AIG-Boni Großverdiener als Buhmänner

Aktivisten protestieren vor den Häusern von AIG-Managern. Millionenboni für die Chefs des angeschlagenen Versicherers lösen in den USA eine ungekannte Neiddebatte aus

Protest gegen Bonuszahlungen bei AIG. Hier: in Wilton, Connecticut

Die Tour trägt den Titel "Lifestyle der Reichen und Berüchtigten" und führt durch Villenviertel der 60.000 Einwohner großen Stadt Fairfield im US-Bundesstaates Connecticut. Hier wohnen die Gutverdiener in stattlichen Häusern, mit Gärten und großen Veranden. Hier wohnen auch einige Führungskräfte des staatlich gestützten Versicherungskonzerns American International Group (AIG). Es sind jene, die in der vergangenen Woche Bonuszahlungen in Höhe von insgesamt 165 Millionen Dollar erhalten haben. Und es sind auch jene, die damit Entrüstung im ganzen Land ausgelöst haben.

"Mit dieser Fahrt wollen wir allen zeigen, wie diese Leute von unserem Steuergeld leben", sagt Gewerkschafter Stacey Zimmerman, der gemeinsam mit der Partei "Working Families" die die Busfahrt organisiert. Es dürfe nicht sein, dass ein Konzern nur durch 170 Milliarden Dollar an Steuerzahlergelder überleben könne und dann auch noch Boni auszahle. Dass sie damit in die Privatsphäre der Mitarbeiter eindringen und vielleicht einen Schritt zu weit gehen könnten, weisen alle Organisatoren von sich. "Wir wollen niemanden bedrohen, belästigen oder irgendwo eindringen", rechtfertigt sich Parteichef Jon Green.

Gekommen sind knapp 30 Demonstranten. Es sind Leute wie Mark Dziubek. Der Vater von fünf Kindern hat vor zwei Monaten seine Arbeit in einem Stahlwerk verloren. Jetzt hängt alles am Job seiner Frau. "Tausende verlieren gerade ihre Häuser, ihre Jobs, ihre Krankenversicherung. Allen geht es schlecht, deshalb muss jeder seinen Beitrag leisten. Auch die Gutverdiener von AIG", sagt der stämmige Mann mit der hohen Stirn und der Rahmenlosen Brille.

Der Bus hält vor den Häusern von zwei Vorständen der Finanzsparte: Der eine hat 6,4 Millionen Dollar an Bonuszahlungen bekommen hat – die höchste Summe, die der Versicherer ausgezahlt hat. Der andere wurde in der Klatschpresse als "Jackpot Jimmy" beschimpft. Dass beide Herren das Geld bereits zurückgegeben haben, stimmt die Aktivisten mild, hält sie jedoch nicht von der Aktion ab.

Die Protestfahrt mit anschließender Demo vor der Zentrale von AIGs Finanzsparte zieht Medien aus den USA und Europa an. Am Ende sind es sogar mehr Journalisten als Tour-Teilnehmer. Es ist ein gemäßigter Protest. Dziubek und andere lesen vor den Vorstands-Villen einen Brief vor, den sie anschließend in den Postkasten werfen. Dass die Herren ihre Boni zurück geben, sei ein "guter Start", steht darin. Und: "Wenn man die steigenden Missverhältnisse in unserem Staat und in unserem Land bedenkt, dann muss noch mehr getan werden. Wir würden es begrüßen, ihnen zeigen zu können, wie schwer es unsere Gemeinden getroffen hat."

Vor die Gruppe von Aktivisten und Journalisten traut sich keiner der AIG-Manager. Beide haben Sicherheitsleute auf ihrem Grundstück, die darauf achten, dass niemand zu nahe kommt. Auch die Polizei ist nicht weit. Der ehemals größte Versicherer der Welt ist um das Wohlergehen seiner Mitarbeiter besorgt: Es habe Morddrohungen gegen sie und ihre Familien gegeben, sagte AIG-Chef Edward Liddy vergangene Woche während einer Anhörung in Washington. Der Konzern weist seine Mitarbeiter an, den Firmenausweis abzunehmen, bevor sie abends oder in der Mittagspause auf die Straße gehen. Auch T-Shirts, Schirme oder Taschen mit dem Firmenlogo sollten besser nicht getragen werden, rät der AIG-Sicherheitsdienst.

