sender mit "Developing News", welche stundenlang rangierende Ploziefahrzeuge zeigen. Sogar Musiksender wie VIVA, blenden Laufschriften mit "Wir trauern um..." ein.
Dies war schon bei der Notwasserung des Flugzeugs in New York festzustellen: Hier konnte man Rettungsaktion und das spätere Sinken des Flugzeugs live auf vielen News-Sendern mitverfolgen.
Ich bin gern informiert. Gern auch über alle "schmutzigen Details".
Mir persönlich reicht das aber kompakt und fundiert - und nicht ganztägig "live vom Tatort".
Hallo,
ich gebe Ihnen meine volle Zustimmung und finde Ihren Artikel sehr gut.
Man müßte dieser mediengeilen Gesellschaft irgendwie die Plattform entziehen, das ist aber wohl müßig sich darüber Gedanken zu machen. Sehr ! befremdlich fand ich als ein Freund von mir auf YouTube verwies, und mir sagte, daß dort ein Video wäre wo zu sehen ist, wie dem Amokläufer zuerst ins Bein geschossen und er sich kurz darauf erschießt. Seine Aussage über das Video war: Geil!!
Was für eine kranke Gesellschaft...
Hallo,
ich gebe Ihnen meine volle Zustimmung und finde Ihren Artikel sehr gut.
Man müßte dieser mediengeilen Gesellschaft irgendwie die Plattform entziehen, das ist aber wohl müßig sich darüber Gedanken zu machen. Sehr ! befremdlich fand ich als ein Freund von mir auf YouTube verwies, und mir sagte, daß dort ein Video wäre wo zu sehen ist, wie dem Amokläufer zuerst ins Bein geschossen und er sich kurz darauf erschießt. Seine Aussage über das Video war: Geil!!
Was für eine kranke Gesellschaft...
Hallo,
ich gebe Ihnen meine volle Zustimmung und finde Ihren Artikel sehr gut.
Man müßte dieser mediengeilen Gesellschaft irgendwie die Plattform entziehen, das ist aber wohl müßig sich darüber Gedanken zu machen. Sehr ! befremdlich fand ich als ein Freund von mir auf YouTube verwies, und mir sagte, daß dort ein Video wäre wo zu sehen ist, wie dem Amokläufer zuerst ins Bein geschossen und er sich kurz darauf erschießt. Seine Aussage über das Video war: Geil!!
Was für eine kranke Gesellschaft...
Könnten Medien je zugeben, dass sie doch von "nachrichtenstarken" Ereignissen profitieren. Man kann Bilder zeigen, die schockieren, und die zeigt man immer wieder. Wie oft haben wir die einstürzenden twin-towers gesehen ?
Klar, dass ein solches den run auf die schnellsten Information, die besten Experten , die spannendste show auslöst.
Ein solches Ereignis interessiert die Menschen. Das bringt Quote. Und allein DIE zählt.
Danke fuer diesen Beitrag, Herr Kersten. Ernsthaft, bescheiden, ehrlich. Leider die seltene Ausnahme bei all diesen Expertenbefragungen.
Ich finde es derzeit unerträglich die Zeitung zu lesen oder auch nur den Fernseher anzumachen. Widerlich, wie dieses Drama bis ins kleinste Detail seziert und ausgeschlachtet wird und wer da alles interviewt und was weiss ich nicht alles wird...
Vor allem Politiker sollten sich einen Satz hinter die Ohren schreiben: Soetwas wie "Kontrolle" gibt es nicht - schon gar keine 100%ige! Und per Gesetz Kontrolle garantieren zu wollen, ist absolut unseriös.
"Es gibt eine Unfähigkeit, sich den kurzzeitigen Kontrollverlust einzugestehen."... treffender kann man es nicht formulieren.
Zuerst einmal stimme ich Herrn Kersten voll und ganz zu und will ihm meine Hochachtung allein schon dafür zollen, dass er nicht an der Talkshow teilgenommen hat. Es sollte mehr Leute seines Schlags geben.
Allerdings möchte ich noch etwas hinzufügen, was auf manch einen vielleicht Haarsträubend und absurd wirken mag.
Ich versuche mit einem banalen Satz anzufangen: Die Medien zeigen, was die Masse sehen will. Denn sie sind weder Wohltäter noch Moralapostel. Sie nutzen den maximalen Gesetzlichen Spielraum um möglichst viel Geld zu verdienen. Ihre Ware heisst Information. Wie hoch die Qualität der Ware Information sein muss, dass sie verkauft werden kann bestimmen die Kunden. Das heisst, das statistische Mittel der Gesellschaft.
Dieses statistische Mittel der Gesellschaft hat seine Qualitätsansprüche in den letzten Jahren, vielleicht auch schon eher, abgesenkt und sich daran gewöhnt, jegliche Information zu konsumieren. Diese Sichtweise drängt sich mir leider trotz der ersten beiden Kommentare hier, die mir Hoffnung geben (die anderen habe ich noch nicht gelesen, deshalb bitte ich um Nachsicht, sollte ich jemandem nicht den verdienten Respekt gezollt haben) auf.