Eigentlich galten Großverdiener in den USA bislang eher als Vorbilder statt als Buh-Männer. Doch die öffentliche Erregung gegen die Bonuszahlungen löst gerade eine kaum gekannte Neiddebatte aus. "Es wird mehrere und größere Protestaktionen geben", sagt Brian Petronella, der die "Working Families" in Connecticut mit gegründet hat. "Aber werden sie auch weiterhin friedlich bleiben? Das kann ich nur hoffen."

 
Leser-Kommentare
  1. Ich verstehe nicht, warum sozialpolitisches Engagement, auch wenn es sich vorerst in Protest erschöpft, hier als Auswuchs des Neides verunglimpft wird.

    Immer noch nichts gelernt, ZEIT?

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    • th
    • 22.03.2009 um 21:23 Uhr

    Es gab doch viel Neid in den letzten Jahren:

    Man hat den Arbeitnehmern ihr Einkommen geneidet,
    und man hätte ihnen auch den Mindestlohn geneidet, wenn er denn durchgekommen wäre
    man hat den Arbeitslosen ihre Unterstützung geneidet
    man hat den Rentnern ihre Rente geneidet
    man hat den Kranken ihr Krankengeld geneidet
    man hat den Studenten ihr fast gebührenfreies Studium geneidet
    man hat den Schülern die Lehrmittelfreiheit geneidet

    usw.

    mit einem Wort, man hat den Menschen alles Geld geneidet, welches nicht am Ende in den Taschen der Spekulanten landete, um die grossartige Blase noch zu vergrößern.

    Allerdings haben die wenigsten Journalisten über diese Neiddebatte ein Wort verloren.

    • th
    • 22.03.2009 um 21:23 Uhr

    Es gab doch viel Neid in den letzten Jahren:

    Man hat den Arbeitnehmern ihr Einkommen geneidet,
    und man hätte ihnen auch den Mindestlohn geneidet, wenn er denn durchgekommen wäre
    man hat den Arbeitslosen ihre Unterstützung geneidet
    man hat den Rentnern ihre Rente geneidet
    man hat den Kranken ihr Krankengeld geneidet
    man hat den Studenten ihr fast gebührenfreies Studium geneidet
    man hat den Schülern die Lehrmittelfreiheit geneidet

    usw.

    mit einem Wort, man hat den Menschen alles Geld geneidet, welches nicht am Ende in den Taschen der Spekulanten landete, um die grossartige Blase noch zu vergrößern.

    Allerdings haben die wenigsten Journalisten über diese Neiddebatte ein Wort verloren.

    • Daaje
    • 22.03.2009 um 14:47 Uhr

    Nehmen wir einmal tatsächlich an, dass es nicht empfundene Ungerechtigkeit oder sozialpolitisches Engagement ist, dass die Menschen auf die Straße treibt. Nehmen wir einmal an, es sei pure Missgunst und Neid. Selbst dann könnten die Forderungen der Protetierenden gerechtfertigt sein. Ob dem so ist, hätte Gegenstand dieses Artikels sein können. Doch statt sich dem Inhaltlich zu nähern, fokussiert dieser Artikel die Aufmerksamkeit des Lesers auf die unterstellte Motivation.

    Das ist eine bekannte rethorische Figur, "ad hominem" oder "ad personam". In der politischen Rede mögen sie wertvoll sein. Dennoch bleiben sie Fehlschlüsse. Fehlschlüsse mit großer manipulativer Kraft.

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    • medwed
    • 22.03.2009 um 16:29 Uhr

    30 (in Worten: dreissig) in diesem Falle. Die Menschen? Korrekt wäre "ein kleines Grüppchen auf die Straße getrieben hat."

    • medwed
    • 22.03.2009 um 16:29 Uhr

    30 (in Worten: dreissig) in diesem Falle. Die Menschen? Korrekt wäre "ein kleines Grüppchen auf die Straße getrieben hat."

  2. nennt man das jetzt, wenn andere ums nackte Überleben kämpen und man die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen will.
    Der soz. Frieden steht auf der Kippe in vielen Ländern und hier nennt man das Neiddebatte.

    • Anonym
    • 22.03.2009 um 15:05 Uhr

    Es kann nicht sein, dass man dem Volk schmerzende Reformen und auch Einkommensverluste abverlangt, die höher stehenden Manager, Politiker und sonstigen der Oberschicht jegliches Ansinnen auf ihr Einkommen, lapidar als Neiddebatte abtun.
    Nein auch diese Herrschaften haben ein Verantwortung gegenüber dem Staat, von dem auch sie und ihre Familien profitieren.
    Der Begriff der Sozialen Marktwirtschaft, müsste um einen Passus verfassungsmäßig erweitert werden.
    Es sollte eigentlich heißen : Soziale gesellschaftsvepflichtend Marktordnung und danach muß ohne wenn und aber gehandelt werden.
    Nicht die Länder dieser Erde, die schon einen weiten Weg in diese Richtung gegangen sind, müssen sich den wirtschaftlich zurück gebliebenen Staaten anpassen, sondern die anderen Länder sollten sich an den oberen Maßstäben orientieren müssen.
    Wer von den Managern dieses Land nicht als das seine ansieht, der möge doch sein Heil in den USA oder China suchen.

    Herzlichst
    Auf ein Wort

  3. Ich würde diese Debatte nicht Neid sondern Ungerechtigkeitsdebatte nennen.

    Losgelöst des rechtlichen System, welches solche Entwicklungen zulässt ist der Protest absolut zu verstehen.

    Diejenigen, die für die Krise verantwortlich sind, sahnen ab und die Opfer der Krise müssen bluten.

    DA IST PROTEST DOCH WOHL MEHR ALS GERECHTERTIGT!!!!!!

  4. "Neiddebatte" ist ein sich selbst entlarvender Kampfbegriff des neoliberalen Deregulierungs- und Abzockerwahns, dass das Weltfinanzsystem an den Rand des Abgrunds geführt hat, um die Abzockerei und die Pfründe zu abzuschotten und gegen Kritik zu immunisieren !

    Das klappt nicht mehr , wie bereits die vorangehenden Kommentare belegen!

    Gerechtigkeits-Ungerechtigkeits-Debatte
    muss der zentrale Begriff des Neuen Denkens sein, das die gigantische Krise als CHANCE zu einem radikalen CHANGE auffasst.

    Mit Kampfbegriffen wie "Neid-Debatte" lassen wir uns nicht noch einmal in den Käfig des Alten-Abzocker- Denkens einsperren !

    Die Neue Aufklärung hat doch längst begonnen: Das muss doch auch DIE ZEIT bemerkt haben !

  5. Die Großverdiener sind überempfindlich,
    das Leben für "normale" Menschen kann nicht hart genug sein,
    kaum sind sie aber selber ein bischen betroffen fangen sie an zu
    heulen.

    Wie kann es denn sein, daß die Verantwortlichen für diese Krise
    noch in ihren Villen sitzen ?

    Ich wüßte da eine Insel in der Karibik wo diese Leute hingehören.

  6. dieser Begriff ist doch bei der ZEIT wie zu Hause. In einem KULTURZEIT-Bericht (3sat) über ein Buch, das ein FT-Redakteur geschrieben hat, wurde von der ständigen Umverteilung VON UNTEN NACH OBEN gesprochen.
    So ist das System angelegt, zumindest mittlereile. Das andere ist Propaganda der Geldkreise, die die Medien beherrschen und manipulieren, die eine Armee von Lobbyisten zur Hirnwäsche der Bevölkerung los schicken. Obwohl sie unglaublich viel an Vermögen und Einkommen zugelegt haben, die letzten Jahre. Ich würde mich in Grund und Boden schämen für so viel Bodenlosigkeit und Hinterhältigkeit. Nur sehr fragwürdige Charaktere machen mit diesen Mitteln Klassenkampf von oben, Klassenkampf für die, die schon alle strukturellen Vorteile haben und diese auf´s Schäbigste benutzen.

    FG

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