Daher drängt sich mir im Endeffekt eine Frage auf: Wieso lässt sich das statistische Mittel der Gesellschaft auf den Konsum immer schlechterer und unzuverlässigerer Informationen ein? Meine Antwort: wir tendieren immer mehr zur berühmten 2/3 Gesellschaft. 2/3 arbeitet viel, um den Lebensstandard mit allen Mitteln noch aufrecht erhalten zu können. Abends kommt man gestresst von der Arbeit, weil man den ganzen Tag Verteilungskämpfe durchgestanden hat und man ist gestresst - gelangweilt. Dann setzt man sich vor den Fernseher und "zieht sich irgendwas rein", egal was.
Das andere drittel der Gesellschaft lebt am Rande des Existenzminimums oder darunter und verbringt demotiviert die Zeit zu Hause. Auch dieses Drittel ist ein leichtes Opfer für den Verkauf von schlechter Information.
Die von Herrn Kerster angeregte Debatte ist sicher ein sehr wichtiger erster Schritt, für eine tiefgreifende Veränderung, denn ohne sie kann die Gesellschaft das kollektive Bewusstsein nicht oder nur sehr schwer ändern.
Im zweiten Schritt müssen aber wir alle uns wieder folgende Dinge, die ich hier ohne Anspruch auf Vollständigkeit auflisten will, vergegenwärtigen:
- In einer Talkshow werden keine Probleme gelöst. Dort sitzen nur aufgeblasene Pseudoexperten, die sich mit Geschwafel profilieren und mit den Gagen die Taschen vollstopfen wollen.
- Wenn ich einer alten Damen oder einem alten Herrn, der sich schwer tut beim laufen, über die Straße helfe bin ich selber glücklicher und habe mehr für die Welt getan als wenn ich mich mit irgendwelchen Attentaten auf der Welt über die Medien auseinandersetze.
- Wenn ich gestresst - gelangweilt abends zu hause von der Arbeit ankomme wirkt es Wunder, eine Fahrradrunde zu drehen mit den Kindern oder zu joggen oder vielleicht auch nur spazieren zu gehen. Und es macht mich glücklich. Während, wenn ich mir vor dem Fernseher die neuesten Sensationslüsternen Meldungen reinziehe geht's mir anschliessend noch schlechter und ich verdumme.
Wenn wir uns über diese Dinge im klaren sind und konsequent handeln werden auch die Medien wieder besser bzw. jene, die nicht besser werden, werden Pleite gehen.
...in der deutschen Medienlandschaft gibt es nicht.
Für die Quote ist jedem Medium jede Art von Journalismus recht und billig.
Die Einen ergießen sich in Mitleid und die Anderen in schamloser Indiskretion.
Hauptsache ist, es schauen genug Menschen hin, wenn möglich noch live und mit versteckter Kamera.
Die Medien wecken die primitivsten Instinkte der Menschen, nur damit jeder schnell "Kasse machen" kann.
Die Opfer spielen doch eigentlich eine untergeordnete Rolle.
Tagtäglich sterben auf der Welt Millionen von Kindern durch Terror, Gewalt und Hunger. Hervorgerufen durch ein perfides Leistungssystem, das nicht in der Lage ist, die Welt für die Menschen zu einem Hort des Miteinander zu verbinden.
Kaum ein Sender berichtet, wie hunderte Kinder täglich in Afrika sterben, weil es Alltag ist.
Heute wird noch minütlich von einem solchen Amok-Lauf berichtet. Das ist in meinen Augen nur weitere Anstiftung zu noch ungeheuerlicheren Taten - bis diese auch bei uns zum Alltag gehören werden, solange WIR nichts konkretes dafür tun!
Die Medien geben vor, aufklären zu wollen. Sie wissen aber selbst nicht wie, weil sie es nicht können und unter unter dem gleichen Zwang stehen wie die meisten Menschen in diesem Land:
Der Gier nach immer mehr:
- Geld
- Gewalt
- Macht
- Selbstdarstellung
Wer hört heute noch seinem Mitmenschen zu und achtet seinen Nachbarn noch als Persönlichkeit?
Wir versuchen doch nur noch, den schönen Schein zu wahren.
Stellen Sie sich vor den Spiegel und sehen Sie sich selbst einmal in die Augen - sehen Sie noch den Menschen, der auf seine Mitmenschen zugehen kann und diesen helfen möchte?
Wenn ja, dann sind Sie einer von den noch verblieben "Guten".
Wenn nein, dann sollten Sie sich überlegen, selbstkritisch über Ihr Verhalten nachzudenken.
Wir brauchen keinen "reißerischen und informativen" Journalismus wie in den letzten 24 Stunden.
Was wir brauchen, das ist ein Journalismus, der sich nich an Augenblickssituationen fest hält, sondern sich auch in solch schweren Stunden um die Probleme ALLER Menschen kümmert.
Man sollte immer bedenken, dass der Mensch, dem man in dieser Zeit - der Quote wegen - die Aufmerksamkeit versagt, der nächste sein könnte, der sich seine Aufmerksamkeit holen möchte - wie auch immer!
Erst die Liveberichterstattung, unmittelbar danach die Erklärungsversuche und zwei Tage später die Medienkritik. Beim nächsten Mal das Gleiche von vorn.
Mal ganz abgesehen davon, dass der Herr Kersten hier zwar die Medien scheltet, aber gleichzeitig das Interview nutzt, um seine Erklärungshypothese an die Öffentlichkeit zu bringen. Hauptsache, sie ist "kriminologisch belegt".
Alle ein bisschen bluna, anscheinend.
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